Der Papst in Lettland: Freiheit und Verantwortung, Ökumene, Mission und Geduld

RIGA – Gleich mehrere Anliegen hat Papst Franziskus am Vormittag seiner Tagesreise nach Lettland in Begegnungen mit Politikern und Protestanten, aber auch gegenüber den Katholiken des Landes zur Sprache gebracht.

Der Besuch begann – wie bei diesen Reisen üblich – mit einer Rede vor Vertretern aus Politik und Gesellschaft. Darin betonte der Pontifex, dass Freiheit und Unabhängigkeit sowohl ein Geschenk seien, als auch eine Verantwortung darstelle, derer man nur entsprechen kann, wenn man auch einen „Bezug zum Höheren“ habe.

Anschließend legte Franziskus am Freiheitsdenkmal im Zentrum Rigas nieder, das die kommunistischen Sowjets einst abreißen wollten.

Mission als Schlüssel zur Einheit

Bei einer ökumenischen Begegnung – Lettland ist vorwiegend protestantisch geprägt – stellte Franziskus dann erneut die Einheit der Christen unter das Vorzeichen der Mission: Ein Lösungsansatz zur Überwindung der Spaltung, den er zuletzt in Genf beim Ökumenischen Rat der Kirchen vorgetragen hat, wie CNA Deutsch berichtete.

Nächster Halt in Riga war die katholische Kathedrale St. Jakob. In seiner dortigen Ansprache widmete der Papst sich dem Apostel und Namenspatron des Doms, vor allem dessen Aufruf zu Beharrlichkeit im Glauben und zur Geduld:

„Der Apostel Jakobus lädt uns ein, beständig zu sein und nicht aufzugeben“, so der Pontifex.

Nach dem Mittagessen wird Franziskus per Hubschrauber zum Marienheiligtum Aglona geflogen, um dort die heilige Messe zu feiern.

Die Papstreise ins Baltikum, die vom 22. bis 25. September dauert, brachte Franziskus zuerst nach Litauen, wie CNA Deutsch berichtete.

Letzte Station ist am morgigen Dienstag dann Estland. (CNA Deutsch)

Rom erkennt von chinesischer Regierung geweihte Bischöfe an

VATIKANSTADT – Nach der Unterzeichnung eines vorläufigen Abkommens zwischen dem Vatikan und China über die Ernennung von Bischöfen hat der Vatikan angekündigt, die sieben Bischöfe anzuerkennen, die gegen den Willen Roms von der chinesischen Regierung geweiht wurden.

Die Exkommunikation der sieben Männer ist somit aufgehoben. Die Entscheidung werde „im Hinblick auf die Aufrechterhaltung der Verkündigung des Evangeliums in China“ getroffen, so wörtlich ein Pressebericht des Vatikans. Die Bischöfe, die nun zur vollen Gemeinschaft mit der Kirche zugelassen werden:

Bischof Joseph Guo Jincai von Rehe,

Bischof Joseph Huang Bingzhang von Shantou,

Bischof Paul Lei Shiyin von Jiading,

Bischof Joseph Liu Xinhong von Wuhu,

Metropolit Joseph Ma Yinglin von Kunming,

Bischof Joseph Yue Fusheng, apostolischer Verwalter von Harbin und

Bischof Vincent Zhan Silu von Funing.

Es wurde auch bekannt gegeben, dass Papst Franziskus – der eigentliche gerade das Baltikum besucht – in China eine neue Diözese gegründet habe. Das Bistum Chengde ist dem Erzbistum Peking zugeordnet; rund 25.000 Katholiken sollen in seinen Grenzen leben, so der Vatikan.

In einer Erklärung teilte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin laut „Vatican News“ mit, das Ziel des Abkommens sei „pastoral“.

„Papst Franziskus, wie es seine unmittelbaren Vorgänger auch schon getan haben, schaut mit besonderer Aufmerksamkeit auf das chinesische Volk. Was jetzt gebraucht wird, ist Einheit, ist Vertrauen und ein neuer Impuls.“

Es gehe darum „Gute Hirten zu haben, anerkannt vom Nachfolger Petri – vom Papst – und von den legitimen zivilen Behörden“, so Parolin.

Er hoffe, dass das Abkommen ein Mittel dafür sein werde.

„Der Papst vertraut der katholischen Gemeinschaft in China – den Bischöfen, Priestern, Ordensleuten und Gläubigen – vor allem die Verpflichtung an, konkrete brüderliche Gesten der Versöhnung untereinander zu machen und so vergangene Missverständnisse, vergangene Spannungen, auch die jüngsten, zu überwinden“, so Parolin. (CNA Deutsch)

Kardinal Tobin sagt Teilnahme an Jugendsynode ab

WASHINGTON – Der Erzbischof von Newark hat angekündigt, dass er nicht an der Jugendsynode im Oktober teilnehmen wird.

Kardinal Joseph Tobin war von Papst Franziskus dazu persönlich eingeladen worden. Der Erzbischof begründete seine Absage mit „pastoralen Verpflichtungen“ in der Erzdiözese angesichts der Missbrauchskrise. Er habe dies dem Papst bereits mitgeteilt.

„Der Heilige Vater antwortete am nächsten Tag mit einer schönen pastoralen und mitfühlenden Botschaft. Er sagte mir, dass er versteht, warum ich in der Nähe von zu Hause bleiben muss, und er befreite mich von der Verpflichtung, nächsten Monat an der Synode teilzunehmen“, so Tobin in einem Hirtenbrief an die Katholiken seiner Diözese.

Tatsächlich ist das Erzbistum Newark – in dem dern mutmaßliche Sexualstraftäter Theodore McCarrick als Erzbischof wirkte – von mehreren Skandalen erschüttert worden, darunter Meldungen über homosexuelle Aktivitäten von Priestern der Diözese.

Kirchenkrise und Jugendsynode

Kardinal Tobin ist bereits der zweite Bischof, der seine Teilnahme an dem Treffen abgesagt hat. Vor einigen Tagen teilte der Jugendbischof der Niederlande, Rob Mutsaerts mit, dass er den Zeitpunkt der Synode für falsch hält angesichts der Kirchenkrise, wie CNA Deutsch berichtete.

Weitere US-Bischöfe, die teilnehmen werden, sind Kardinal Blase Cupich von Chicago, der ebenfalls von Papst Francis zum Teilnehmer ernannt wurde, sowie als Delegierte der Bischofskonferenz deren Vorsitzender und Stellvertreter, Kardinal Daniel DiNardo und Erzbischof José Gomez, sowie Erzbischof Charles Chaput, Bischof Frank Caggiano und Bischof Robert Barron. Erzbischof William Skurla, Leiter der Ruthenischen Erzdiözese von Pittsburgh, wird ex officio als Mitglied der Synode teilnehmen.

Am 19. September kündigte auch der von der Bischofskonferenz seines Landes gewählte niederländische Bischof Rob Mutsaerts an, dass er nicht an der Synode teilnehmen werde. (CNA Deutsch)

Analyse: McCarricks Rolle als Vermittler zwischen China und Vatikan

Der ehemalige Kardinal war ein fleissiger Flugreisender in die Volksrepublik, wohnte im Pekinger Priesterseminar.

PEKING – Angesichts neuer Meldungen, dass ein Abkommen zwischen dem Heiligen Stuhl und China bevorsteht, das unter anderem die Ernennung von Bischöfen regeln soll, stellt sich die Frage nach der Rolle von Erzbischof Theodore McCarrick bei der diplomatischen Annäherung zwischen Vatikan und Volksrepublik.

McCarrick war oft in China, und bis 2016 war er ein inoffiziell reisender Vertreter des Vatikans vor Ort: Mindestens achtmal besuchte er über einen Zeitraum von 20 Jahren die Volksrepublik. Dabei wohnte der des jahrezehntelangen sexuellen Missbrauchs und der Nötigung männlicher Minderjähriger, Seminaristen und Priester beschuldigte Bischof immer wieder im staatlich kontrollierten Priesterseminar in Peking.

„Ein besonderes Geschenk für die Welt“

Bis zum öffentlichen Bekanntwerden der Vorwürfe im Jahr 2018 – CNA Deutsch berichtete – war der ehemalige Kardinal chinesischen Berichten zufolge ein lautstarker Verfechter eines Abkommens zwischen dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping und der Kirche unter Papst Franziskus gewesen.

„Ich sehe viele Dinge geschehen, die wirklich viele Türen öffnen würden, weil Präsident Xi und seine Regierung über Dinge besorgt sind, um die sich Papst Franzisksus sorgt“, sagte McCarrick der „Global“ Times in einem Exklusivinterview im Februar 2016.

Das Interview zitierte McCarrick mit der Bemerkung, dass die Ähnlichkeiten zwischen Papst Franziskus und Xi Jinping „ein besonderes Geschenk für die Welt“ sein könnten.

Die staatlich anerkannte chinesische Zeitung berichtete auch, dass McCarrick im Februar 2016 nach China gereist sei – „eine Reise, bei der der Kardinal sagte, er würde einige ‚alte Freunde‘ besuchen“.

Details bestätigen Aussage von Vigano

„Zu seinen bisherigen Besuchen gehörten Treffen mit Wang Zuo’an, dem Leiter der Staatlichen Verwaltung für religiöse Angelegenheiten, und dem verstorbenen Bischof Fu Tieshan, dem ehemaligen Präsidenten der Bischofskonferenz der Katholischen Kirche in China (BCCCC), einer vom Heiligen Stuhl nicht anerkannten Organisation“, berichtete „The Global Times“.

Im Juni 2014 berichtete David Gibson in der „Washington Post“, dass McCarrick „im vergangenen Jahr“ nach China gereist sei, um „sensible Gespräche über Religionsfreiheit“ zu führen.

Dieses Detail stimmt zum Teil mit dem 11-seitigen „Zeugnis“ des ehemaligen Apostolischen Nuntius Erzbischofs Carlo Maria Viganò überein. Viganò schildert eine Begegnung mit McCarrick im Juni 2013, bei dem Viganò behauptet, dass McCarrick ihm gesagt habe: „Gestern hat mich der Papst empfangen, morgen fliege ich nach China.“

Wie ein über „Wikileaks“ an die Öffentlichkeit gekommenes Dokument des US-Außenministeriums aus dem Jahr 2006 dokumentiert, wurde McCarrick auf mindestens zwei seiner Reisen im Priesterseminar in Peking untergebracht.

Der Vizerektor eines von der Kommunistischen Partei anerkannten Priesterseminars, Pater Shu-Jie Chen, beschreibt zweimal die Unterbringung von McCarrick in einem Bericht, den Christopher Sandrolini, stellvertretender Missionsleiter an der US-Botschaft beim Heiligen Stuhl, verfasst hat.

Chen bezeichnet sich darin selbst als „König“ des Seminars und sagt, dass er „innerhalb seiner Wände tun könne, was er wolle“.

Sandrolini stellte auch fest, dass der Vizerektor die Verfolgung der Untergrundkirche „heruntergespielt“ habe und die Untergrundkirche als „ungebildet“ bezeichnete, in der nur „ältere Menschen“ seien. Er sagte, dass Chen „unbesorgt“ schien, dass „die Evangelisierung keine Option für offizielles religiöses Personal war.

Grüße über Nancy Pelosi bestellt

Ein Telegramm des US-Botschafters am Vatikan, Francis Rooney, vom März 2006 stellt fest, dass Erzbischof Claudio Celli – damals der wichtigste Verhandlungsführer des Heiligen Stuhls in China – darauf bestand, dass McCarrick nicht in der Lage sei, für den Vatikan mit China zu verhandeln, und dass dessen Besuche in China „inoffiziell“ seien.

In den Jahren 2006 bis 2013 klafft eine Lücke auf: McCarrick scheint wenig bis gar nicht nach China gereist zu sein. Doch Einfluss hatte er nach wie vor.

Im Jahr 2009 ließ der Erzbischof über Nancy Pelosi, damals Sprecherin des Repräsentantenhauses, eine Botschaft an einen Freund in China weitergegen. Pelosi übermittelte McCarricks Grüße an Bischof Aloysius Jin von Shanghai, einem ehemals führenden chinesischen Jesuiten.

„Sie[Pelosi] übermittelte Kardinal McCarricks Glückwünsche an Bischof Jin. Bischof Jin sagte, dass er und Kardinal McCarrick Besuche ausgetauscht hatten, beginnend, als letzterer Bischof von Newark war“, so das Telegramm des Außenministeriums.

Während McCarricks Zeit als Erzbischof von Newark war Aloysius Jin Luxian vom Vatikan nicht als Bischof anerkannt. Er wurde 1985 ohne päpstliche Zustimmung zum Coadjutor-Bischof von Shanghai geweiht, seine Position wurde knapp 20 Jahre später erst anerkannt, im Jahr 2004. Bischof Jin starb 2013.

Ein Artikel aus dem Jahr 2007 in „The Atlantic“ beschreibt die enge Freundschaft zwischen McCarrick und Jin und dass McCarrick sich damit brüstete, in den 1990er Jahren Nachrichten des von der chinesischen Regierung ernannten Bischofs an den Papst weitergeleitet zu haben.

Sowohl das Außenministerium als auch die chinesischen Medien haben einen Besuch von Erzbischof McCarrick in China 1998 dokumentiert.

Auf dieser Reise war er einer von drei amerikanischen Geistlichen, die China besuchten, um über Religionsfreiheit zu diskutieren. McCarrick traf Bischof Michael Fu Tieshan, der als stellvertretender Vorsitzender des Ständigen Ausschusses der Kommunistischen Partei Chinas im Nationalen Volkskongress Chinas fungierte.

Der linientreue Fu wurde 1979 von Peking ohne Zustimmung des Papstes zum Bischof ernannt.

Chinesische Medien berichteten, dass McCarrick 1998 das Nationale Priesterseminar in Peking besuchte.

Am 2. August 2003 berichtete die „South China Morning Post„, dass McCarrick „Anfang dieser Woche drei Tage in Peking verbrachte, um einen angeblich privaten Besuch zu machen“.

McCarrick sei „der erste Kardinal aus einem westlichen Land“ gewesen, so die Zeitung weiter, „der das Festland besuchte, seit die Beziehungen zwischen China und dem Vatikan nach einem Streit über die Heiligsprechung im Oktober 2000 frostig wurden“.

Kandidaten der Kommunistischen Partei

In einer Nachricht des Außenministeriums vom Dezember 2003 schrieb der US-Botschafter im Vatikan, Jim Nicholson, dass der Direktor des Vatikanbüros für China, Monsignore Gianfranco Rota-Graziosi, „keine konkrete Verbesserung erwartet habe, die sich aus der informellen Reise des Washingtoner Kardinals McCarrick nach China im vergangenen Sommer ergeben habe“.

Am 14. September 2018 berichtete das „Wall Street Journal“, dass der Heilige Stuhl im Begriff sein könnte, ein Abkommen mit China abzuschließen, das auch sieben illegal geweihte – und somit exkommunizierte – Bischöfen anerkennen würde, die in der regimetreuen und von der Kommunistischen Partei kontrollierten „Chinesischen Patriotischen Katholischen Vereinigung“ sitzen.

Bereits seit Januar 2018 gibt es Hinweise auf ein formales Abkommen zwischen dem Vatikan und der Volksrepublik, was die Ernennung von Bischöfen betrifft.

Gleichzeitig hat China massive Beschränkungen der Religionsfreiheit verhängt, welche die religiöse Praxis im Land extrem beschränken: Kreuze werden entfernt Kirchen werden zerstört, Kindern ist der Zutritt zu Kirchen verboten, und Christen werden bedrängt und schikaniert. (CNA Deutsch)

Scicluna: In der Kirchenkrise müssen den Worten auch Taten folgen

POSEN – Die jüngste Entscheidung des Papstes, die Vorsitzenden von Bischofskonferenzen aus der ganzen Welt nach Rom zu berufen, ist laut Erzbischof Charles Scicluna ein Zeichen dafür, dass die Prävention von Missbrauch und der Schutz von Minderjährigen ein Anliegen der gesamten Kirche sein muss.

Erzbischof Charles J. Scicluna von La Valletta, Malta, war von 2002 bis 2012 in der Kongregation für die Glaubenslehre tätig. Er half, die ersten Konsequenzen der Kirche als Reaktion auf die Missbrauchskrise im Jahr 2002 auszuarbeiten, und seine Arbeit gilt immer noch als ein Meilenstein im Kampf gegen Missbrauch und Vertuschung.

Nach seinem Einlenken über die Krise in Chile schickte Papst Franziskus den Erzbischof nach Chile, um die dortigen Vorwürfe offiziell zu untersuchen, dass Bischof Juan Barros Madrid Verbrechen gegen Minderjährige vertuscht hat.

Scicluna betonte im polnischen Posen, wo er an der Jahrestagung des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen teilnahm, dass die Entscheidung des Papstes, Präsidenten der verschiedenen Bischofskonferenzen der Welt nach Rom zu berufen, „ein klares Zeichen dafür ist, dass der Schutz von Minderjährigen und die Verhinderung von Missbrauch für die ganze Kirche oberste Priorität haben“.

Scicluna betont: „Das Engagement der Kirche als sicherer Ort für Minderjährige sollte für die ganze Kirche gelten und das Anliegen aller in der Kirche sein“.

Scicluna betonte auch, dass „der Schutz von Minderjährigen ein fortlaufender Prozess in der Kirche sein muss, und deshalb beginnt er mit der guten Überprüfung der zukünftigen Priester, wie es der heilige Johannes Paul II. 1992 gefordert hat“.

Der Erzbischof verwies auf das Schreiben Pastores Dabo Vobis von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1992.

„Es war die prophetische Botschaft des heiligen Johannes Paul II.“, sagte er, dass dieses Dokument, „das von der Ausbildung zukünftiger Priester spricht, die Frage der menschlichen Ausbildung, der psychologischen Untersuchung und auch einer klaren Bewertung des Kandidaten“ auf seine Eignung hin thematisierte.

Das Dokument betont, der Seminarist sollte über ein ausreichendes Maß an psychologischer und sexueller Reife sowie ein fleißiges und authentisches Gebetsleben verfügen und sich der Leitung eines geistlichen Vaters unterstellen.

Scicluna sagte, dass es über die Überprüfung zukünftiger Priester hinaus auch „eine Befähigung der Gemeinschaft geben muss, Missbrauch aufzudecken, wenn er geschieht, und auch eine Befähigung der Gemeinschaft, damit wir gemeinsam feststellen und garantieren können, dass die Kirche ein sicherer Ort für alle ist, einschließlich Minderjähriger“.

Der Erzbischof stellte auch fest, dass die Kongregation für die Glaubenslehre im Mai 2001 Bischofskonferenzen auf der ganzen Welt gebeten hat, Leitlinien zur Bekämpfung von Missbrauch auszuarbeiten.

Das Schreiben„, sagte Scicluna, „gab wichtige Hinweise, da es über die Ausbildung von zukünftigen Priestern sprach, aber auch über den Schutz der Gemeinschaft und die Zusammenarbeit mit den Zivilbehörden“.

In dem Schreiben des Jahres 20011 heißt es bereits: „Der sexuelle Missbrauch Minderjähriger ist nicht nur eine Straftat nach kanonischem Recht, sondern stellt auch ein Verbrechen dar, das staatlicherseits verfolgt wird. Wenngleich sich die Beziehungen zu staatlichen Behörden in den einzelnen Ländern unterschiedlich gestalten, ist es doch wichtig, mit den zuständigen Stellen unter Beachtung der jeweiligen Kompetenzen zusammenzuarbeiten. Insbesondere sind die staatlichen Rechtsvorschriften bezüglich einer Anzeigepflicht für solche Verbrechen immer zu beachten, „

Erzbischof Scicluna kommentierte, dass dies freilich auch „umgesetzt und ständig in die Agenda der Ortskirche aufgenommen werden muss“.

Er sagte auch, dass die meisten Bischofskonferenzen Leitlinien nach dem Rat der Kongregation für die Glaubenslehre herausgegeben haben und dass alle bestehenden Leitlinien vom Vatikan überprüft wurden.

Allerdings, so Scicluna weiter, „reichen Dokumente nicht aus. Wir müssen ganze Gemeinschaften sensibilisieren, denn dieses traurige Phänomen kann nicht durch hierarchische Entscheidungen gelöst werden, sondern muss alle einbeziehen.“

In Bezug auf die von Papst Franziskus für Februar 2019 einberufene Versammlung der Bischofskonferenzvorsitzenden sagte Scicluna, dass das Treffen auf eine Entscheidung des „K9“-Rates der Kardinäle zurückzuführen sei, aber auch „eine Antwort auf die Erwartung der Menschen, dass wir von Dokumenten zu Handlungen übergehen“. (CNA Deutsch)

Episcopalis Communio: So ändert Franziskus die Bischofssynode

VATIKANSTADT – Papst Franziskus hat die Apostolische Konstitution Episcopalis Communio über die Struktur der Bischofssynode veröffentlicht. Die Entscheidungen des Papstes kommen wenige Tage vor der Eröffnung der XV. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode, die für den 3. Oktober geplant ist.

Der Papst hat – in Anlehnung an die Konstitution Apostolica Sollicitudo von Paul VI. und an die Änderungen der Synodenordnung durch Benedikt XVI. – einige Elemente modifiziert.

Die Apostolische Konstitution besteht aus 27 Artikeln. Der erste Teil ist der Synodenversammlung gewidmet. Bereits in Artikel 2 legt der Papst dar, dass „je nach Thema und Umständen auch einige andere zur Versammlung der Synode gerufen werden können, die nicht mit dem bischöflichen munus ausgezeichnet sind und deren Rolle von Mal zu Mal vom römischen Pontifex bestimmt wird.“

Auf der Liste der Synodenteilnehmer steht beispielsweise in diesem Jahr in der Tat ein Laie: Paolo Ruffini, Präfekt des Dikasteriums für die Kommunikation, als Leiter der Kommission für die Information.

Im Text institutionalisiert der Papst zudem die Vorbereitungsphase der Synodenversammlung. Diese Zeit „hat die Konsultation des Gottesvolkes zum Thema der Synodenversammlung als Zweck. Die Konsultation des Gottesvolkes wird in den Teilkirchen durch die Bischofssynode der Patriarchate und der großerzbischöflichen Kirchen, die Hierarchen der Kirchen sui iuris und die Bischofskonferenzen durchgeführt. In jeder Teilkirche führen die Bischöfe eine Befragung des Gottesvolkes durch und bedienen sich dabei der vom Recht vorgesehenen Organismen, ohne jedwede andere Modalität auszuschließen, die sie für angemessen erachten.“

Darauf folgt die Übertragung der vorbereitenden Beiträge auf das Generalsekretariat der Synode, die Einberufung einer vorsynodalen Versammlung und die Errichtung einer vorbereitenden Kommission, die vom Generalsekretär der Bischofssynode ernannt wird und unter dessen Vorsitz steht.

Papst Franziskus beschreibt dann ausführlich die Phase der Durchführung der Synodenversammlung, deren Beschlüsse in einem Abschlussdokument gesammelt werden, das von einer eigens dafür vorgesehenen Kommission verfasst wird, die „aus einem Generalreferenten, der ihr vorsteht, dem Generalsekretär, dem Fachsekretär und einigen von der Synodenversammlung gewählten Mitgliedern besteht.“

Sobald das Dokument verabschiedet ist, wird es dem Papst überreicht.

„Wenn es die Zustimmung der Mitglieder erhalten hat, wird das Abschlussdokument der Versammlung dem römischen Pontifex überreicht, der über seine Veröffentlichung entscheidet. Wenn es ausdrücklich vom römischen Pontifex verabschiedet wird, gehört das Abschlussdokumentzum ordentlichen Lehramt des Nachfolgers Petri.“

Der letzte Teil der Apostolischen Konstitution betrifft die Umsetzungsphase. „Das Generalsekretariat des Synode kann sich für die Ausführung einer Kommission bedienen, die aus Experten gebildet ist.“ Auch diese ist direkt dem Papst unterstellt.

Übersetzt aus dem Italienischen von Susanne Finner. (CNA Deutsch)

Missbrauch: Papst versetzt chilenischen Priester in den Laienstand

SANTIAGO DE CHILE , Papst Franziskus hat verfügt, dass der Priester Cristián Precht, der beschuldigt wird, Minderjährige in Chile missbraucht zu haben, des Priesterstandes verwiesen und in den Laienstand versetzt wird.

Dies teilte der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Kardinal Luis Ladaria, dem Erzbischof von Santiago, Kardinal Ricardo Ezzati, mit.

Mit Datum vom 12. September, so eine Meldung des Erzbistums Santiago, habe „Franziskus per Dekret und unwiderruflich die Entlassung aus dem Priesterstand ex officio et pro bono Ecclesiae angeordnet, sowie die Dispens von allen Verpflichtungen, die mit der heiligen Weihe einhergehen, des Ehrw. Cristián Precht Bañados angeordnet.“

Dasselbe Dekret legt fest, dass „der Bischof dem Volk Gottes schnellstmöglich die neue kirchenrechtliche Situation des Betroffenen mitteilen solle.“

Bereits im Jahr 2012 hatte die Kongregation für die Glaubenslehre Cristián Precht des Missbrauchs für schuldig befunden; daraufhin hatte ihn das Erzbistum Santiago für fünf Jahre suspendiert.

Vorwürfe gegen den überführten Kinderschänder wurden bereits 2011 erhoben. Das Ergebnis des strafrechtlichen Untersuchungsverfahrens bestätigten dessen Verbrechen. Angesichtes der „der Schwere der Beschuldigungen“ befürwortete die Glaubenskongregation, die Verjährung aufzuheben.

Precht zählte zu den Gründern der Vicaría de la Solidaridad („Vikariat der Solidarität“), einer Organisation, die geschaffen wurde, um den Opfern des mörderischen Regimes von Augusto Pinochet zu helfen. (CNA Deutsch)

Vermeidet nicht die Wunden der Kirche, sagt Papst Franziskus in Sizilien

PALERMO – Bei seinem Sizilienbesuch am heutigen Samstag hat Papst Franziskus gesagt, dass die „Wunden der Kirche und der Welt“ die Wunden Christi seien, und dass diese „berührt und gesehen“ werden müssen.

Der Pontifex ist zu einer pastoralen Tagesvisite auf Italiens größte Insel gereist.

„Die Wunden der Gesellschaft und der Kirche zu betrachten, ist keine diffamierende und pessimistische Handlung“, so der Papst am 15. September. „Wenn wir unserem Glauben Substanz verleihen wollen, müssen wir lernen, in diesen menschlichen Leiden die gleichen Wunden des Herrn zu erkennen.“

Man müsse diese Wunden betrachten und berühren, sagte Franziskus im Städtchen Piazza Armerina vor mehreren tausend Menschen.

„Die Wunden des Herrn in unseren Wunden zu berühren, in den Wunden unserer Gesellschaft, unserer Familien, unseres Volkes, unserer Freunde. Berührt die Wunden des Herrn dort“, sagte der Pontifex.

In seiner Rede vor den Katholiken der Region stellte er die vielen „Wunden“ fest, die sie betreffen, wie soziale und kulturelle Unterentwicklung, Ausbeutung von Arbeitern, Mangel an Jugendarbeit, Alkoholismus, Sucht und den Verlust von Familienbindungen.

„Angesichts so viel Leid kann die Kirchengemeinschaft manchmal desorientiert und müde erscheinen“, sagte er. Manchmal jedoch, „dank Gott, ist sie lebendig und prophetisch, während sie nach neuen Wegen sucht, um vor allem den Brüdern, die in Desinteresse, Misstrauen, in die Krise des Glaubens gefallen sind, Barmherzigkeit zu verkünden und anzubieten“.

Franziskus ermutigte die Jugendlichen, sich an ihre Priester und Bischöfe zu wenden und ihnen zu sagen, ob sie Schwierigkeiten haben, der Kirche zu vertrauen.

„So oft habe ich einige junge Leute sagen hören: „Ja, ich vertraue Gott, aber nicht der Kirche“, sagte der Papst. „Aber warum? – ‚Weil ich gegen Priester bin. Ah, ihr seid gegen Priester, dann wendet euch an den Priester und sagt: ‚Ich vertraue euch nicht dafür, dafür und dafür.“

Priester sollten mit Geduld den jungen Menschen zuhören, so Franziskus.

Er sagte, dass das Amtspriestertum und die Eucharistie untrennbar miteinander verbunden sind, denn „der Priester ist der Mann der Eucharistie“ und rief die Priester dazu auf, „sich um den Bischof und untereinander zu versammeln, um den Herrn zu Allen zu bringen“.

„Liebe Priester, wie notwendig ist es, geduldig die Freude der Familie aufzubauen, einander zu lieben und zu unterstützen“, sagte er.

Die Priester, so fuhr er fort, seien berufen, die ersten zu sein, die Vorurteile überwinden, und „die ersten, die in bescheidener Kontemplation vor der schwierigen Geschichte dieser Erde innehalten, mit der weisen pastoralen Liebe, die ein Geschenk des Geistes ist“.

„Von Gott getröstet, könnt ihr Tröster sein, Tränen abwischen, Wunden heilen, Leben wieder aufbauen, gebrochene Leben, die sich vertrauensvoll eurem Dienst anvertrauen“, sagte er.

Am Ende der Begegnung bereitete sich der Papst darauf vor, seinen apostolischen Segen zu geben, bat aber vorher alle, ihr Herz darauf vorzubereiten, ihn zu empfangen.

Nach dem Besuch reiste Papst Franziskus mit dem Hubschrauber nach Palermo, wo er in einem Park in der Nähe des Strandes der Stadt die Messe feierte, im Gedenken an 25 Jahre seit dem Tod von Don Giuseppe „Pino“ Puglisi, der am 15. September 1993 von Mafiakillern ermordet wurde.

In seiner Predigt verurteilte der Papst die Mafia und sagte, wer Mitglied der Mafia ist, „lebt nicht als Christ“, weil sein Leben Gott lästert.

Don Pino habe immer gesagt: „Wenn jeder etwas tut, kann man viel tun“, wiederholte Franziskus und fragte: „Wie viele von uns setzen diese Worte in die Tat um?“

Wenn du heute vor Gott stehst, stelle dir diese Fragen: „Was kann ich tun? Was kann ich für andere, für die Kirche tun?“

„Herr, gib uns den Wunsch, Gutes zu tun; die Wahrheit zu suchen, die die Lüge verabscheut; Opfer zu wählen, nicht Faulheit; Liebe, nicht Hass; Vergebung, nicht Rache“, betete er. (CNA Deutsch)

20 Jahre Fides et Ratio: „Katholiken brauchen Glaube und Vernunft, nicht neues Paradigma“

Ein Gespräch darüber, wie die aktuelle Wahrheitskrise der Katholischen Kirche schon vor 20 Jahren in dem „prophetischen Dokument“ konfrontiert wurde.

PHILADELPHIA – Anlässlich der am 14. September vor genau 20 Jahren erschienen Enzyklika Fides et Ratio des heiligen Johannes Paul II. hat Erzbischof Charles Chaput von Philadelphia einen Essay für die März-Ausgabe von „First Things“ veröffentlicht.

Der Aufsatz trägt den Titel „Believe that you may understand“ – ein Verweis auf die Worte des heiligen Augustinus, Crede ut intelligas: Glaube, um zu erkennen.

Chaput erklärt darin, warum er die Enzyklika des Jahres 1998 für ein prophetisches Dokument hält, gerade weil es „die Wahrheitskrise innerhalb der Katholischen Kirche konfrontiert“. Und er warnt vor „trendiger“ Theologie. Eine lebhafte Philosophie und gute Theologie dagegen bereicherten einander, so der Erzbischof: „Das Wissen um die Wahrheit vervielfältigt unsere Freiheit, zu lieben“.

Im Interview mit CNA (*) sprach er weiter über die Relevanz der Enzyklika für die heutige Zeit.

Was kann der Durchschnittskatholik von heute von Fides et Ratio lernen, 20 Jahre nach seiner Veröffentlichung?

Erstens, dass es nicht die Art von Text ist, die man wie die Sonntagszeitung überfliegen kann. Fides et Ratio zu lesen und zu absorbieren, das braucht Zeit. Die meisten Menschen konzentrieren sich zu Recht auf Dinge wie die Familie und den Lebensunterhalt. Viele gute Leute lesen es vielleicht nie. Aber das schmälert nicht seine Bedeutung für den durchschnittlichen Gläubigen.

Die wichtigste Botschaft von Fides et Ratio ist, dass klar zu denken lernen, mit der Kirche, in reifer und gut informierter Art, unverzichtbar ist. Dass dies genauso wichtig ist, wie unsere religiösen Überzeugungen tief zu empfinden. Gefühle allein reichen nicht aus, und das beeinflusst direkt, wie wir die Rolle des Gewissens verstehen.

Christlicher Glaube ist mehr als guter Wille und gute Absichten. Das Gewissen ist mehr als nur unsere persönliche, aufrichtige Meinung. Ein gesundes Gewissen bedarf einer gründlichen Ausbildung in den allgemein gültigen Wahrheiten der katholischen Gemeinschaft. Ohne diese kann das Gewissen sehr schnell zu einer Alibimaschine werden. Die Welt ist voller Komplexitäten. Die Fähigkeit, fundiert katholisch zu denken, auf eine Weise, die in der Lehre der Kirche verankert ist, ist unabdingbar notwendig.

Das Problem ist, dass wir jetzt seit mindestens zwei Generationen schlechte Katechese und sehr unzureichende Gewissensbildung gehabt haben. Wenn also gesagt wird, wir sollten die moralischen Entscheidungen von heute dem „reifen Gewissen“ der Menschen um uns herum überlassen, sollten wir vielleicht – im Idealfall – zustimmen, aber bevor wir das tun, müssen wir doch prüfen, was genau damit gemeint ist. Eine große Anzahl ansonsten erfolgreicher, mündiger Erwachsener, die sich selbst als katholisch betrachtet, hat seit der sechsten Klasse keine Glaubensbildung mehr gehabt. Die Wiederherstellung der Disziplin guter, katholischer, moralischer Argumentation ist dringend erforderlich.

Wenn sich jemand in einem kulturellen oder kirchlichen Umfeld wiederfindet, das von schlechter Philosophie und Theologie dominiert wird: wie sollte er oder sie damit umgehen?

Ignoriere den Unsinn, lies, beobachte und höre gutes katholisches Material an, und lebe deinen Glauben in Übereinstimmung mit dem, was die Kirche immer gelehrt hat. Diese Grundlagen gelten immer noch für Ehe, Sex, Ehrlichkeit und alles andere. Es gibt keine „neuen Paradigmen“ oder Revolutionen im katholischen Denken. Die Verwendung dieser Art von irreführender Sprache bringt nur Verwirrung in ein verwirrendes Zeitalter.

Und was, wenn wir uns in einer Umgebung mit guter Philosophie und Theologie befinden, wovor müssen wir uns schützen?

Vor Stolz und Selbstgefälligkeit, und den Segen von guten Lehrern und Pfarrern für selbstverständlich zu halten. Wir alle sind berufen, Missionare zu sein. Wir predigen Jesus Christus am besten, wenn wir unseren Glauben in der Nächstenliebe und Gerechtigkeit unserer täglichen Handlungen bezeugen.

Warum denken Sie, dass diese Probleme des Glaubens und der Vernunft in unserer Zeit so wiederkehren?

Wissenschaft und Technik können scheinbar – aber nur scheinbar – das Übernatürliche und Sakramentale unglaubwürdig machen. Die Sprache des Glaubens kann beginnen, fremd und irrelevant zu klingen. Deshalb verlieren wir so viele junge Menschen, bevor sie überhaupt an religiösen Glauben denken. Sie werden jeden Tag von einem Strom materialistischer Ablenkungen katechisiert, die Gott nicht widerlegen, Ihm gegenüber aber gleichgültig machen.

Die Kirche kämpft mit vielen Selbstzweifeln. In Zeiten rasanter Veränderungen ist das natürlich. Ich denke, viele Seelsorger und Gelehrte der Kirche haben einfach das Vertrauen in die Rationalität des Glaubens und die Verlässlichkeit von Gottes Wort verloren, ohne bereit zu sein, dies zuzugeben. Stattdessen flüchten sie sich in humanitäre Empfindsamkeiten und soziales Engagement. Aber du brauchst Gott für keines dieser Dinge, zumindest auf kurze Sicht. Auf lange Sicht ist Gott der einzige Garant für Menschenrechte und Würde. Also müssen wir unser Christentum – zutiefst, treu und streng – denken und auch fühlen.

Deshalb ist Fides et Ratio so wichtig. Es erinnert uns daran. (CNA Deutsch)

Kirche und Staat – Kirche und Gesellschaft: Tagung der Ratzinger Schülerkreise

 

Udo di Fabio über „Grenzen des Rechts: Zur metaphysischen Beziehung notwendiger Ordnungen“.

CASTELGANDOLFO – In diesem Jahr gab es in Castel Gandolfo ein kleines Jubiläum zu begehen. Nachdem auf Initiative von Papst Benedikt XVI. im Jahre 2008 erstmals eine kleine Gruppe junger Theologen in das Bergstädtchen am Rande des Albaner Sees eingeladen worden war, um am jährlichen Treffen des Schülerkreises des ehemaligen Professors und Kardinals teilzunehmen, konnte man anlässlich der diesjährigen Tagung vom 7. bis 9. September 2018 bereits auf zehn Jahre gemeinsamer Zusammenkünfte zurückblicken. Seit damals hat sich zweifelsohne viel ereignet und in der Begegnung der Schülerkreise entwickelt. So nimmt beispielsweise der emeritierte Papst seit seinem Amtsverzicht (2013) zwar nicht mehr an den Treffen teil, gibt aber für jedes Jahr das Leitthema der Tagung vor und steht mit großem Interesse am Fortgang der Arbeiten in engem Kontakt mit den Mitgliedern der beiden Schülerkreise. Zudem hat sich im vergangenen Jahr der Neue Schülerkreis auf Bitte Benedikts als eingetragener Verein konstituiert, um auf einer guten rechtlichen Basis auch auf Zukunft hin seine Theologie zu durchdringen und sie in ihren Charakteristika durch Symposien, Publikationen und andere wissenschaftliche Formate, vor allem aber in der Art des eigenen theologischen Denkens und Arbeitens zu fördern sowie auf dieser Grundlage das Gespräch mit herausragenden Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen der Gegenwart zu suchen.

Das Jubiläum wurde fast unbemerkt und ganz im Stil der Theologie und der Spiritualität von Joseph Ratzinger / Papst Benedikt begangen. Man mag dabei an die bekannte benediktinische Grundregel des Ora et labora denken. Eingerahmt durch das geistliche Programm des kirchlichen Stundengebets, der täglichen Messfeier und der Möglichkeit zum stillen Verharren in der Kapelle des Tagungshauses, stand neben den zahlreichen Gesprächseinheiten, die sich den aktuellen theologischen Fragen und den eigenen Arbeiten und Projekten ebenso widmeten wie dem Austausch persönlicher und kirchlicher Erlebnisse, der Samstag als eigentlicher Tagungstag im Zentrum der Zusammenkunft. Er war dem Thema „Kirche und Staat – Kirche und Gesellschaft“ gewidmet.

Den Tag, der mit der Kirche als Festtag „Mariä Geburt“ begangen wurde, eröffnete nach dem Morgenlob die Eucharistiefeier, die Kardinal Kurt Koch, Protektor des Neuen Schülerkreises, zelebrierte. In seiner bemerkenswerten Predigt entwickelte er eine kleine Theologie des Geburtstages, der in der Sicht des Glaubens eine Relativierung erfahre und erst mit dem Todestag als dem „Geburtstag zum ewigen Leben“ seine eigentliche und endgültige Bedeutung erhielte. Das werde auch an der Tatsache deutlich, dass die Kirche in ihrem liturgischen Kirchenjahr nur drei Geburtstage feiere (neben der Geburt Jesu Christi an Weihnachten die Geburt Johannes des Täufers und der Gottesmutter Maria), da bei ihnen bereits über dem Eintritt in diese Welt mit Blick auf das Geheimnis der Menschwerdung das Licht der Ewigkeit erstrahle. Ansonsten spiele bei den Heiligen das Verständnis ihres Todestages als Eintritt in das Licht ewiger Herrlichkeit die maßgebende Rolle.

Der Vormittag stand dann ganz im Zeichen des detailreichen Vortrags von Professor Dr. Dr. Udo Di Fabio (Jg. 1954), langjähriger Richter des Bundesverfassungsgerichts (1999-2011) in der Nachfolge von Paul Kirchhof und aktuell Professor am Institut für Öffentliches Recht (Abteilung Staatsrecht) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Unter dem Titel „Grenzen des Rechts: Zur metaphysischen Beziehung notwendiger Ordnungen“ entwarf der weit über die Grenzen der Rechtswissenschaft bekannte Jurist und Träger zahlreicher Auszeichnungen (u.a. „Reformer des Jahres 2005“ durch die F.A.Z., Hanns Martin Schleyer-Preis, Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland) seine Perspektive der Jurisprudenz auf der Grundlage von Glaube und Vernunft.

An die Gastgeber gerichtet bemerkte er, dass Benedikt XVI. als Person dafür steht, was er als Theologe vertritt, die Einheit von Glaube und Vernunft. Basierend auf dieser Einheit entwickelte Di Fabio seine Hermeneutik: „Wenn Glaube und Vernunft eine Einheit des Unterschiedenen bilden, dann muss es möglich sein, vom Glauben auf die Welt zu schauen und von der säkularen Wissenschaft auf theologische Gehalte, mit Respekt vor dem Eigenwert der anderen Ordnung“. Dieser Blick eröffnete den Teilnehmern die Grundthese des Referenten vom „metaphysischen Defizit“ heutiger Rechtswissenschaft im Zusammenhang einer nachweisbaren partiellen Dysfunktionalität des Rechts. Die säkulare Wissenschaft habe sich aus dem Bereich des Transzendenten verabschiedet und das Recht habe den lange Zeit geltenden prozeduralen Charakter seiner Entwicklung verlassen. Di Fabio verfolgte hier einen systemtheoretischen Ansatz. Recht werde revidiert, verändert, vergrößert und somit stets komplexer. Gerade diese Ausdifferenzierung des Rechts, die letztlich jedoch in nicht wenigen Bereichen zu seiner Nichtbeachtung führe (z.B. Stabilitätsregeln der EU; das Schengen- bzw. Dublin-System, …), mache das metaphysische Defizit erkennbar. Jede ausdifferenzierte Wissenschaft brauche aber zu ihrer notwendigen Begrenzung einen Gegenpol. Das Recht bedürfe somit einer erneuerten Sicht auf die Quellen seiner Erkenntnis, die ihm Anspruch und Wirkkraft verleihen.

Unter Zustimmung zu dem von Joseph Ratzinger / Papst Benedikt XVI. insbesondere auch in seiner Regensburger Rede (2006) beschriebenen Verhältnis von Glaube und Vernunft und ihres unterschiedenen Aufeinanderverwiesenseins plädierte Di Fabio deshalb für eine verstärkte Sichtbarmachung tragender Grundlagen des Rechts, die sich sowohl aus dem Glauben als auch aus der denkerischen Kraft des Menschen und damit aus der Verantwortung gegenüber seiner geschenkten Freiheit entwickeln. Als Beispiele führte er den Gottesbezug in der Präambel des Bonner Grundgesetzes sowie die verfassungsrechtliche Struktur der Staatsgewalt an. Das Grundgesetz mit seinem Verweis auf die Würde des Menschen sei der

Versuch gewesen, vor die Aufklärung zurückzugreifen, wo im Renaissance-Humanismus das Menschenbild auf der Grundlage der Gottesebenbildlichkeit formuliert wurde. Auf der Grundlage einer Verschränkungsbeziehung von hellenistischer Philosophie und Offenbarung sollte so die Metaphysik in die Jurisprudenz hineingenommen werden. Gemäß Di Fabio stehen Glaube und Religion nicht außerhalb der Welt, sind aber ebenso wenig mit ihr kongruent. Die Kirche muss sich deshalb zur Vermeidung einer Selbstgefährdung ihres Glaubens stets in eine begründete Distanz zur Welt und Politik begeben, gleichzeitig sie jedoch zu durchdringen versuchen. Die Überlegungen des Referenten wurden im Anschluss an den Vortrag mit großer Zustimmung bedacht, zugleich aber auch in einer lang anhaltenden und konstruktiven Diskussion einer kritischen Sicht unterzogen.

Am Nachmittag standen dann Kurzreferate und Statements im Mittelpunkt der Arbeit, die inhaltlich den thematischen Leitfaden vom Vormittag fortsetzten. So entwickelte Prof. Dr. Christoph Ohly, 1. Vorsitzender des Neuen Schülerkreises e.V., unter dem Titel Gesunde Laizität. Staatskirchenrechtliche Dimensionen eines Schlüsselbegriffs im Denken von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. wesentliche Leitlinien dieser kirchlichen Vision des Verhältnisses von Kirche und Staat in der heutigen Zeit. Er betonte dabei insbesondere die Auswirkungen der recht verstandenen Trennung von Kirche und Staat sowie ihrer sinnvollen Kooperation (Gaudium et Spes, 76) für den einzelnen Gläubigen wie für die kirchliche Gemeinschaft. Schließlich sprach u.a. P. Prof. Dr. Vincent Twomey SVD, Mitglied des Schülerkreises, über das Verhältnis von Kirche und Politik im Kontext der Aussagen von Joseph Ratzinger, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Situation in seinem Heimatland Irland.

Auch in diesem Jahr konnte jeweils eine kleine Gruppe aus den beiden Schülerkreisen die Begegnung mit dem emeritierten Papst im Monastero Mater Ecclesiae erleben. Er zeigte sich wie immer sehr interessiert an den Ergebnissen der Tagung und auch an den persönlichen Lebenssituationen und Arbeiten der Mitglieder beider Schülerkreise. Mit Freude und Erwartung darf nun bereits auf das Treffen im kommenden Jahr geblickt werden!

Dr. Josef Zöhrer, Schülerkreis Joseph Ratzinger / Papst Benedikt XVI.

Prof. Dr. Christoph Ohly / P. Dr. Sven Conrad FSSP Neuer Schülerkreis Joseph Ratzinger / Papst Benedikt XVI. e.V. (CNA Deutsch)