Kardinal Koch bilanziert das Luther-Gedenkjahr

Der Ökumene-Verantwortliche des Vatikans, Kardinal Kurt Koch, war „am Anfang sehr irritiert“ über das Gedenken an 500 Jahren Reformation in Deutschland. Er habe „immer gesagt“, dass bei einem solchen Gedenken „auch Buße“ wegen der „grausamen Konfessionskriege“ geleistet werden müsse, sagte Koch in einem Bilanzinterview zum Lutherjahr mit Radio Vatikan. Doch zu Beginn des Gedenkjahres sei sein Eindruck gewesen, „dass man den Aspekt der Buße nicht wahrnehmen wollte“. „Das hat mich sehr irritiert, weil schon die erste These Luthers voll auf die Buße abgeht und das ganze Leben des Christen eine Buße ist.“

Später habe er aber „gesehen, wie sich das entwickelt hat, bis hin zu diesem gemeinsamen Buß- und Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim im März, den ich als äußerst positiv erfahren habe“, so Kardinal Koch. Er zog in dem Interview daher eine positive Bilanz des Reformationsgedenkens. Der Kardinal würdigte ausdrücklich „die Bereitschaft der evangelischen Kirche, nicht so sehr Luther in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das Reformationsgedenken als Christusfest zu verstehen, das uns gemeinsam ist“.

Das sei „die beste Idee für ein gemeinsames Reformationsgedenken“ gewesen, sagte der Schweizer Kurienkardinal. Lobende Worte fand er auch für die „wunderschöne Zusammenarbeit mit dem Lutherischen Weltbund“: Dort habe er während des Gedenkjahres „die Leidenschaft, in die Zukunft aufzubrechen“, gespürt.

Mit deutlicher Vorsicht äußerte sich Koch zum ökumenischen Ziel einer „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“. „Die Schwierigkeit liegt darin, dass alle diesen Begriff verwenden, aber nicht das gleiche darunter verstehen.“ Manche beschrieben mit diesem Begriff die „Situation, wie wir sie heute haben“, doch „die katholische Sicht ist eine andere“. Aus Kochs Sicht wäre es „wichtig in der ökumenischen Diskussion, dass man Formeln nicht nur gemeinsam verwendet, sondern auch Auskunft darüber gibt, wie man sie versteht“. Sonst komme es zu „Konfusionen“.

Hier können Sie den Volltext unseres Interviews mit Kardinal Koch lesen. Die Fragen stellte Radio-Vatikan-Redakteurin Gudrun Sailer.

RV: Die Geschichte der katholisch-evangelischen Annäherung begann – mit einzelnen Vorläufern wie den Lübecker Märtyrern – im II. Vatikanischen Konzil. Hat das Lutherjahr im Großen und Ganzen zu einer weiteren Annäherung geführt oder eher die bestehenden Differenzen klarer zutage treten lassen?

Kardinal Koch: „Der allererste Dialog, den die katholische Kirche begonnen hat, unmittelbar nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, war mit dem lutherischen Weltbund. Deshalb haben wir nicht nur 500 Jahre Reformation, sondern auch 50 Jahre ökumenischen Dialog, katholisch-lutheranisch. Ich denke mit zwei großen Schwerpunkten: Erstens die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die am 31. Oktober 1990 in Augsburg verkündet worden ist. Und zweitens das große lutherisch-katholische Reformationsgedenken in Lund in Schweden. Beide Ereignisse, kann man sagen, sind Meilensteine in der ökumenischen Annäherung zwischen Katholiken und Lutheranern. Vor allem jetzt dieses gemeinsame Reformationsjubiläum, wo auf der einen Seite Papst Franziskus und auf der anderen Seite der Präsident und der Generalsekretär des lutherischen Weltbundes vorgestanden sind, ist ein äußerst positives Zeichen.”

RV: Zum Auftakt des Reformationsgedenkens reiste Papst Franziskus – am 31. Oktober 2016 – ins schwedische Lund und unterzeichnete dort mit dem Präsidenten des Lutherischen Weltbundes Mounib Younan eine ökumenische Erklärung. Darin ist viel vom gemeinsamen Einsatz von Christen beider Konfessionen die Rede: für Arme, für Flüchtlinge, für die Umwelt, ein Gemeinsames Eintreten gegen Extremismus und für Gerechtigkeit. Aus Ihrer Sicht: tun das die Christen da draußen nicht ohnehin schon? Also ging da die ökumenische Tat der ökumenischen Erklärung voran?

Kardinal Koch: „In Lund waren ja zwei Ereignisse. Das war auf der einen Seite der ökumenische Gottesdienst, in dem vor allem der Reformation gedacht worden ist. Und dann das Ereignis in Malmö, um zu zeigen, dass wir gemeinsam Zeugnis geben sollen. Ganz nach der Devise von Papst Franziskus, der immer wieder sagt, wir sollen dreierlei tun: camminare insieme, pregare insieme und collaborare insieme, also miteinander beten, miteinander gehen, miteinander Gemeinsames tun. Und da ist schon viel geschehen, aber da war Malmö noch einmal ein neuer Impuls dafür, noch mehr gemeinsam zu tun, aus dem gemeinsamen Glauben heraus sich für die Menschen und vor allem für die Marginalisierten, für die Armen einzusetzen.”

RV: Die Lund-Erklärung erwähnt als Ziel der Ökumene das gemeinsame eucharistische Mahl. Was hat dieses klar formulierte Ziel an Neuem in Fluss gebracht?

Kardinal Koch: „Das ist nicht neu, dass wir an den gemeinsamen Altar treten können sollen. Das ist das Ziel der Ökumene. Die Frage ist, was muss alles erreicht sein, damit dieses Ziel erreicht werden kann. Das wieder neu in Erinnerung zu rufen, dass wir in einer unnormalen Situation sind, wenn wir als getaufte Christen nicht gemeinsam Eucharistie feiern können, war ein wichtiger Impuls. Und ich habe dann auch vorgeschlagen, dass wir nach der gemeinsamen Erklärung mit der Rechtfertigungslehre und dem gemeinsamen Reformationsgedenken auf eine neue gemeinsame Erklärung hingehen sollten über Kirche, Eucharistie und Amt. Und das ist doch auf recht positives Echo gestoßen. Vor allem der nationale lutherisch-katholische Dialog in Finnland beschäftigt sich intensiv mit diesem Dokument. Der nationale Dialog in Amerika hat bereits ein Dokument publiziert über „Declaration on the way – church, ministry and eucharist“. Und das ist auf positive Resonanz gestoßen. Das wäre ein ganz wichtiger Schritt: Konsens darüber finden, was Kirche, Eucharistie und Amt ist, um dann dieses Ziel der gemeinsamen Eucharistiefeier erreichen zu können.”

RV: Wie lange könnte das noch dauern?

Kardinal Koch: „In der Ökumene bin ich immer vorsichtig. Wir können nicht alleine entscheiden, sondern müssen immer auch auf den Partner Rücksicht nehmen. Für mich ist nach dem Reformationsgedenken das Jahr 2030 ein wichtiger Horizont: 500 Jahre Augsburger Reichstag und die Verabschiedung der Confessio Augustana – des Augsburger Bekenntnisses, das ja kein Dokument der Spaltung ist, sondern der Einheit. Man wollte zeigen, dass man den Glauben der Katholiken teilt. Das ist damals leider nicht gelungen, es ist gescheitert. Aber ich würde sagen, Lutheraner und Katholiken waren nie so eng beieinander wie in Augsburg. Und dieses Gedenken sollte meines Erachtens ein Horizont sein, auf den wir mit neuen verbindlichen Schritten zugehen sollten.”

RV: Ein Schritt zurück: Papst Benedikt XVI. hatte bei seinem Besuch in Erfurt 2011 Martin Luthers Suche nach einem gnädigen Gott ausdrücklich gewürdigt. Wie bewerten Sie dieses Bekenntnis das im Rückblick, hat das Wege zu einem neuen katholischen Lutherbild gewiesen, die vorher verschlossen schienen?

Kardinal Koch: „Diese Aussage von Papst Benedikt hat viel ausgelöst. Ich habe kürzlich einen Vortrag zu diesem Thema gehört, wie die Botschaft von Luther heute noch aktuell sein kann. Das ist eine Resonanz auf Papst Benedikt, dieses Symposium, das in Bensberg stattfindet. Er hat damals die leidenschaftliche Gottsuche von Martin Luther gewürdigt, aber auch seine Christozentrik, dass Luther nicht irgendeinen Gott gesucht hat, sondern jenen Gott, der sein ganz konkretes Bild in Jesus Christus gezeigt hat. Und Papst Benedikt hat damals daraus geschlossen, dass die wichtigste Aufgabe, die wir heute in der Ökumene haben, ist, in den säkularisierten Gesellschaften von heute den lebendigen Gott zu bezeugen.”

RV: Ein weiterer Markstein des Jahres war der Besuch einer Delegation der Evangelischen Kirche Deutschlands in Rom im Jänner dieses Jahres. Was hat das gebracht?

Kardinal Koch: „Für mich war sehr positiv, dass so viele junge Menschen dabei gewesen sind und dass es eine ökumenische Wallfahrt gewesen ist. „Mit Luther zum Papst“ hieß das. Es gab dann auch eine Audienz mit Papst Franziskus, die sehr positiv aufgenommen worden ist und viele Früchte getragen hat. Ich glaube, es war ein schönes und positives Ereignis.”

RV: Mit den Augen des vatikanischen Ökumene-Verantwortlichen: Was waren auf lutheranischer Seite die Stärken des Reformationsgedenkens in diesem Jahr, und wovon hätte man sich mehr erwarten können?

Kardinal Koch: „In Deutschland war ich am Anfang sehr irritiert. Ich habe immer gesagt, ein Reformationsgedenken muss drei Schwerpunkte haben: Erstens Dankbarkeit für alles, das wir wiederentdeckt haben, das wir gemeinsam haben. Aber auch Buße; Luther wollte keine neue Kirche gründen, er wollte die Kirche erneuern. Es kam aber nicht zu der Neuerung der Kirche, sondern zu einer neuen Kirche und anschließend zu grausamen Konfessionskriegen, für die wir Buße tun sollten. Und drittens Hoffnung, dass ein Reformationsgedenken neue Schritte in die Zukunft eröffnet. Am Anfang hatte ich etwas Sorge, dass man den Aspekt der Buße nicht wahrnehmen wollte. Das hat mich sehr irritiert, weil schon die erste These Luthers voll auf die Buße abgeht und das ganze Leben des Christen eine Buße ist. Inzwischen habe ich aber gesehen, wie sich das entwickelt hat, bis hin zu diesem gemeinsamen Buß- und Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim im März, den ich als äußerst positiv erfahren habe und der ein sehr schönes Ereignis gewesen ist. Zweitens die Bereitschaft von der evangelischen Kirche, nicht so sehr Luther in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das Reformationsgedenken als Christusfest zu verstehen, das uns gemeinsam ist und das ja auch das Anliegen von Luther gewesen ist. Das hat mich sehr gefreut. Das war die beste Idee für ein gemeinsames Reformationsgedenken.

Auf der Weltebene gibt es eine wunderschöne Zusammenarbeit mit dem lutherischen Weltbund, die sehr fruchtbar ist. Ich habe selbst auch an der Plenarsitzung des lutherischen Weltbundes in Namibia teilgenommen. Und diese Leidenschaft, in die Zukunft aufzubrechen aufgrund dieses Reformationsgedenkens war spürbar.”

RV: Für die innerevangelische Ökumene ist die „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ ein zentraler Ausdruck. Wo sehen Sie die Grenzen dieses Modells für die evangelisch-katholische Ökumene?

Kardinal Koch: „Die Schwierigkeit liegt darin, dass alle diesen Begriff verwenden, aber nicht das gleiche darunter verstehen. Es gibt auf der einen Seite die starke Tendenz, zu sagen, „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ ist eine Beschreibung der Situation, wie wir sie heute haben. Wir sind verschieden, sollen auch so bleiben, aber schon Eins. Und deshalb müssen wir uns nur noch gegenseitig anerkennen und Abendmahl feiern.

Die katholische Sicht ist eine andere: „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ ist eine Beschreibung der Aufgabe, die vor uns steht, dass wir unsere historischen Differenzen so aufarbeiten, dass sie nicht mehr unversöhnt sind. Sodass Unterschiede bleiben, aber nicht mehr kirchentrennend sein sollen, sondern dass sie versöhnt sind und wir dann diese Zeichen setzen können. Hier sehe ich den Unterschied und es wäre wichtig in der ökumenischen Diskussion, dass man Formeln nicht nur gemeinsam verwendet, sondern auch Auskunft darüber gibt, wie man sie versteht. Sonst entstehen Konfusionen.”

RV: Wo fällt die interkonfessionelle Versöhnung heute, in 2017, noch am schwersten?

Kardinal Koch: „Ich glaube schon, dass die Frage des Kirchenverständnisses nach wie vor eine schwierige Krux ist, weil es hier sehr verschiedene Konzeptionen gibt. Die Erklärung der Glaubenskongregation hat das mit der Formel zum Ausdruck gebracht, dass die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen nicht Kirchen im eigentlichen Sinne sind. Nun ist „eigentlich“ im Deutschen ein schwieriges Wort, weil es immer fast das Gegenteil sagt, von dem, was es meint. Gemeint ist, dass sie nicht Kirchen nach dem katholischen Verständnis sind, –so hat es Papst Benedikt in seinem Interviewbuch mit Peter Seewald auch umformuliert – sondern, dass sie Kirchen gleichsam eines anderen Typs sind. Darüber müssen wir noch vertieft nachdenken, auch über die Amtsfrage und die Bedeutung der Eucharistie im Gesamten des Kirchenverständnisses.”

RV: Was hat die katholische Kirche ihrerseits in diesem Lutherjahr gelernt?

Kardinal Koch: „Erstens haben wir gelernt, was die eigentlichen Anliegen Luthers gewesen sind. Es ist ja teilweise etwas verloren gegangen in der Polemik, dass Martin Luther eine Erneuerung der katholischen Kirche gewollt hat, die damals nicht gelingen konnte, sodass es zur Kirchenspaltung gekommen ist, wofür beide Seiten ihre Schuld haben. Wir haben gelernt, dass man diese Schuld gemeinsam tragen muss und aber nun gemeinsame Wege in die Zukunft gehen muss, nicht nur rückwärts schauen, sondern in die Zukunft schauen. Aber beides gehört zusammen: wenn ich mit dem Auto überholen will, muss ich in den Rückspiegel schauen, sonst wird es gefährlich. In diesem Sinne war es richtig, Rückschau zu halten, aber jetzt sollten wir auch in die Zukunft schauen und auf dem Boden all dessen, was wir als gemeinsam wiedererkannt haben, Wege zu einer verbindlicheren Einheit gehen.”

RV: Was ist das große Neue, das Papst Franziskus gebracht hat zur Ökumene zwischen evangelischer und katholischer Kirche?

Kardinal Koch: „Zunächst betont Papst Franziskus es selber immer, dass er weiterführt, was seine Vorgänger begonnen haben. Wir dürfen in der katholischen Kirche glücklich sein, dass wir seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil stets Päpste gehabt haben, die ein offenes Herz für die Ökumene hatten. Auf diesem Weg kann Papst Franziskus weitergehen. Was bei ihm charakteristisch ist, ist die Betonung des Dialogs der Liebe. Die war natürlich immer schon da, aber die Brüderlichkeit, Geschwisterlichkeit, einander anzunehmen, miteinander den Weg zu gehen, alles gemeinsam zu tun, was man gemeinsam tun kann und vor allem auch füreinander zu beten, das sind meines Erachtens ganz wesentliche Aspekte. Und Papst Franziskus empfängt immer wieder Gruppierungen aus der Ökumene, die zu ihm kommen wollen. In dem Sinne übt er eigentlich schon so etwas wie einen ökumenischen Primat aus, natürlich ohne Jurisdiktion. Aber er ist doch ein Bezugspunkt für viele Christen und in dem Sinne nicht mehr einfach das größte Hindernis für die Ökumene, sondern auch eine Opportunität für die Ökumene. Und was ich noch weiter betonen möchte: Papst Franziskus hat eine Offenheit und eine große Kenntnis für die pentakostalischen Bewegungen, die er aus Lateinamerika kennt. Und der Pentakostalismus ist heute die zweitgrößte Realität nach der römisch-katholischen Kirche. In den Bewegungen gibt es auch anti-katholische und anti-ökumenische Akzente. Indem der Papst sie aber zu sich einlädt für persönliche Begegnungen, öffnet das wieder neue Tore, auch in diese große Bewegung hinein und dafür sind wir natürlich sehr dankbar.” (rv)

Kardinal Koch: „Benedikt XVI. war konsequent ökumenisch“

Mit einer Festschrift ehrt die vatikanische Joseph-Ratzinger-Stiftung den emeritierten Papst Benedikt XVI. zu seinem 90. Geburtstag. Am Donnerstagabend wurde die italienischsprachige Festschrift in Vatikan-Nähe präsentiert. Sie trägt den Titel „Cooperatores Veritatis“ (Mitarbeiter der Wahrheit), der dem Bischofsmotto Benedikts entspricht, und enthält Aufsätze aller Gelehrten, die bisher mit dem Ratzinger-Preis für Theologie ausgezeichnet wurden.

Kurienkardinal Kurt Koch, der vatikanische Ökumene-Verantwortliche, würdigte bei der Präsentation Benedikts Pontifikat (2005-2013) als „konsequent ökumenisch, weil es ganz christozentrisch und evangelisch war“. Im ständigen Verweis auf Christus seien dem Papst aus Deutschland „stille Reformen aus der Mitte des Glaubens heraus“ gelungen, etwa im Bereich der Liturgie. An der Veranstaltung im Patristischen Institut des Augustinerordens direkt am Petersplatz nahmen zahlreiche Weggefährten des emeritierten Papstes teil, darunter die Kardinäle Müller, Sodano, Bertone und Ravasi. Benedikt XVI. wird am Ostersonntag, den 16. April, 90 Jahre alt. (rv)

Koch: „Papst übt eine Art von ökumenischem Primat aus“

Einer der größten Stolpersteine auf dem Weg der Ökumene: So hat der selige Paul VI. sein Amt, das Papstamt, einmal genannt. Sollten die Päpste also ihren Anspruch herunterschrauben, um kein ökumenisches Ärgernis mehr zu sein? Jein, antwortet auf diese Frage Kardinal Kurt Koch. Der Schweizer leitet den Päpstlichen Einheitsrat.

„Sicher stimmt es auf der einen Seite, was Papst Paul VI. beim Besuch des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen Ende der sechziger Jahre gesagt hat: dass er sich sehr wohl bewusst sei, dass sein Amt eines der größten Hindernisse auf dem Weg zur Einheit ist. Auf der anderen Seite muss man aber auch sagen, dass das Papstamt eine großartige Möglichkeit für die Einheit der Christen ist! Und da hat sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sehr viel entwickelt. Wenn ich jetzt gerade bei Papst Franziskus sehe, wie viele Repräsentanten anderer Kirchen nach Rom kommen wollen, mit dem Papst reden wollen, dem Papst begegnen möchten, und wie viel Zeit der Papst sich dafür nimmt – dann muss ich eigentlich sagen, dass der Papst schon so eine Art von ökumenischem Primat ausübt. In der Art und Weise, wie er sich Zeit für die Ökumene nimmt.“

„Ich bin zuversichtlich, dass kein Papst das rückgängig machen kann“

Er sehe die Christen längst auf dem Weg „vom größten Hindernis zu einer Möglichkeit der ökumenischen Einheit im Papstamt“. Das liege auch daran, „dass wir seit dem Konzil alles ökumenische Päpste gehabt haben“. „Johannes XXIII. hat diese Öffnung gebracht. Paul VI. war ein großartiger Ökumeniker, vor allem mit seinen Gästen. Wenn ich daran denke, wie er einen orthodoxen Metropoliten empfängt, indem er sich vor ihn kniet und ihm die Füße küsst… im Unterschied zu seinem (Vor-) Vorgänger, der das von Orthodoxen verlangt hat! Dass er dem anglikanischen Primas 1967 den Ring geschenkt hat. Das sind alles großartige Zeichen gewesen. Johannes Paul II. war ein großartiger Ökumeniker, der aus der Hoffnung gelebt hat, dass das dritte Jahrtausend das Zeitalter der Einheit sein muss. Papst Benedikt XVI. hat theologisch viel für die Einheit der Christen gearbeitet, Papst Franziskus führt das weiter. Ich bin absolut zuversichtlich, dass kein Papst das rückgängig machen kann, wenn er dem Zweiten Vatikanischen Konzil treu bleiben will, und dazu gehört die ökumenische Verpflichtung.“

Natürlich sei die Frage, „die Johannes Paul II. in die ganze Christenheit hineingegeben hat“, immer noch aktuell, so Kardinal Koch. Der heilige Papst aus Polen hatte in seiner Enzyklika „Ut Unum Sint“ eine Debatte darüber angeregt, wie das Papstamt so ausgeübt werden könne, dass es auch für die getrennten christlichen Geschwister akzeptabel sei. „Da müssen die Dialoge weitergeführt werden“, sagt Koch.

Der Chef-Ökumeniker des Vatikans äußerte sich auch zum Stand des Dialogs mit den Lutheranern – schließlich läuft ja gerade das Reformations-Gedenkjahr. Die letzten lehrmäßig strittigen Punkte zwischen beiden Seiten sollen in einem Konsenspapier ausgeräumt werden. Da geht es um Kirche, Eucharistie und kirchliches Amt. Rückt, wenn ein solches Dokument einmal zustande gekommen sein wird, die Einheit der Kirchen in Reichweite?

„Dann wäre Kirchengemeinschaft in Reichweite“

„Also, zunächst einmal ist das die logische Konsequenz, weil das in der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre (von Augsburg) selber gesagt wird, dass damit die ekklesiologischen Fragen dieses Konsenses noch nicht gelöst sind. Und deshalb ist der Vorschlag, den ich eingebracht habe, jetzt eine Gemeinsame Erklärung zu Kirche, Eucharistie und Amt zu verfassen, nur die logische Konsequenz, die sich aus diesem Konsens ergibt. Es wäre wirklich ein großartiger Schritt, wenn das gelingen könnte, zu dieser Gemeinsamen Erklärung zu kommen: Das scheint mir der unabdingbare Schritt für Kirchengemeinschaft und auch Eucharistiegemeinschaft zu sein!“

Noch einmal nachgefragt: Wenn eine solche Gemeinsame Erklärung einmal vorliegt – wäre dann die Eucharistiegemeinschaft in Reichweite? Koch: „Dann wäre Kirchengemeinschaft in Reichweite – und das ist die unmittelbare Voraussetzung für Eucharistiegemeinschaft.“ – Frage: „Ja, aber in zwanzig Jahren hat man eine solche Erklärung doch fertig…“ – Koch: „Ich weiß nicht, ob ich es noch… Also, ich werde es sicher noch erleben. Ich weiß nur nicht, ob ich noch auf Erden bin oder schon im Himmel. Aber erleben werde ich es, davon bin ich überzeugt!“

„Mein Vorbild in der Ökumene ist Mose“

Frage: „Aber so nah dran sind wir also an der Möglichkeit einer Einheit mit der lutherischen Kirche?“ – Koch: „Das hängt jetzt von den Antworten ab, die da kommen und was da erarbeitet werden soll. Ich bin auf jeden Fall dankbar, dass dieser Vorschlag auf offene Ohren und Herzen stößt und dass die Bereitschaft da ist, sich auf den Weg zu begeben. Dann werden wir sehen, wann und wie das geht… Wissen Sie: Mein Vorbild in der Ökumene ist Mose. Der muss sein Volk in das Gelobte Land führen. Aber er ist nicht traurig, weil er das Gelobte Land nicht mehr erreicht. Das ist meine Spiritualität: Es kommt für mich nicht darauf an, was ich erreiche, sondern ich sehe meine Aufgabe darin, diesen Weg zu bereiten, das andere ist ohnehin das Departement des Heiligen Geistes.“

Kardinal Koch äußerte sich am Rand einer Buchvorstellung am Donnerstagabend in Rom. In der deutschen Nationalkirche Santa Maria dell’Anima stellte er ein Buch von Kardinal Gerhard Ludwig Müller, dem Präfekten der Glaubenskongregation, mit dem Titel „Der Papst“ vor. (rv)

Ökumene mit der Orthodoxie: Einheit geschieht auf dem Weg

Es war die erste Begegnung zwischen einem Papst und dem orthodoxen Patriarchen von Moskau überhaupt, vor genau einem Jahr trafen sich die beiden in denkbar nüchterner Umgebung auf dem Flughafen von Havanna. Papst Franziskus war tags zuvor Richtung Mexiko aufgebrochen, um den Patriarchen auf Kuba treffen zu können.

„Wir sind Brüder, und es ist ganz klar, dass das hier der Wille Gottes ist,“ hatte der Papst damals nach der Unterzeichnung eines gemeinsamen Dokumentes gesagt. Was aber bleibt von diesem kurzen Treffen, ein Jahr danach? Dieser Frage ist am Sonntag an der Universität Fribourg in der Schweiz ein Studientag nachgegangen, den das dort ansässige Institut für Ökumenische Studien gemeinsam mit der Schweizer Bischofskonferenz ausrichtete. Mit dabei waren die Ökumene-Verantwortlichen sowohl der russisch-orthodoxen als auch der katholischen Kirche, Metropolit Hilarion aus Moskau und Kardinal Kurt Koch aus dem Vatikan.

Die Frage war, was sich in den Beziehungen zwischen katholischer und orthodoxer Kirche durch und seit der Begegnung auf Kuba getan hat. „Wahrscheinlich mehr noch als konkrete Ereignisse ist wichtig, dass sich die Atmosphäre geändert hat“, berichtet Barbara Hallensleben, Dogmatik-Professorin in Fribourg und eine der Organisatorinnen des Treffens. Patriarch und Papst hatten gewollt, dass ihr Wunsch, aufeinander zuzugehen und Vertrauen zu schenken, sich in den Kirchen verbreite.

Eine neue Art Theologie

Die Hauptvorträge des Tages hielten für die orthodoxe Kirche von Moskau Metropolit Hilarion und für den Vatikan der Ökumenebeauftragte Kardinal Kurt Koch. Beide sprachen auch konkretere Ergebnisse angesprochen, berichtet Hallensleben. „Eine Ökumene der Heiligen, eine kulturelle Ökumene und das, was sie die Ökumene der praktischen Zusammenarbeit genannt haben, die bis auf die politische Ebene geht. Hier wird die internationale politische Lage angesprochen, die Vertreibung der Christen in Syrien und anderen Kernlanden des ursprünglichen Christentums.“ Gemeinsame Reisen und Delegationen, zusammen vorgebrachte Appelle, aber auch gemeinsame Hilfe für die lokalen Bevölkerungen, das alles bringt die Ökumene voran.

„Was mich lange als Theologin beschäftigt hat war die Unruhe, ob das nicht eine Art Ausweichen aus der Theorie in die Praxis ist, aus der Glaubenslehre in eine einfache soziale Zusammenarbeit”, bekennt die Professorin, die auch als Konsultorin des von Kardinal Koch geleiteten Päpstlichen Einheitsrates wirkt. „Wenn ich aber die Texte jetzt lese und höre, was hier geschieht, scheint mir genau umgekehrt eine neue Art Theologie zu entstehen. Eine Theologie, welche die nichttheologischen Faktoren nicht einfach abtut, sondern sie in ihre Arbeit einbezieht, eine Theologie, die sich hier und heute engagiert, um den Glauben zu leben und Christus nachzufolgen.“

Misstrauen und Nichtwissen überwinden

Es gebe viel Misstrauen und Nichtwissen voneinander, so Hallensleben; dem versuchten die Dimensionen der Ökumene der Heiligen, also des Kennenlernens religiöser Traditionen, und die kulturelle Ökumene entgegen zu wirken. „Natürlich gibt es sowohl in der katholischen Kirche als auch in der russisch-orthodoxen Kirche gewisse Kreise, wo sehr viel Skepsis herrscht. Etwa in der katholischen Tradition gegenüber der Öffnung, für die Papst Franziskus steht, aber auch in der orthodoxen Kirche gibt es Skepsis gegenüber dem, was Patriarch Kyrill als Annäherung an die katholische Kirche vollzieht“, beobachten Hallensleben. Aber es sei zu schade, sich auf diese Beharrungskräfte und Widerstände zu konzentrieren. Wichtiger, zugleich auch schwieriger zu überwinden seien die verbreitete Unkenntnis und auch Missinformation übereinander. „Das kann man nicht in Grundsatzerklärungen in einem Schritt überwinden, sondern man braucht sehr viel Zeit und Geduld, man braucht Begegnung, man braucht neue und positive Erfahrungen, welche die alten negativen Erfahrungen und Elemente des Misstrauens mehr und mehr ersetzen.“

Darum solle diese Initiative von Havanna einerseits auch in Zukunft fortgesetzt werden, aber auch in die Ortskichen eingebracht werden, etwa durch Austausch von Studenten oder durch das Erlernen der jeweiligen Sprachen.

Die große Frage im Hintergrund ist immer die, ob denn in absehbarer Zeit einmal ein Papst auch nach Russland werde reisen können. Barbara Hallensleben wagt keine Prognose, findet aber die dezentral stattfindenden Jahrestage von Havanna im Prinzip nicht unwichtiger als eine solche Reise. „Ich bin sehr sicher, dass vielleicht tatsächlich sogar schon Patriarch Kyrill einmal Rom besuchen wird, als auch dass der Papst in absehbarer Zeit nach Moskau reisen wird.“ (rv)

Kardinal Koch: „Ökumene-Treffen in Lund ist zu würdigen“

Kardinal KochDer vatikanische Ökumene-Verantwortliche, Kardinal Kurt Koch, aber auch die Führung des Lutherischen Weltbunds (LWB) – nämlich LWB-Präsident Bischof Munib Younan und LWB-Generalsekretär Martin Junge – hoffen, dass die Papstreise nach Schweden neue Impulse geben kann. Diese Hoffnung schließe ein, dass es neue Übereinkommen und sogar neue Vereinbarungen zur gegenseitigen Teilhabe am Eucharistischen Tisch geben könnte, sagte Kardinal Koch bei der Vorstellung der Reise im Vatikan.

Im Gespräch mit Radio Vatikan betont der Schweizer Kurienkardinal, dass man aber vor allem die Reise an sich nicht unterschätzen sollte: „Mir scheint, man muss die Tatsache würdigen, dass überhaupt dieses Treffen stattfindet. Die Jahrhundertfeier der Reformation waren bisher immer konfessionell und triumphalistisch, also mit polemischen Tönen, versehen. Es ist das erste Mal, dass ein Gedenken des Beginns der Reformation gemeinsam begannen wird. Dieser Gedenkgottesdienst in Lund und die Feiernden auf der einen Seite mit dem Präsidenten und dem Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes und auf der anderen Seite der Papst ist meines Erachtens eine sehr starke Botschaft. Erstens, weil es ein Zeichen der Dankbarkeit, wie sich das Verhältnis in den vergangenen 500 Jahren entwickelt hat. Wir haben ja vor allem in den vergangenen 50 Jahren einen intensiven Dialog zwischen Lutheranern und Katholiken entwickelt. Dafür sind wir sehr dankbar. Zweitens ist es ein Zeichen der Hoffnung, den Weg weiter zu gehen.“

Man dürfe aber nicht die Geschichte Europas vergessen, so Kardinal Koch weiter.

„Das Ganze steht ja unter dem Thema vom Konflikt zur Gemeinschaft. Das ist der historische Weg. Reformation hat ja auch zur Kirchenspaltung und zu grausamen Konfessionskriegen in Europa geführt. Doch wir sind nun auf dem Weg zur vollen Gemeinschaft zwischen Lutheranern und Katholiken und ich hoffe sehr, dass dieses gemeinsame Reformationsgedenken ein guter Schritt sein wird.“ (rv)

Kurienkardinal Koch und Roms Pastor erhalten Verdienstkreuz

Kardinal KochÖkumenische Feierstunde in Rom: Der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch und Roms lutherischer Pfarrer Jens-Martin Kruse haben an diesem Donnerstag das Bundesverdienstkreuz erhalten. Die Übergabe der Auszeichnung fand an der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl statt. Die beiden Geehrten „fördern die Einheit der Christen, und das bedeutet uns viel“, so Botschafterin Annette Schavan in ihrer Würdigung. Bundespräsident Joachim Gauck nannte Kardinal Koch in einer Grußbotschaft „einen der heutigen Architekten der Einheit der Christen“. Mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse werde Pfarrer Kruse für „das Wirken im Dienst der Ökumene“ gewürdigt, schreibt Gauck. „Zum kulturellen Gedächtnis der Deutschen gehört auch, im Land der Reformation zu leben“, sagte Botschafterin Schavan bei der Feierstunde in Rom und erinnerte auch an die bevorstehende Schwedenreise des Papstes, bei der es um das Gedenken der Reformation gehe. „Gleichsam auf dem Weg nach Lund ehren wir heute zwei Persönlichkeiten, die sich auf besondere Weise in den Dienst an der Einheit der Christen gestellt haben“, so Schavan laut Redemanuskript. (rv)

“Wir haben der Barmherzigkeit Gottes ins Gesicht geschaut!” Ein Gespräch mit Kardinal Koch

kardinal-kochMANOPPELLO – 2017 wird es 500 Jahre her sein, dass sich im Abendland die lutheranischen Brüder und Schwestern von der römisch-katholischen Kirche und dem Papst zu lösen begannen. Älter als die Reformation und die Aufspaltung der Kirche des Westens ist aber das große morgenländische Schisma und die Spaltung der Christenheit in die orthodoxen Kirchen des Ostens und die römisch-katholischen Kirche im Westen, die im Jahr 1054 zwischen Rom und Konstantinopel vollzogen wurde. Erst am 7. Dezember 1965 tilgten Papst Paul VI in Rom und der ökumenische Patriarch Athinagoras in Istanbul feierlich die gegenseitigen Bannflüche “aus dem Gedächtnis und der Mitte der Kirche“ und gaben sie „dem Vergessen anheim “. Fremd sind sich Ost- und Westkirche aber immer noch, vor allem in kultureller Hinsicht. – Auf Einladung Erzbischof Bruno Fortes von Chieti-Vasto feierten nun aber am 18. September 2016 siebzig orthodoxe Bischöfe gemeinsam mit zwei Kardinälen und zahlreichen hohen Geistlichen der römisch-katholischen Kirche in der Basilika des Heiligen Gesichts in Manoppello die orthodoxe “Göttliche Liturgie” des heiligen Johannes Chrysostomos unter dem Angesicht Christi, das dort über dem Hauptaltar ausgestellt ist. – CNA/EWTN News-Romkorrespondent Paul Badde fragte Kardinal Kurt Koch, den Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, nach der Feier nach seiner Einschätzung dieses historischen Tages.

CNA: Herr Kardinal, Erzbischof Bruno Forte nennt das “Heilige Gesicht” Christi den “Polarstern der Christenheit”. Für ihn gibt es keinen vernünftigen Zweifel, dass der Bildschleier mit dem Schweißtuch Christi identisch ist, das Johannes im heiligen Grab neben den Leinenbinden erwähnt. Ist das aber nicht auch aufreizend für die orthodoxen Mitbrüder?

Kardinal Koch: Christen glauben an einen Gott, der sein konkretes Gesicht in Jesus Christus gezeigt hat. Und je näher wir das Gesicht Christi kennen lernen und je tiefer wir in ihm eins werden, um so tiefer werden wir auch untereinander eins. Deshalb ist es ein wunderschönes Ereignis, vor dem Antlitz Christi zu sein, zu beten, das Antlitz zu verehren, um ihn zu bitten, seinen Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen, dass wir die Einheit finden.

Katholiken haben den Orthodoxen einiges zu bringen. Umgekehrt ist es auch mit den Orthodoxen so, etwa mit ihrer Kultur der Ikonen-Verehrung. Könnte es da sein, dass von diesem Tag an auch die Bilder neu begriffen und bewertet werden können in der katholischen Kirche – inmitten jenes gewaltigen “Iconic Turn”, den Medienwissenschaftler heute feststellen, wo Bildern ganz allgemein für die Kommunikation eine Rolle zukommt wie vielleicht nie zuvor?

Ja, das innerste Geheimnis der Ökumene ist ein Austausch der Gaben. Jede Kirche hat ihre Gaben. Und eine besondere Gabe der Orthodoxie sind die Ikonen. Ich glaube deshalb schon, dass auch viele Christen im Westen einen neuen Zugang finden zu den Ikonen und so den Glauben vertiefen können. Das ist ein großartiges Geschenk. Es ist sehr wichtig, dass wir auch in der westlichen Tradition das Bild wieder neu schätzen. Wir haben durch die Reformation im 16. Jahrhundert einen ganz neuen Akzent auf das Wort gesetzt. Aber das Wort ist ja Fleisch geworden. Das Wort ist sichtbar geworden. Deshalb gehören auch die Bilder mit zum Glauben dazu. Das ist ein Geschenk der Orthodoxen, das wir dankbar entgegennehmen.

In Chieti ging es in den letzten Tagen innerhalb der Kommission, die nun nach Manoppello gepilgert kam, um die delikate Frage der theologischen und ekklesiologischen Beziehung zwischen Primat und der Synodalität im Leben der Kirche, also um das Petrusamt und das Amt aller Bischöfe. Vor zehn Jahren kam Petrus in der Gestalt von Papst Benedikt hierhin. Seitdem hat es eine ungeheure Wende gegeben in der Beurteilung dieses Bildes von Manoppello. Seitdem ist es weltbekannt geworden. Heute ist die Synode der Bischöfe gekommen. Was denken Sie, welche Bedeutung dieser Pilgerreise einmal beigemessen wird, in der sich die Synode hier versammelt hat?

Es ist sehr schön, dass wir nach zehn Jahren an diesem Jubiläum hierhin kommen durften. Papst Benedikt ist im Namen der ganzen katholischen Kirche gekommen. Heute ist Kirche aus Ost und West hier gegenwärtig. So kann dieses Jubiläum vielleicht auch auf der Suche nach der Einheit zwischen der Kirche in Ost und der Kirche im Westen helfen.

Sie sind als Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen in Rom verantwortlich für die Ökumene. Von Papst Franziskus gibt es dazu das Wort: “Schaut auf Christus und geht mutig voran!” Was würden Sie da heute, wo Sie in dieser Verschiedenheit von Ost- und Westkirche vor diesem Bild Christi zusammengekommen sind, sagen, welches der nächste Schritt wäre, mutig auf Christus zuzugehen?

Wir sind eigentlich immer auf dem Weg zu Christus hin. Denn es ist ja sein Wille, dass wir die Einheit finden. Das ist nicht ein menschliches Projekt. Christus selbst hat am Vorabend vor seinem Leiden gebetet, dass die Jünger eins sein sollen, damit die Welt glaubt. Die Glaubwürdigkeit des Zeugnisses hängt davon ab, dass wir eins sind. Das ist ja auch ein besonderes Anliegen von Papst Franziskus, wenn er sagt, wir müssen denselben Weg gehen auf Christus hin, dann werden wir die Einheit finden.

“Misericordiae Vultus” heißt die Verkündigungsbulle, mit der Papst Franziskus dieses heilige Jahr der Barmherzigkeit angekündigt hat, nach ihren ersten Worten auf lateinisch. Das “Gesicht der Barmherzigkeit” hat diesem Jahr damit seinen ganz besonderen Sinn gegeben. Was empfinden Sie da, wenn Sie heute hier vor dem barmherzigen Blick Jesu stehen, der uns aus diesem Wunderschleier anblickt?

Es ist eine wunderschöne Botschaft, dass wir einen barmherzigen Gott haben dürfen, bei dem wir wissen, dass es für ihn keine hoffnungslosen Fälle gibt. Mag ein Mensch noch so tief gefallen sein. Er kann nie tiefer fallen als in die Hände Gottes hinein. Dieses Angesicht nun wirklich sehen zu können, ihm zu begegnen, ist natürlich eine wunderbare Vertiefung dieser Botschaft des heiligen Jahres. Die Menschen heute haben nichts nötiger als die Barmherzigkeit Gottes. Und wenn sie in das Gesicht des barmherzigen Gottes schauen dürfen, ist das ein wunderbares Geschenk.

Und was werden Sie Papst Franziskus von diesem Ereignis berichten, falls Sie die Gelegenheit dazu bekommen?

Ich werde ihm sicher sagen, dass wir seiner großen Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes ins Gesicht geschaut haben. Und dass dieses Gesicht wichtig ist für die ganze Kirche. Das ist gleichsam das Aushängeschild der Kirche: das barmherzige Gesicht Gottes! (CNA Deutsch)

Reformation und Versöhnung: Die Ökumene-Rede von Kardinal Kurt Koch

Kardinal KochVATIKANSTADT – Reformation und Versöhnung: An der päpstlichen Universität von San Anselmo fand dazu ein dreitägiges Theologentreffen statt. Auch mehrere Vertreter der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nahmen teil, darunter die EKD-Beauftragte für das Luther-Gedenkjahr 2017, Margot Käßmann. Als Redner bei der Schlussveranstaltung am Freitag sprach der höchste päpstliche Ökumene-Beauftragte, Kardinal Kurt Koch. CNA dokumentiert den Wortlaut des Kurienkardinals in vollem Umfang:

GRUSSWORT[1]

Kurt Kardinal Koch

„From Conflict to Communion“: Der Weg, der vom Konflikt zur Kommunion führt, heißt im Licht des christlichen Glaubens Versöhnung. Versöhnung aber setzt Umkehr voraus, und Umkehr ist die conditio sine qua non aller ökumenischen Bemühungen, wie das Ökumenismusdekret des Zweiten Vatikanischen Konzils „Unitatis redintegratio“ entschieden betont: „Es gibt keinen echten Ökumenismus ohne innere Bekehrung. Denn aus dem Neuwerden des Geistes, aus der Selbstverleugnung und aus dem freien Strömen der Liebe erweist und reift das Verlangen nach der Einheit.[2] Die vom Konzil eingeforderte Umkehr muss deshalb in erster Linie Umkehr zur leidenschaftlichen Suche nach der verloren gegangenen Einheit sein. Nur dann kann das Reformationsgedenken in einem ökumenischen Geist vollzogen werden. Ob und wie man im kommenden Jahr das Gedenken an die Reformation in ökumenischer Gemeinschaft und damit an eine „riforma che interpella tutti“ begehen wird, hängt zunächst davon ab, wie man das Jahr 1517 versteht, auf das sich das Fünfhundertjahrgedenken der Reformation bezieht.

Interpretiert man es von der ersten Jahrhundertfeier im Jahre 1617 her, in deren Vorbereitung entschieden worden ist, den 31. Oktober 1517 als Beginn der Reformation zu feiern, und zwar in Erinnerung an den so genannten Anschlag der Thesen über den Ablass an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg durch Martin Luther, dann wird das Reformationsgedenken unter dem Vorzeichen von Streit und Konflikt stehen. Denn im Jahre 1617 ist es offensichtlich gewesen, dass sich Europa auf einen schwerwiegenden Konflikt und sogar auf einen blutigen Glaubenskrieg hin bewegt hat. Die erste Centenarfeier der Reformation stand deshalb unter dem Vorzeichen einer antikatholischen Polemik und einer kämpferischen Rhetorik, wie der Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, Pastor Olav Fykse Tveit, mit freimütigen Worten urteilt: „Die erste Feier zum Gedächtnis von 1517 war Auftakt zu einer Serie zerstörerischer Glaubenskriege, dem Dreißigjährigen Krieg, der die Erinnerung an Luthers mutige Tat im Jahre 1517 zu einer Waffe werden ließ.[3]

Betrachten wir demgegenüber das Jahr 1517 nicht im Schatten späterer Reformationsjubiläen, sondern in sich selbst, erscheint es in einem ganz anderen Licht. Seit Erwin Iserlohs im Jahre 1962 veröffentlichten Buch „Luthers Thesenanschlag – Tatsache oder Legende?“ gehen die meisten Historiker freilich davon aus, dass der Thesenanschlag in der bisher überlieferten Weise gar nicht stattgefunden hat, dass Martin Luther seine Thesen vielmehr an den zuständigen Ortsbischof versandt hat und die Veröffentlichung seiner Thesen zum Ablass als Einladung zu einer gelehrten Disputation konzipiert gewesen ist. Von daher erinnert das Jahr 2017 an jene Zeit, in der es noch gar nicht zum Bruch zwischen dem Reformator und der Katholischen Kirche gekommen und die Einheit der Kirche noch nicht zerbrochen gewesen ist, Martin Luther vielmehr noch in der Gemeinschaft der Katholischen Kirche gelebt hat. Dies bedeutet freilich, dass das Jahr 2017 gar nicht anders als in ökumenischer Gemeinschaft begangen werden kann und deshalb von den folgenden drei Leitmotiven geprägt sein muss:

Das erste Stichwort heißt Dankbarkeit. Im Jahre 2017 erinnern wir nicht nur fünfhundert Jahre Reformation, sondern auch fünfzig Jahre intensiven Dialog zwischen Katholiken und Lutheranern, in dem wir entdecken durften, wie viel uns gemeinsam ist. Indem wir unseren Blick auf die reife Frucht des ökumenischen Dialogs in den vergangenen Jahrzehnten richten, sind wir im Sinne des Austausches der Gaben eingeladen, einander zu sagen, was wir vom jeweiligen ökumenischen Partner in der Zwischenzeit gelernt haben. Zu einem gemeinsamen Reformationsgedenken gehört deshalb Dankbarkeit für die gegenseitige Annäherung im Glauben und im Leben, die in den vergangenen fünfzig Jahren möglich geworden ist.

Das zweite Stichwort heißt Schuldbekenntnis und Busse. Denn die Reformation bedeutet nicht nur die Wiederentdeckung der biblischen Botschaft von der Rechtfertigung. Es ist vielmehr auch die Kirchenspaltung eingetreten, und im 16. und 17. Jahrhundert sind grausame Konfessionskriege ausgetragen worden, vor allem der Dreißigjährige Krieg, der das damalige Europa in ein rotes Meer verwandelt hat. Als Fernwirkung dieser schwerwiegenden Konflikte ist es zudem zur Ausbildung von säkularen Nationalstaaten mit starken konfessionellen Abgrenzungen gekommen, die als eine große Bürde beurteilt werden muss, die aus der Reformationszeit geblieben ist. Katholiken und Protestanten haben deshalb allen Grund, Klage zu erheben und Busse für die Missverständnisse, Böswilligkeiten und Verletzungen zu tun, die wir uns in den vergangenen fünfhundert Jahren angetan haben. Ohne einen solchen öffentlichen Bussakt kann es kein ehrliches ökumenisches Reformationsgedenken geben.

Aus Busse angesichts des geschichtlichen Versagens und Leidens und aus dankbarer Freude über die in der Zwischenzeit erreichte ökumenische Gemeinschaft ergibt sich das dritte Stichwort: Hoffnung, dass ein gemeinsames Reformationsgedenken uns die Möglichkeit schenken wird, weitere Schritte auf die ersehnte und erhoffte Einheit hin zu tun und nicht einfach beim Erreichten stehen zu bleiben.

Nur mit dem Dreiklang von Dank, Busse und Hoffnung gedenken wir einer „riforma che interpella tutti“. Dieser Dreiklang kann dann symphonisch erklingen, wenn wir uns gemeinsam auf die Mitte der Reformation beziehen, wie dies Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch im Augustinerkloster Erfurt im Jahre 2011 zum Ausdruck gebracht hat. Er hat erstens die leidenschaftliche Gottsuche im Leben und Wirken des Reformators Martin Luther gewürdigt: „Was ihn umtrieb, war die Frage nach Gott, die die tiefe Leidenschaft seines Lebens und seines ganzen Weges gewesen ist.[4] Daraus hat Benedikt XVI. den Schluss gezogen, dass in der Nachfolge Luthers der ökumenische Dienst in der heutigen Zeit darin bestehen muss, in den weithin säkularisierten Gesellschaften die Gegenwart des lebendigen Gottes zu bezeugen. Zweitens hat Benedikt XVI. hervorgehoben, dass Luther seine leidenschaftliche Gottsuche in der Christozentrik seiner Spiritualität und Theologie konkretisiert und vertieft hat, weil er nicht an irgendeinen Gott geglaubt hat, sondern an jenen Gott, der uns sein ganz konkretes Gesicht im Menschen Jesus von Nazareth gezeigt hat.

Wenn sich heute Lutheraner und Katholiken gemeinsam auf die Zentralität der Gottesfrage und die Christozentrik konzentrieren, dann wird ein ökumenisches Reformationsgedenken möglich, und zwar nicht einfach in einem pragmatischen, sondern im tiefen Sinn des Glaubens an den gekreuzigten und auferstandenen Christus, den Martin Luther in neuer Weise zum Leuchten gebracht hat. Ich danke dem Pontificio Ateneo Sant’Anselmo herzlich, dass es den Convegno Internationale cattolico – luterano mit den wichtigen Akzenten: „Segni di perdono, Cammini di Conversione e Prassi di penitenza“ organisiert und durchgeführt hat, und allen, die dabei mitgewirkt und teilgenommen haben. Mit diesen drei Akzenten hat der Convegno einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass das Reformationsgedenken im kommenden Jahr unter einem guten Stern stehen und dem Ziel dienen wird, weitere glaubwürdige Schritte auf jene Einheit hin zu tun, um die Jesus gebetet hat und in deren Dienst auch Luther sein Wirken verstanden hat, weil er die Erneuerung der Kirche, aber keine Spaltung gewollt hat. Mein Saluto finale kann insofern nur ein saluto iniziale für jene Aufgaben sein, die uns bevorstehen und die darin bestehen, dass wir einer riforma gedenken „che interpella tutti“.

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[1] Saluto finale alla Sessione pubblica di chiusura del Convegno internationale cattolico-luterano „Segni di perdono, cammini di conversione, prassi di penitenza“ presso il Pontificio Ateneo Sant’Anselmo il 6 maggio 2016.

[2] Unitatis redintegratio, Nr. 7.

[3] O. F. Tveit, Das Erbe der Reformation und seine Bedeutung für die ökumenische Bewegung heute, in: P. Bosse-Huber, S. Fornerod, Th. Gundlach, G. W. Locher (Hrsg.), 500 Jahre Reformation. Bedeutung und Herausforderungen. Internationaler Kongress der EKD und des SEK auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017 vom 6. bis 10. Oktober 2013 in Zürich (Zürich-Leipzig 2014) 109-124, zit. 110.

[4] Benedikt XVI., Begegnung mit Vertretern des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Augustinerkloster Erfurt am 23. September 2011.

(CNA Deutsch)

Kardinal Koch: Große Zeichen für die Ökumene

Kardinal KochEs sind große Zeichen für die Ökumene, die im Moment gesetzt werden. Erst vor zwei Wochen hat Papst Franziskus gemeinsam mit dem ökumenisch-orthdoxen Patriarchen Bartholomaios I. auf Lesbos ein Dokument zur Flüchtlingskrise unterzeichnet. Ein Schritt, der selbst vor Wochen noch nicht so leicht denkbar gewesen wäre. Die großen Themen für die Ökumene dieses Jahr sind das im Juni anstehende Panorthodoxe Konzil und die Eröffnung des Lutherjahres im Oktober gemeinsam mit Papst Franziskus. Welche Chancen bringt das für die Ökumene? Wir haben mit Kurt Kardinal Koch gesprochen, dem „Ökumene-Minister“ vom Papst:

„Das ist eine ganz große Chance, dass die Orthodoxen Kirchen zusammenkommen und gemeinsam beratend den Weg in die Zukunft gehen wollen. Ich hoffe, dass das ein guter Schritt sein wird, sich nach so langer Zeit wieder einmal zu treffen. Welche Ergebnisse dabei herauskommen, das kann man heute noch nicht sagen, aber nur schon das Faktum, dass man zusammenkommt und gemeinsam berät, halte ich für ein ganz großes Zeichen.“

Ein Jahrtausend ist verstrichen, seitdem sich alle orthodoxen Kirchen zum Gespräch versammelt haben. Ein komplizierter Prozess, da die orthodoxe Kirche in sich teils sehr unterschiedliche Ansichten und Standpunkte vertritt. Für das Konzil im Juni wurde deshalb auch mit Kreta ein neutraler Veranstaltungsort gewählt. Dass es im Jahr 2016 so weit kommen konnte, ist für Kardinal Koch eine beachtliche Leistung: „Es gibt doch einige Misstöne in der Orthodoxie. Wenn ich beispielsweise die neueste Erklärung der orthodoxen Kirche in Bulgarien sehe, die sehr zurückhaltend ist gegenüber der Ökumene, hoffe ich doch, dass da ein deutliches Zeichen eines positiven Weitergehens in der Ökumene gesendet wird.“

Das Konzil auf Kreta wird dabei aber nicht nur Auswirkungen auf die orthodoxen Kirchen haben, sondern auch für den Dialog zur katholischen Kirche eine Rolle spielen. Das erhofft sich Kardinal Koch als Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. „Weil Partner, die unter sich selber nicht ganz einig sind, auch immer den Dialog ein bisschen behindern.“

Nach dem Konzil richtet sich der Blick der Weltkirche im Oktober auf das schwedische Lund. Sitz des Lutherischen Weltbundes, wo die Gedenkfeier zu 500 Jahren Reformation begangen wird, in Anwesenheit von Papst Franziskus. Ein Schritt, der die katholische und evangelische Kirche näher zusammen führen wird, hofft Kardinal Koch: „Nicht die Lutheraner laden die Katholiken ein, sondern Lutheraner und Katholiken laden gemeinsam die anderen ein. Das ist ein sehr positives Zeichen. Wir haben diesem Wunsch der Lutheraner entsprochen, nach Lund zu gehen und ich bin sehr froh und dankbar, dass der Heilige Vater zugesagt hat, teilzunehmen.“

Gerade aus Deutschland kommt dabei der Wunsch, den Papst im Gedenkjahr im Geburtsland der Reformation zu empfangen. Dass die Eröffnung mit Franziskus nun in Schweden stattfinden wird und nicht in Deutschland hat für Kardinal Koch mehr mit Interna der lutherischen Kirche zu tun, als mit dem Papst. „Es war die Entscheidung und der Wunsch der Lutheraner nach Lund und nicht nach Deutschland zu gehen. Deutschland ist eines der Reformationsländer, aber es gibt auch noch andere. Die Lutheraner sagen das Reformationsgedenken heute ist ein universales Geschehen, und deshalb haben sie Lund gewählt als Geburtsort des Lutherischen Weltbundes – und der Papst hat zugesagt.“ (rv)

Ökumene-Kardinal: Papst-Patriarchen-Treffen als Überwindung

Kardinal KochBei dem Treffen des Papstes mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. wird es auch um ganz konkrete Themen und Probleme gehen. Das bestätigt gegenüber Radio Vatikan der für die Ökumene zuständige Kurienkardinal Kurt Koch. Dass es überhaupt zu der Begegnung kommt, sei eine Überraschung, wenn auch die Vorbereitungen dazu schon lange im Gange waren, sagt der Schweizer Kardinal im Gespräch mit unserem Kollegen Mario Galgano. Als der Papst bei seiner Rückreise aus der Türkei im November 2014 gesagt hatte, er würde Kyrill überall und zu jeder Zeit treffen, habe dies auf Moskauer Seite zu einer Öffnung geführt.

„Der Hintergrund ist aber noch ein anderer: wie Metropolit Hilarion (er ist für die Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats zuständig, Anm. d. Red.) bei der Pressekonferenz in Moskau sagte, war es von russisch-orthodoxer Seite nicht gewünscht in Europa durchzuführen. Europa gilt als der Kontinent der Kirchenspaltungen und all diese Treffen wollen ja nicht eine Fortführung der Kirchenspaltung sondern eine Überwindung der Spaltung sein. Deshalb hat man Kuba gewählt.“

RV: Werden auch die „heißen Eisen“ aufgegriffen? Werden der Papst und der Patriarch auch die bisherigen Hindernisse ansprechen?

„Natürlich kann man in einem zweistündigen Gespräch nicht alles behandeln. Es werden sicher diejenigen Fragen behandelt, die die beiden Kirchenführer persönlich und von der Kirche her betreffen, ein Thema sein.“

RV: Also das Stichwort Ukraine zum Beispiel und die Situation dort wird auch behandelt?

„Die Ukraine war ja lange Zeit der Grund, weshalb dieses Treffen nicht zustande gekommen ist und zwar von orthodoxer Seite her. Der russisch-orthodoxe Patriarch ist sehr betroffen von der Situation in der Ukraine und auf der anderen Seite ist natürlich auch der Papst sehr betroffen über den Krieg, den es in der Ukraine gibt und die Schwierigkeiten, die es in den Beziehungen zwischen der griechisch-katholischen Kirche und der orthodoxen Kirche gibt. Die griechisch-katholische Kirche ist Teil unserer Kirche. Das berührt und betrifft den Papst sehr. Ich denke schon, dass es unmöglich ist, zusammenzukommen ohne über diese Frage zu reden.“

RV: Es gibt aber auch kritische Stimmen – vor allem auf russisch-orthodoxer Seite, aber auch bei der griechisch-katholischen Seite in der Ukraine – die gewisse Ängste und Befürchtungen vor dem Treffen haben. Wie sehen Sie das?

„Ich glaube, der russisch-orthodoxe Patriarch ist sich dessen sehr bewusst, dass es diese Stimmen und Reaktionen gibt. Das bestätigt ja erst Recht den Willen für diese Begegnung und in diesem Sinne würde ich schon sagen, dass es ein mutiger Schritt für ihn ist.“

RV: Gerade Russland mit dem Einsatz in Syrien steht in der Kritik. Da gibt es aber auch eine gewisse Kritik gegenüber der russisch-orthodoxen Kirche, die – so sagt man – zu eng mit dem Staat und mit der russischen Politik verbunden sei. Beeinflusst das auch dieses Treffen auf Kuba? Also Papst, Patriarch und Politik.

„Man muss zunächst einmal sehen, dass in der orthodoxen Tradition ein ganz anderes Verhältnis zwischen Kirche und Staat gegeben ist als in der katholischen Kirche, weil wir uns als universale Kirche verstehen. Da ist die Beziehung zwischen Kirche und Staat in den einzelnen Nationen nicht so eng, wie das vielleicht in der Orthodoxie der Falls ist. Das liegt aufgrund ihres Prinzips der Autonomie und Autokephalie. Das ist die grundlegende ekklesiologische Frage, die man diskutieren muss. Doch bei diesem Treffen auf Kuba geht es ja zunächst nicht um die Begegnung von zwei politischen Figuren sondern um zwei religiöse, spirituelle Persönlichkeiten. Das steht im Vordergrund. Natürlich sind die beiden von den großen politischen Fragen wie Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung, Sorge um die Armen, Christenverfolgungen usw. berührt und von dem her wird natürlich auch das Gespräch und die Begegnung solche politische Fragen berühren.“ (rv)