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Archiv für die 'Islam' Kategorie

„Wer steuert den Islamischen Staat fern?“

Montag 12. Juni 2017 von VH

Islamischer Staat unter Druck: In Syrien hat die Offensive auf Raqqa begonnen, die „Hauptstadt“ der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS). Und auch in der nordirakischen Millionenstadt Mossul gerät die Bande immer stärker unter Druck. Am Samstag hat die irakische Armee ihr ein weiteres Stadtviertel im Westteil der Stadt abgenommen, jetzt halten die Terroristen nur noch drei Stadtteile Mossuls… darunter die Altstadt.

Auch wenn die Kämpfer der Terrogruppe ihre Haut teuer zu Markte tragen: Jetzt fängt die Diskussion an, was nach dem Sieg über den IS mal aus Mossul werden soll. Und aus dem Irak überhaupt.

„Der IS ist ein Problem – aber er ist nicht d a s Problem“, sagt im RV-Interview Jean-Benjamin Sleiman, der „lateinische“ Erzbischof von Bagdad. „Das wirkliche Problem sind die Hintermänner, die für die Gründung des IS gesorgt haben. Das sind extrem intelligente Leute mit genauen Kenntnissen der islamischen Welt und Gesellschaft. Sie sind das wirkliche Problem! Denn der IS macht die Drecksarbeit, aber wer sind die Manipulatoren im Hintergrund? Wer steuert die Gruppe fern, wer finanziert sie? Wer hält die Hand über sie? Diese Fragen muss man sich stellen, denn der Islamische Staat ist nicht nur ein Problem für den Irak oder die Region, sondern eine Gefahr für die ganze Welt. Man darf keine Tiger heranzüchten, sonst zerreißen sie einen eines Tages…“

„Ein gewisser Beduinen-Instinkt“

Typisch orientalische Verschwörungstheorien, könnte man denken. Aber so einfach ist das nicht: Schon vielen Experten ist aufgefallen, wie eng im Irak führende Köpfe des gestürzten Regimes von Saddam Hussein mit dem IS verbandelt sind. Sie haben den Widerstand gegen die amerikanischen Besatzer im Irak mit dem Unmut der sunnitischen Stämme zusammengerührt, dem Mix eine für viele attraktive islamistische Zutat gegeben, fertig war das Terrorsüppchen.

„Natürlich sind jetzt alle glücklich, dass der IS aus Mossul herausgefegt wird! Aber was nach dem IS kommt, bereitet doch auch Sorgen. Und zwar in mehrfacher Hinsicht. Zum einen stehen die befreiten Gebiete, auch die in der Niniveh-Ebene, im Mittelpunkt eines heftigen Streits – seit langem schon, schon seit dem Sturz des Regimes (von Saddam Hussein). Jetzt kriegt der Stärkste, der sich als erster darauf stürzt, wohl den Löwenanteil.“ Das zielt auch auf die kurdischen Milizen, die an der Befreiung von Mossul mitwirken.

„Hinzu kommt, dass sich einige Familien aus Not, vielleicht aber auch aus einem gewissen Beduinen-Instinkt heraus – entschuldigen Sie bitte diese Formulierung – sich das Eigentum der anderen angeeignet haben. Wir sind in diesem Land schon daran gewöhnt: Wenn sich jemand Ihr Haus angeeignet hat, und Sie schaffen es mithilfe der Behörden oder der Justiz, das Haus wiederzubekommen, dann müssen sie diesen Leuten eine Art Entschädigung zahlen.“

„Der Irak ist nicht mehr mein Land“

Probleme dieser Art gebe es viele, sagt der Erzbischof. Sie machten geflohenen oder vertriebenen Christen eine Rückkehr in ihre vom IS befreite Heimat schwer. „Wenn das jetzt nur, sagen wir mal, materielle Probleme wären – an sowas sind wir gewöhnt, das würden wir hinkriegen. Aber das eigentliche Problem besteht beim Vertrauen.“

Der Spaltpilz IS hat die Einzelteile der irakischen Gesellschaft auseinandergetrieben, Ergebnis ist ein allgemeines Misstrauen und der Eindruck: Mit unseren alten Nachbarn wollen wir nicht mehr Wand an Wand wohnen. Mehr noch. „Wenn Ihnen ein Iraker sagt: Der Irak ist nicht mehr mein Land – dann geht das über Nachbarschaftskonflikte oder um einen Streit über ein besetztes Haus weit hinaus. Das geht sehr weit. Und das ist einer der Gründe für den irakischen Exodus. Es gibt noch andere Gründe, aber der Verlust des Vertrauens ist sicher fatal.“

Wenn man den Irak retten wolle, so Erzbischof Sleiman, dann müsse man dafür sorgen, dass der Staat wieder wirklich zum Staat werde. „Wenn man die Geschichte mal im Zeitraffer sieht: Das Regime fällt, fast alle staatlichen Einrichtungen lösen sich auf, nach ein paar Monaten der Anarchie wird der Staat neu gegründet – und diese Neugründung besteht aus kleinen, aus Mini-Staaten. In der Zwischenzeit haben sich viele Milizen, Parteien usw. gebildet, mit diesem Material also hat man den Irak neu gegründet. Aber ein Staat müsste eigentlich viel mehr sein als ein Zusammenschustern von lauter Mini-Staaten!“

„Nicht auf die Widersprüche starren“

Wenn der Staat funktionieren würde, dann gäbe es „überhaupt kein Problem, nicht für die Christen, nicht für alle anderen“, sagt Erzbischof Sleiman. Doch die Zentralgewalt in Bagdad sei einfach zu schwach, um das Gebilde Irak mit allen seinen widerstreitenden Interessen zusammenzuhalten. „Die erste Aufgabe eines Staates besteht darin, die Sicherheit in der Gesellschaft zu gewährleisten. Heute sind die Minderheiten, darunter die Christen, zur Zielscheibe geworden. So etwas mindert nicht nur das Vertrauen – es tötet es.“

Aber der lateinische Erzbischof von Bagdad bemüht sich auch, nicht nur schwarzzumalen. Doch, es gebe durchaus schon Christen, die jetzt in ihre Dörfer in der Niniveh-Ebene zurückkehrten. Oder die schon die Koffer packten, um einen Neuanfang in der alten Heimat zu wagen. „Es gibt auch einige, die jetzt nicht zurückkehren können, auch wenn sie es gerne wollen, weil ihre Häuser abgebrannt oder ausgeplündert sind. Also, da steht uns allen viel Arbeit bevor… Ich glaube, es ist wichtig, Mut aufzubringen und nicht auf die Widersprüche zu starren, die ich aufgezählt habe.“

Zu Trump: „Wo sind die Werte?“

Der neue US-Präsident Donald Trump hat unlängst auf seiner ersten Auslandsreise den Nahen Osten – konkret Saudi-Arabien und Israel – besucht. Aus Riad brachte er einen milliardenschweren Rüstungsdeal mit nach Hause. Was sagen Sie zu Trump, Herr Erzbischof? „Wissen Sie – viele Menschen im Irak haben mit Trumps Reise jetzt nicht besonders viel Hoffnung verbunden. Aus meiner Sicht ist Trump in die USA zurückgekehrt und hat da gesagt: Guckt mal, ich bringe euch Milliarden Dollar mit, ihr könnt zufrieden sein! (Lacht) Alles gut und schön – aber der Friede auf der Welt und unsere Zukunft bestehen nicht nur aus Dollars. Vor allem, wenn diese Dollars auf nicht ganz klare Weise zusammengerafft werden.“

Nein, große Hoffnungen hätten die Christen im Irak auf Trump nicht gesetzt – das ist ein interessanter Befund, denn viele Kirchenleute im benachbarten Bürgerkriegsland Syrien können dem neuen Mann im Weißen Haus durchaus einiges abgewinnen.

Bestürzt ist Erzbischof Sleiman über die Kriegsgefahr am Golf – darüber, dass Saudi-Arabien und einige Verbündete Katar isolieren. „Man wirft Katar vor, Terror zu unterstützen – aber man sollte sich mal genau ansehen, wer da diesen Vorwurf erhebt. Wer es ist, der den ersten Stein wirft. Das alles trägt zu unserem Leiden bei. Wir träumen von einer friedlichen Welt – von einer Welt, in der es ein bisschen Wahrheit gibt. Aber diese Wahrheit gibt es nicht!“ Trump hat Saudi-Arabien zunächst zu seiner Kampagne gegen Katar beglückwünscht, jetzt gerade rudern die US-Diplomaten wild durch die Gegend, weil sie ihren Militärstützpunkt in Katar nicht verlieren wollen. An die Adresse der USA hat Erzbischof Sleiman eine klare Frage: „Ich sage das mit Blick auf eine Nation, die einmal christlich war und eine christliche Kultur hatte – also eine Kultur der Werte. Wo sind die Werte?“

„Emigration gibt es nicht erst seit Saddam“

Nach einer neuen Studie haben weit mehr als die Hälfte der Christen dem Irak seit dem Sturz Saddam Husseins den Rücken gekehrt. „Wir sind nicht weit von der Zweidrittel-Marke entfernt, wenn wir ab 2003 zählen. Aber wissen Sie – das Drama der Emigration aus dem Nahen Osten, auch aus dem Irak, hat doch gar nicht erst 2003 angefangen. Da muss man eigentlich zurückgehen bis zum Ersten Weltkrieg. Das sind Dramen, die sich aneinander reihen; auch der Iran-Irak-Krieg hat den Irak ausgeblutet. Aber ich will gar nicht nur von den Christen sprechen – das Phänomen betrifft alle Iraker. Alle leiden und sind frustriert.“

Der Ölreichtum des Irak sei auch sein Fluch: Er habe dazu geführt, dass sich zu viele ausländische Staaten für das Land „interessieren“, sagt Erzbischof Sleiman. Die Menschen seien ausgelaugt, sie hätten die ewigen Kämpfe – auch die des Alltags – satt. (rv)

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Die Geschichten der Opfer des Islamischen Staats: Akte unbeschreiblicher Gewalt und Gräuel

Sonntag 1. Mai 2016 von VH

ISNEW YORK – WARNUNG der Redaktion: Dieser Bericht enthält Beschreibungen von Akten barbarischer Gewalt, extremer Gräueltaten, Misshandlung und Folter. Er ist nicht für Kinder und Jugendliche geeignet.

Ihre Geschichten sind grausam, brutal, roh.

Etwa die des Ehepaares, deren Kinder von Kämpfern des Islamischen Staates entführt wurden. Als es eines Tages an der Tür klingelte, fanden sie Plastiktüten vor. Darin waren Körperteile ihrer Töchter und Videos, die zeigten, wie die Kinder vergewaltigt und gefoltert wurden.

Eine andere ist die der christlichen Frau aus Mosul, die zur Tür ging und ausländische IS-Kämpfer vorfand, die sie aufforderten, ihr Haus zu verlassen oder die „Dschizya“-Kopfsteuer zu zahlen, die gegen Christen und Juden in islamistischen Gesellschaften erhoben wird. Sie bat um ein paar Sekunden Zeit, da ihre Tochter in der Dusche sei. Doch die Islamisten weigerten sich. Sie setzten das Haus in Flammen, und verbrannten die Tochter bei lebendigem Leib.

Die Tochter starb in den Armen ihrer Mutter. Ihre letzten Worte waren. „Vergib ihnen.“

Dies sind nur zwei der Geschichten, die Jacqueline Isaac, eine Menschenrechtsanwältin und Vorsitzende der Gruppe Roads of Success vortrug.

Ihre Mutter, Vorsitzende der Organisation, hatte in der Woche zuvor im Britischen Parlament ausgesagt nach ihrer Rückkehr aus Homs in Syrien. Isaac erzählte viele ihrer Geschichten, und unterstrich sowohl die barbarischen und grausamen Verbrechen, als auch die Erzählungen von Heroismus und Vergebung. „Sehen Sie, inmitten der Dunkelheit ist Licht, und es ist das Licht das uns erlaubt, heute hier zu sitzen, wo es Licht gibt, und Hoffnung“, sagte sie.

Vorgetragen wurden diese Berichte im Rahmen der internationalen Konferenz #WeAreN2016. Der Titel rührt vom arabischen Buchstaben „Nun“, den Islamisten an die Häuser von Christen schmieren, um sie als „Nazarener“, also Christen zu kennzeichnen.

Die Veranstaltung findet vom 28. bis 30. April in New York statt. Es ist die zweite der jährlichen Konferenzen, die sich zum Ziel gesetzt haben, Aufmerksamkeit auf das Leid der Christen und anderer religiöser Minderheiten zu lenken, besonders unter der Verfolgung des Islamischen Staates und anderer radikaler Muslime im Nahen Osten.

Am Donnerstag morgen fand die Konferenz an den Vereinten Nationen statt, deren Hauptquartier in New York ist, gefördert vom ständigen Beobachter des Heiligen Stuhls an der UN. Hier legten Christen und Jesiden persönlich Zeugnis ab, wie sie vom IS verfolgt wurden, aber auch Missionare in Syrien und weitere religiöse wie zivile Führungspersönlichkeiten.

Viele der Redner schilderten horrende Gräueltaten des Islamischen Staates.

Unter Tränen erzählte die 15 Jahre alte Samia Sleman von ihren sechs Monaten als Gefangene der Islamisten. Mit Hilfe eines Dolmetschers berichtete der jesidische Teenager, wie ihre Familie im August 2014 Geisel genommen wurde. Ihr Vater, Onkel und Großvater sind alle noch in der Gewalt des IS.

Die Geiselnehmer trennten Männer und Frauen und beraubten sie aller Habseligkeiten. Ältere Frauen, die nicht für wert befunden wurden, als Sex-Sklavinnen gehalten zu werden, wurden umgebracht. Tausende junge Frauen und Mädchen, manche nur sieben Jahre alt, wurden vergewaltigt und gezwungen, den Islam anzunehmen.

„Warum müssen unschuldige Kinder und diese unschuldigen Menschen in der Region so leiden?“, fragte Sleman.

„Warum wird nichts dagegen getan? Obwohl nun über eineinhalb Jahre vergangen sind, und wir gesehen haben, wie Minderheiten horrende Dinge angetan werden, besonders Jesiden und Christen, hat die internationale Gemeinschaft keine konkreten Schritte gegen den Islamischen Staat unternommen“.

Die Anerkennung dieses Völkermords im Nahen Osten, sowohl durch das Europäische Parlament, das US-Außenministerium wie auch jüngst das Britische House of Commons habe den Opfern Hoffnung gemacht, betonten sowohl Isaac als auch Sleman.

Aber es müsse mehr getan werden.Der nächste Schritt wäre eine Anerkennung des Völkermords durch den UN-Sicherheitsrat, der den Fall dann auch an den Internationalen Strafgerichtshof verweisen würde. Eine dahingehende Petition der Gruppe CitizenGO hat über 170.000 Unterschriften gesammelt und diese am Freitag morgen im Hauptquartier der Vereinten Nationen abgegeben.

Der Begriff „Völkermord“ sei von großer Wichtigkeit, betonte Isaac. Als sie vor dem britischen Parlament aussagte, brachte sie ein 16-jähriges Mädchen mit, das unbeschreiblich barbarische Gräueltaten erlebte: Ihr eigener Vater war vor ihren Augen ermordet worden, sie wurde Zeugin, wie ein neun Jahre altes Mädchen so lange vergewaltigt wurde, bis sie tot war, und eine Mutter vom IS gezwungen wurde, die zermalmten Überreste ihres eigenen Kindes zu essen.

„Auch wenn die juristischen Argumente sehr wichtig waren in dieser parlamentarischen Entscheidung des House of Commons“, sagte Isaac, „so sind es doch diese Geschichten, die das Parlament bewegten“ und davon überzeugt hätten, den Völkermord anzuerkennen.

Und als das House of Commons offiziell erklärte, dass im Irak und in Syrien ein Völkermord stattfindet, rief das Mädchen „Oh Gott, oh Gott, danke Gott, Du hast unsere Rufe gehört“, erzählte Isaac.

Danach habe sie eine Mutter angerufen, deren Sohn von Islamisten ermordet wurde. „Das Blutvergießen an meinem unschuldigen Sohn wurde nicht ignoriert“, habe diese geantwortet.

„Der erste Schritt, der erste Sieg, ist dieser Heilungsprozess“, sagte Isaac. Der Beweis dass „die Überlebenden wissen“, dass andere sie unterstützen. (CNA Deutsch)

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Die Wirklichkeit der muslimischen Invasion Spaniens im Mittelalter

Donnerstag 17. März 2016 von VH

ReconquistaMADRID – Es ist ein Klischee: Das angeblich gute Zusammenleben verschiedener Kulturen im muslimisch beherrschten Spanien vor der Reconquista, der Rückeroberung der iberischen Halbinsel. Ein neues Buch enthüllt, was an diesem Mythos dran ist – und leistet damit einen Beitrag zur Differenzierung über ein Kapitel der Geschichte Europas, das vor dem Hintergrund der aktuellen Migrationskrise besonders brisant ist.

„Al-Andalus und das Kreuz. Eine Enthüllung der Mythen über die muslimische Invasion Hispaniens“ wurde von Rafael Sánchez Saus geschrieben, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität von Cádiz (Spanien).

Das Werk beschreibt, wie die arabische Expansion zur Entstehung von Al-Andalus führte. Gleichzeitig möchte der Autor die „wirkliche Lage der Christen“ darstellen, um sie den „gezielten Fälschungen“ entgegen zu stellen, die von Ideologen der vergangenen Jahrzehnte gerne in Umlauf gebracht wurden.

Mit Fakten gegen eine historische Fälschung

Das Buch ist ein historisches Essay, das die reale Lage Spaniens im 7. Jahrhundert aufzeigen möchte, als die maurischen Truppen mit der Eroberung der Iberischen Halbinseln begannen. Es schildert auch, wie die Muslime die dortige jüdische, muslimische und christliche Kultur erlebten.

Im Gespräch mit CNA erläutert Sánchez Saus, als Professor für Mittelalterliche Geschichte Spaniens habe er insbesondere feststellen können, „wie manche Klischees über Al-Andalus und die maurische Zivilisation, die sich über sehr lange Zeit hindurch in der spanischen Kultur festgesetzt haben, im Laufe der Zeit unwirkliche Züge angenommen haben. Es handelt sich um eine historische Fälschung, die bewirkt, dass die Studenten bereits von dieser Ideologie geprägt sind, wenn sie auf die Universität kommen.“

Mehrheitlich christliche Bevölkerung unterdrückt

Der Professor bestreitet, dass es ein angeblich gutes Zusammenleben der drei Kulturen in Al-Andalus gegeben hat. „Die damals unterdruckte Bevölkerung war die christliche, die sehr lange Zeit hindurch die Mehrheit der Bevölkerung von Al-Andalus darstellte.“

Deshalb sei es falsch, diese Epoche als Modell der Toleranz zwischen den Kulturen darzustellen. Denn, so schreibt Sánchez Faus, „das System gründete in der ständigen Unterwerfung dieser Gruppen, denen im Gegenzug eine relative Toleranz zur Ausübung ihres Glaubens gewährt wurde.“

Der Autor präzisiert, dass sie „gleichzeitig einer extremen Ungleichheit und dem Verlust ihrer Würde ausgesetzt waren“.

Der Professor für Mittelalterliche Geschichte bemerkt dazu, dass in der Zeit des Kalifats der Umayyaden die Christen als Bürger zweiter Klasse behandelt wurden.

Diese Ungleichheit vor dem Gesetz wird in der Tatsache deutlich, dass ein Christ so viel Wert besaß wie eine muslimische Frau, die ihrerseits die Hälfte des Wertes eines muslimischen Mannes hatte.

Sieben Jahrhunderte „Al-Andalus“

Der Begriff Al-Andalus bezeichnet das Gebiet der Iberischen Halbinsel, das in den Jahren zwischen 711 und 1492 unter muslimischer Herrschaft stand.

Nachdem die Araber im 8. Jahrhundert dieses Gebiet erobert hatten, wurde dieses heute zu Spanien gehörende Territorium in das Kalifat der Umayyaden integriert, das später zum Emirat von Córdoba wurde.

Nachdem die Königreiche, die das Emirat bildeten, verschiedene Teilungen erfahren hatten, endete schließlich am 2. Januar 1492 die sogenannte „Reconquista“ mit der Eroberung Granadas durch die Katholischen Könige, Isabella und Ferdinand. Damit endete die islamische Vorherrschaft auf der Iberischen Halbinsel.

„Al-Andalus y la cruz. Mitos al descubrimiento sobre la invasión musulmana de Hispania“ ist im Stella-Maris Verlag erschienen. Weitere Information über das Buch können Sie hier erhalten. (CNA Deutsch)

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Syrien/Irak: Vier Forderungen an die EU

Montag 18. August 2014 von VH

Ignatius Joseph III. Younan Als „Blutbad des Jahrhunderts“ hat der ranghöchste syrische Bischof die Verfolgung der Christen und anderer religiöser Minderheiten im Irak bezeichnet. Ignace Youssef III Younan, Patriarch von Antiochien der Syrer, richtete namentlich an Europa einen neuerlichen Appell, die ethnisch-religiöse „Säuberung“ durch die Dschihadisten des „Islamischen Staates“ zu beenden und den Christen im Irak zu Hilfe zu kommen. Gegenüber der französischen Zeitung „Ouest France“ formulierte der Patriarch vier Dringlichkeiten. Zunächst müsse Europa Waffenlieferungen an Terroristen in Syrien und im Irak stoppen, indem es aufhört, angeblich gemäßigte Oppositionsgruppen in Syrien mit Waffen zu versorgen. Von der UNO müsse Europa eine sofortige Sitzung des Sicherheitsrates einfordern, der Maßnahmen zur Unterstützung der Minderheiten im Irak trifft und eine bindende Resolution erlässt, damit die Vertriebenen in Sicherheit wieder in ihre Heimat zurückkehren können. Schließlich rief der libanesische Patriarch Europa dazu auf, die humanitäre Versorgung der Notleidenden im Irak und in den Nachbarländern zu verdoppeln. (rv)

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Solidarität per Mausklick: Ein Zeichen für die verfolgten Christen

Donnerstag 7. August 2014 von VH

Arabische Buchstabe N Solidarität per Mausklick ist nichts Neues oder Außergewöhnliches in unserer modernen und digitalisierten Welt. Neu im Social-Network ist jedoch das Zeichen „Nun“. Es verbreitet sich mit einer enormen Schnelligkeit und ist von einem tödlichen gefährlichen Zeichen zu einem Zeichen der gemeinsamen Kultur geworden – nämlich dem „Christsein“ und der Solidarität mit den verfolgten Christen im Irak. Das Zeichen sieht aus wie ein halbes offenes O und darüber wird ein Punkt gezeichnet.

Im Irak wurde dieses Zeichen von der Terrorgruppe IS genützt um die Häuser der Christen zu kennzeichnen. Der deutsche Theologe, Islamwissenschaftler und Jesuitenpater Christian W. Troll hat Radio Vatikan die Bedeutung dieses „N“ erklärt:

„Das ist das arabische N, Nun, das steht für den ersten Buchstaben des Wortes Nazara und es ist die arabische und auch die koranische Bezeichnung für Christen. Somit soll das Haus gekennzeichnet werden als Haus der Christen. Diese sind jedoch enteignet worden und das bedeutet dann, dass das Haus dem Kalifat gehört und nicht mehr den Christen.“

Natürlich, derzeit sei vor allem Israel und Palästina in den Medien und ebenso sehr stark in den sozialen Netzwerken vertreten. Aber dennoch, auch Irak bleibe in den Schlagzeilen. Schuld daran sei auch die große Auswanderung der Jesiden, einer anderen Minderheit im Irak, sagt Pater Troll. Die Christen konnten nicht mehr in Mosul bleiben, denn sie wurden vor die Wahl gestellt entweder einen Jizya, eine Religionssteuer, zu bezahlen, zu konvertieren oder ihr Leben auf das Spiel zu setzen.

„Immerhin waren es einst 50.000 christliche Bewohner in Mosul. Eine kleine Zahl scheinen dem Druck nachgegeben zu haben. Ein Großteil ist vertrieben worden oder auch dem Islam übergetreten zu sein.“

Laut assyrischer Nachrichtenagentur Aina, soll es derzeit keine Christen in Mosul mehr geben, denn die, die konnten, seien in den Norden des Landes geflüchtet. Alle christlichen Institutionen in Mosul (Kirchen, Klöster und Friedhöfe), es waren ursprünglich 45, wurden entweder zerstört, besetzt oder in eine Moschee oder in ein IS-Lager umgewandelt. Anfangs waren es vor allem arabische Christen, die sich den verfolgten Menschen angenommen hatten. Das Symbol „Nun“, der Nazarener, den Christen wurde in der viralen Welt zu einem Zeichen der Gefahr zu einem Zeichen der Solidarität. Immer mehr Menschen auf Twitter und Facebook haben ihr eigenes Profilbild getauscht mit dem Bild des arabischen Buchstabens oder Fotos verbreitet, wo sie selbst mit dem Zeichen zu sehen sind.

Ein Zeichen, dass für Unheil steht, eine Kategorisierung, die in roter und schwarzer Farbe auch auf den Häusern in Mosul zurückgeblieben ist und dieses Zeichen hatten die christliche Minderheit des Landes zur Flucht gezwungen. Ein Zeichen, dass für eine Religion steht, ein Erkennungsmerkmal. Im weltweiten Netz findet man auch Vergleiche mit dem „Nun“ und dem Davidstern, der zu Zeiten des zweiten Weltkrieges missbraucht wurde.

„Das erinnert auch an Behandlung der Minderheiten im christlichen Mittelalter. Minderheiten sind markiert worden, Regelungen sind aufgestellt worden, wenn nicht auch Gesetze, um ‚klare Verhältnisse‘ sozusagen zu schaffen, und das ruft Betroffenheit hervor. Man merkt, dass hier eigentlich Mentalitäten verschiedener Epochen, Jahrhunderten angehören, zeitgleich zusammenkommen in einem Land wie im Irak oder überhaupt in unserer modernen Welt. Das macht sehr betroffen.“

Unter dem Hashtag #Wearen – wir sind N – also Christen, werden täglich weltweit Solidaritätsmeldungen für die vertriebenen Christen auch von Muslimen verbreitet. Erzbischof von Canterbury, Justin Welby ist einer von Ihnen. Menschen schließen sich zusammen um gemeinsam gegen die Verfolgung und Vertreibung der Christen zu protestieren. Beispielsweise Schweden, Deutschland, England oder Kanada haben sich dieser globalen Kampagne angeschlossen. Das Zeichen N wurde mehr als 55.000 mal als Hahstag genutzt, 4% davon im Libanon, 18% davon in Saudi Arabien und 39% in Frankreich, muslimische Journalisten setzen sich im Internet für die Verbreitung der Nachricht ein.

Dass IS auch alle anderen religiösen Minderheiten zur Flucht treibt, ist kein Geheimnis mehr. Auch alle anderen Minderheiten (Schabak, Jesiden und Turkmene) wurden von IS angegriffen und die meisten seien geflüchtet. Indes gehen die Kämpfe weiter. Die Regierung versucht gegen IS militärisch vorzugehen, aber laut Nachrichtenagentur Fides und Aina gab es wieder Angriffe bzw. Übergriffe auf die Christen auch in anderen Regionen von Irak, da IS immer weiter in den Norden vordringt. Für Marion Sendkern aus Berlin ist es wichtig sich solidarisch mit den Menschen zu zeigen und ihr Profilbild mit dem Zeichen N zu tauschen:

„Zum Christsein gehört, dass ich Zeugnis ablege. Das ist neben der Liturgie, der Diakonie und der Gemeinschaft einer der vier Grundvollzüge der Kirche. Was da im Irak passiert, geht mich als deutsche Christin etwas an, das sind ja meine Glaubensbrüder und –Schwestern, die da verfolgt werden. Ich glaube zwar nicht, dass sich die Situation vor Ort verbessert, nur weil ich mein Facebook-Profilbild geändert hab, aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass ich mich solidarisch zeige mit meinen Glaubensbrüdern und – Schwestern. Und es geht darum, dass ich in Deutschland darauf hinweisen, was gerade im Irak passiert. Ich kann mir nicht vorstellen, verfolgt und bedroht zu werden, nur weil ich Christin bin. Religionsfreiheit ist für uns in weiten Teilen Europa schon so normal geworden, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen. So gesehen ist mein Facebook-Profilbild auch ein Statement für die Religionsfreiheit.“ (rv)

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Irak: Gnadenlose Jagd auf Christen

Sonntag 20. Juli 2014 von VH

Ignatius Joseph III. Younan Die Attacken der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) gegen Christen beginnen mit voller Härte. Am Samstag verbrannten Terroristen den Sitz des syrisch-katholischen Bischofs in Mossul im Irak. Das Gebäude ist restlos zerstört, wie der syrisch-katholische Patriarch Ignatius Joseph III. Younan gegenüber Radio Vatikan sagte. Der Patriarch selbst ist in Sicherheit, er hält sich derzeit in Rom auf; Samstagmorgen traf er Erzbischof Dominique Mamberti, den Sekretär für die Beziehungen mit den Staaten, also den vatikanischen „Außenminister“. Hier der Patriarch im Originalton.

„Die letzten Nachrichten sind desaströs. Wir wiederholen, was wir immer gesagt haben: Man darf Religion und Politik nicht vermischen. Wenn es Feindseligkeiten gibt zwischen Schiiten, Sunniten und anderen, darf das absolut kein Grund sein, schuldlose Christen und andere Minderheiten in Mossul und anderswo zu attackieren. Es ist auch kein Grund, ihre Kultorte, Kirchen, Bischofssitze, Pfarreien zu zerstören, im Namen einer sogenannten Terrororganisation, die weder auf die Vernunft noch auf das Gewissen hört. Unser Bischofssitz in Mossul ist vollständig verbrannt: Manuskripte, Bibliothek, alles. Und sie haben bereits damit gedroht, alle Christen umzubringen, wenn sie sich nicht zum Islam bekehren. Es ist furchtbar. Das ist eine Schande für die internationale Gemeinschaft.“

Christen gibt es inzwischen in Mossul keine mehr, sagte Patriarch Younan. Die letzten rund zehn Familien seien am Freitag geflohen, wobei die Terroristen ihnen noch an der Grenze der Stadt alle Habseligkeiten abgenommen hätten. Younan richtete via Radio Vatikan einen verzweifelten Appell an die Staatengemeinschaft.

„Wir bitten die internationale Gemeinschaft, den Grundsätzen der Menschenrechte treu zu sein, der Religionsfreiheit, der Gewissensfreiheit. Wir Christen sind im Irak, in Syrien und im Libanon zu Hause: wir sind nicht importiert worden, wir sind da seit zwei Jahrtausenden, und so haben wir das Recht, als Menschen und Bürger jener Länder behandelt zu werden. Sie verfolgen uns im Namen ihrer Religion und sie drohen nicht bloß, sondern sie machen ihre Drohungen wahr. Sie brennen nieder und sie ermorden.“

Patriarch Younan zufolge gibt es nur einen Weg, den Terror der Islamisten zu stoppen: Ihnen die Geldflüsse zu entziehen.

„Man muss ihnen alle finanziellen Hilfen streichen. Woher beziehen sie ihre Waffen? Von jenen fundamentalistischen Golfstaaten, unter stillschweigender Billigung westlicher Politiker, weil diese ihr Öl brauchen. Leider ist es so. Es ist eine Schande.“ (rv)

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Islamfachmann: Kalifat ist der alte Traum vom Gottesstaat

Dienstag 15. Juli 2014 von VH

Kalachnikov Er startete als Terrorführer – und landete als (selbsternannter) Kalif: Der Anführer der islamistischen Terror-Gruppe Islamischer Staat, Abu Bakr Al-Baghdadi, hat alle Muslime der Welt aufgerufen, ihn als Führer aller Gläubigen anzuerkennen und ihm zu gehorchen. Was aber heißt das nun? Der ägyptische Jesuit Pater Samir Khalil Samir ist Islamwissenschaftler und lehrt an Universitäten in Rom, Paris und Beirut. Er vergleicht die Idee des Kalifates mit einer antiken Vorstellung der perfekten Welt.

„Man kann sagen: Das ist ein Traum. Denn das ist keine Realität, sie werden kein Kalifat errichten können. Jedes Land heute – Syrien, Irak, Tunesien, Libyen, Marokko, Algerien, Ägypten und die arabischen Inseln – existiert für sich. Niemand denkt daran, dass sie ein gemeinsames Land werden – also ein Kalifat. Das ist ein alter Traum…“

Ein alter Traum von einem islamischen Gottesstaat. Dieser ist erst im Jahr 1924 von Atatürk endgültig abgeschafft worden, als er dem Osmanischen Reich den Garaus machte.

„Manche Muslime träumen davon, aber nicht die Mehrheit. Denn die Mehrheit will in einer neuen Struktur der Welt leben, in unabhängigen Staaten, die jedoch auch Unionen untereinander eingehen können, wie zum Beispiel die Europäische Union.“

Laut Pater Samir werden die Terroristen vom Islamischen Staat also keinen Erfolg haben. Lediglich fanatische Jugendliche, die sich in einen religiös aufgeladenen Begriff verbissen haben, interessierten sich für ein solches Gebilde, meint Pater Samir. Dabei steht der Begriff des Kalifats auch für eine islamische Blütezeit, vor allem im 9., 10. und 11. Jahrhundert: Damals sei der Islam offen für andere Kulturen gewesen. Es gab damals einen regen Austausch, so Samir.

„Die Araber hatten Syrien erobert, Persien, Ägypten – und dadurch hatten sie die griechische Kultur erobert. Die syrische Kultur erhielten sie zusätzlich durch die syrischen Christen. Und sehr viel durch die persische Kultur. Dazu kamen die christlichen Philosophen von syrisch-sprachiger und griechischer Kultur… Die Kultur ist stark und wunderbar, wenn sie offen ist!“

Ähnlich wie die römische Kultur sei auch die arabische Kultur ein wahrer Schatz und habe ein reiches Kulturerbe hinterlassen. Dennoch wäre es absurd, meint der Jesuit, wenn wir nun deswegen wieder zurück wollten zu unserem Römischen Reich der Antike – nur weil einiges damals vielleicht besser war. Pater Samir warnt davor, dass der Wunsch nach einer islamischen Einheit die Verklammerung von Religion, Kultur und Staat bedeutet. Er unterstreicht die Bedeutung des Säkularen. Im Islam könnte durchaus eine „Diktatur der Religion“ entstehen.

„Das ist das Problem, besonders heute mit den Islamisten. Sie wollen die wunderbare Einheit aufbauen: zwischen Religion und Politik, aber auch: wie man isst, wie man sich kleidet. Sogar der Bart. Es gab eine Diskussion letzten Monat im ägyptischen Fernsehen zwischen Salafisten und Liberalen, beide Professoren für Islamisches Recht. Der Salafist fragte den Liberalen, warum er keinen Bart hätte. Er müsse doch einen Bart tragen! Genau das ist eine Diktatur der Religion.“

Eine solche „Diktatur der Religion“ lehnen allerdings sehr viele Muslime ab, meint Pater Samir. So sei die Mehrheit nicht bloß gegen ein Kalifat, sondern überhaupt gegen eine Radikalisierung ihrer Religion. Sie plädierten für eine Modernisierung, eine Anpassung ihrer Religion an das aktuelle Leben im Hier und Jetzt. Pater Samir sagt aber auch, dass der Islam durchaus auch in einigen Punkten ein Vorbild für die römisch-katholische Kirche sein könnte, zum Beispiel, wenn es um das fünfmalige Beten am Tag geht. Das sei schon etwas Besonderes, so der überwiegend im Libanon lebende Ägypter.

„Ich glaube, wir müssen zusammen – Christen, Muslime und andere – eine gemeinsame Kultur finden. Ich spreche jetzt als Ägypter und als christlicher Araber. Wir wollen eine neue arabische Gesellschaft aufbauen. Diese merke ich teilweise im Libanon – Muslime und Christen und auch Nicht-Gläubiger wollen gemeinsam eine Kultur bilden. Und das sieht man auch: Deswegen ist der Libanon offener für alle Menschen.“ (rv)

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Islamfachmann: Koran-Rezitation bei Friedensgebeten ist legitim

Donnerstag 12. Juni 2014 von VH

KoranEine Begebenheit am Rand der Gebete um Frieden in den Vatikanischen Gärten mit den Präsidenten Israels und Palästinas sorgt im Nachhinein für Unruhe. Am Pfingstsonntag waren die beiden Spitzenpolitiker der miteinander verfeindeten Nachbarstaaten der Einladung von Papst Franziskus gefolgt; nacheinander erhoben sich Fürbittgebete, zunächst das jüdische, dann das christliche, schließlich das muslimische. Aus der islamischen Delegation rezitierte dann ein Imam – über das Programm hinausgehend – auf Arabisch die letzten drei Verse aus der zweiten Sure des Koran. Hier die letzten Sätze in einer Übertragung ins Deutsche: „Verzeih uns (Allah), vergib uns und erbarm dich unser! Du bist unser Schutzherr. Hilf uns gegen das Volk der Ungläubigen!“

Diesen letzten Vers nun haben einige Beobachter als Angriff auf die beiden anderen Religionen gesehen, als „Unverschämtheit auf christlichem Boden“. Wie ist diese Stelle zu verstehen? Das fragte Gudrun Sailer den Islamwissenschaftler Pater Felix Körner, einen Jesuiten, der an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom lehrt.

„Ein Muslim versteht den Koran immer so, wie die ersten Hörer des Korans ihn vernommen haben. Und das heißt in dem Fall: Wir müssen uns hineinversetzen in die Frühzeit des Islam, hier sind wir vielleicht noch in Mekka oder in den ersten Jahren in Medina; der Islam ist eine kleine Gruppe, die sich noch zu Recht verfolgt sieht von Polytheisten, heidnischen Gruppen, welche Mohammed und seine Anhänger loswerden wollen. Ungläubig heißt in diesem Fall Menschen, die den einen Gott nicht anerkennen. Wenn also in dieser Koranstelle von den Ungläubigen die Rede ist, gegen die wir um Gottes Hilfe bitten, dann sind hier ganz klar nicht die Juden und auch nicht die Christen gemeint, die natürlich die Einheit Gottes anerkennen!“

„Hilf uns gegen das Volk der Ungläubigen!“ Wenn wir diese Koranstelle aus unserer heutigen Perspektive als Christen – oder Juden – im Rahmen eines Treffens hören, bei dem es um Frieden geht, dann liegt es in unserem Kulturkreis nahe, das zu verstehen als Aufruf, andere zu missionieren oder gar zu besiegen. Ist das ein Missverständnis von unserer Seite?

„Dieser Vers, vielleicht spontan ausgesucht von jemandem, der dann auch auswendig den Koran vortrug, passte eigentlich sehr gut in den Gesamtzusammenhang des Friedensgebetes! Es gab immer drei Schritte bei den drei Religionen. Wir erkennen den Schöpfer an und preisen ihn, wir erkennen unsere Schuld an und bekennen sie, und wir bitten um das Geschenk des Friedens. Und all das kommt in diesen drei Koran-Versen sehr schön vor. Dir, Gott, gehört alles. Wir bereuen unsere Schuld und bitten um Vergebung. Und wir brauchen deine Hilfe, damit Frieden und Gerechtigkeit entstehen können. Das ist der Inhalt dieser drei Verse, und deshalb war das eine ganz nachvollziehbare Auswahl – vielleicht spontan getroffen, aber jedenfalls gut gewählt.“

Nun waren ja alle Elemente der Friedensgebete und der Ansprachen vorab zwischen den drei Seiten abgesprochen. Dieser eine Passus des Imam hingegen nicht, das war spontan. Denken Sie, die Rezitation wäre von der jüdischen und der christlichen Seiten gutgeheißen worden, hätte man sie vorher abgesprochen?

„Ich habe in der Gregoriana einmal eine für mich aufschlussreiche Szene erlebt. Ich hatte einen Koranexegeten, einen ganz vernünftigen, besonnenen, gemäßigten Menschen gebeten, einen Vortrag über den Koran zu halten, und er fragte mich, ob er die Koranverse, über die er spricht, auch rezitieren, nämlich melodisch vortragen also kantilieren dürfe. Ich sagte zu und merkte dann, dass im Publikum eine gewisse Unruhe entstand: Wenn der Koran auch in seiner ästhetischen Schönheit auf Arabisch vorgetragen wird, bevor er übersetzt wird, kann das bei Christen, aber genauso bei Muslimen eine gewisse Bewegtheit bis hin zur Unruhe auslösen. Es könnte also sein, dass das Problem, das man in Vorbesprechungen anmelden kann, gerade das ist, dass der Koran kantiliert, melodisch vorgetragen wird. Das hat einen besonderen Reiz, kann aber auch eben zu einer religiösen Intensität führen, die vielleicht manche Leute in einem solchen Gebetstreffen für nicht gerechtfertigt oder am Platze halten.

Wir haben uns aber klarzumachen: In den Vatikanischen Gärten kamen die Religionen nicht zusammen, um zusammen zu beten, sondern jeder hat in der eigenen Weise Gebetstexte vorgetragen. Die anderen blieben meditierend, still, hörend, aufmerksam dabei, aber sprachen nicht Gebete, die die anderen mitsprechen sollten. Insofern ist auch eine Koranrezitation bei einem solchen Treffen durchaus legitim, nachvollziehbar, verständlich und anzuerkennen!“

„Ein Koranvers, der Hochschätzung ausdrücken will“

Was unterscheidet uns Christen von Muslimen und Juden beim Gebet? Was für unterschiedliche Auffassungen vom Gebet haben wir?

„Wenn Muslime beten, vertrauen sie sich Gott an, weil er allmächtig ist. Wenn Juden beten – so könnte man es zusammenfassen -, vertrauen sie sich Gott an, weil er ihr Volk erwählt hat. Wenn wir Christen beten, dann vertrauen wir uns dem Vater an, weil er sich uns in Christus geschenkt hat. Da ist schon eine unterschiedliche Akzentuierung. Wir können aber das jeweils Andere verstehen und auch als Kontrast schätzen.“

Etwas von dem, was im Zusammenhang mit den Friedensgebeten in den Vatikanischen Gärten jetzt debattiert wird, erinnert frappierend an die Folgen der sogenannten Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. im September 2006. Wir erinnern uns: Der Papst brachte ein islamkritisches Zitat, das er sich inhaltlich nicht zu eigen machte und ausdrücklich als Zitat auswies. Dennoch hat es Muslime bestürzt und wütend gemacht. Sehen Sie diese Parallele auch?

„Es gibt eine gewisse Parallele insofern, als ein aus dem Zusammenhang herausgerissenes Zitat besonders leicht missverständlich ist. Und wenn man nur die Rede von den Ungläubigen herausnimmt, kann man sich leicht daran aufhängen und sagen, hier hat ein Übergriff stattgefunden. Andererseits haben wir hier eine Koranrezitation gehört von jemandem, der nicht nur zitiert, sondern rezitiert, der also sagt: Das, was ich hier vortrage, glaube ich auch. Und im selben Atemzug sagt er auch: Wir Muslime erkennen, so sagt es uns nämlich der Koran, die anderen Religionen mit ihren Prophetien an. Da war also von muslimischer Seite keineswegs die Abwertung oder Ausgrenzung gemeint oder ausgedrückt worden, sondern gesagt worden: Wir bringen hier eine religiöse Vorstellung, die euch aufgreift, aufnimmt und natürlich in gewisser koranischer Weise noch einmal richtigzustellen versucht. Aber hier war jetzt nichts Exklusives oder Zurückweisendes gemeint, sondern hier wird ein Koranvers zu Gehör gebracht, der Hochschätzung ausdrücken will und deshalb auch so aufgenommen werden kann.“

Gibt es denn umgekehrt in den Gebeten, die zu dem Anlass von jüdischer und christlicher Seite zu hören waren, Elemente, die eventuell für die beiden anderen missverständlich sein könnten?

Inspiration für ein neues Denken

„Man kann natürlich immer mit einem schiefen Ohr hören, übrigens ein Ausdruck von Goethe; also, wer mit schiefem Ohr hört, kann alles schräg verstehen. Zum Beispiel: Wir Christen beten immer im Namen Jesu, wir beten durch Christus unseren Herrn, und auch im Garten vor dem Hintergrund des Petersdoms haben wir natürlich durch Christus unsern Herrn gebetet. Jetzt kann ein Jude, jetzt kann ein Muslim – aber diese Kritik kam nicht – sagen: Wie könnt ihr hier etwas so spezifisch Christliches sagen, was wir doch von unseren Theologien her gar nicht nachvollziehen können? Nein: Wir beten so, und in einem Friedensgebet, wo man den anderen hochschätzt, schätzt man auch seine Andersheit hoch und seine Weise, zu glauben, zu beten und sich vor Gott und in Gott zu positionieren.

Wir haben auch aus dem Mund eines Rabbiners den Psalm 25 gehört. Darin heißt es, viele Christen kennen das ja auch auswendig: Lass meine Feinde nicht über mich triumphieren. Das ist ein ganz ähnlicher Vers wie der jetzt als so schwierig inkriminierte Koranvers. Wir Christen beten die Psalmen als die Gebete Jesu und ordnen sie deshalb von vornherein richtig ein. Wir wissen, dass wir von Gott Schutz brauchen und dass das Freund-Feind-Denken nicht weiter hilft, dürfen aber selbst solche Gefühle im Beten ausdrücken, damit Gott uns wandelt. Und deswegen haben wir hier kein Missverständnis, aber wenn man schräg hört, hört man etwas Missverständliches.“

Papst Franziskus hatte die beiden Präsidenten und den Patriarchen ursprünglich „in sein Haus“ zu diesem Gebetstreffen eingeladen – aber dann fand es stattdessen in den Vatikanischen Gärten statt. Warum?

„Das war sehr schön entschieden. Zum einen war es ein so schöner Frühsommerabend, wo die Vögel gerade noch ihre letzten Lieder zwitscherten. Es hatte so etwas Anregendes von Gottes Schöpfung, die ja in den Gebeten auch gepriesen wurde. Sinnvoll und schön war es auch deshalb, weil es hieß: Ihr sollt hier bei mir zusammenkommen dürfen, ohne dass wir uns jetzt unter unserem Glaubenszeichen versammeln, unter dem Kreuz, oder – das wäre noch unpassender gewesen – wir nehmen jetzt das Kreuz von der Wand, damit hier kein Ärgernis entsteht. Die Peterskuppel war im Hintergrund sehr schön zu sehen, aber die waren nicht in einem Raum versammelt, sondern unter freiem Himmel. Und dieses Versammeln unter freiem Himmel hatte noch eine sehr schöne weitere Dimension, auf die Papst Franziskus am Ende hinwies. Er sagte, die Spirale von Hass und Gewalt können wir nur mit einem Wort durchbrechen, und dieses Wort heißt Bruder. Dich als Bruder anerkennen kann ich aber nur, wenn ich zum Himmel schaue und unseren gemeinsamen Vater anerkenne.“

Inwiefern kann dieses Treffen zum Gebet um Frieden, das in dieser Form etwas unerhört Neues war, wirklich etwas bewirken? Was war richtig gut und neu daran?

„Man konnte sich so wunderbar an diesem Gebet klar machen, was Gebet überhaupt ist. Ich möchte das Inspiration nennen. Inspiration erst einmal auf einer horizontal-weltlichen Ebene. Jemand kommt da ins Schweigen, ins Zuhören, lässt sich von den Texten, auch den Klängen des anderen beschenken und empfängt so Inspiration für ein neues Denken. Aber Inspiration natürlich auch in einem wörtlicheren und geistlichen Sinn gemeint: Ich gestehe ein und habe es in den letzten Jahren gemerkt, ohne Dich, ohne Deinen Geist, Gott, kann ich keinen Frieden schaffen. Ich kann überhaupt nur zum Friedensstifter werden in Deiner Kraft, in Deinem Spiritus, und deswegen ist Inspiration Gebet in dem Sinn, als ich mich dort öffne für Deinen Geist, mit dessen Kraft ich Dich, Gott, als Vater anerkennen kann – und den Mut habe, dich nicht mehr als Feind anzuerkennen, du Mitmensch, sondern als Bruder, mit dem ich zusammen eine neue Welt schaffe.“ (rv)

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Vatikan/Jordanien: Appell zur Freilassung der entführten Nigerianerinnen

Freitag 16. Mai 2014 von VH

Kardinal TauranDer Päpstliche Rat für Interreligiösen Dialog und das Institut für Interreligiöse Studien des jordanischen Königshauses verurteilen die Entführung nigerianischer Schülerinnen durch die islamistische Terrorsekte Boko Haram aufs Schärfste. Am Rande eines interreligiösen Treffens in Amman riefen Vertreter beider Institutionen zur sofortigen Freilassung der Mädchen auf, damit diese zu ihren Familien und Schulen zurückkehren könnten. Von Vatikanseite nahm an dem Treffen der Präsident des Päpstlichen Rates für Interreligiösen Dialog, Kardinal Jean Louis Tauran, und auf jordanischer Seite Prinz El Hassan bin Talal teil. Der Austausch fand unter gemeinsamer Schirmherrschaft des Heiligen Stuhls und des „Royal Institute for Inter-Faith Studies“ am 13. und 14. Mai in Amman statt. Gemeinsame Erklärung über eine Erziehung zu Frieden und Solidarität Ergebnis der Konferenz war ein gemeinsamer Appell für Frieden und mehr Solidarität in der Welt. Dabei verurteilten die Teilnehmer entschieden jede Form von Gewalt, sprachen sich für friedliche Formen der Konfliktlösung und für die gemeinsame Bekämpfung der Armut aus. Sie unterstrichen die Bedeutung der Menschenwürde, etwa der Religionsfreiheit, insbesondere im Bereich der Erziehung. Die Familie und die Schule spielten hier eine wesentliche Rolle: Sie sollten Pluralismus, intellektuellen Mut und geistige Freiheit, Demut, Empathie, Vernunft und Fairness fördern. Insbesondere für die Vermittlung moralischer Werte sei eine angemessene religiöse Erziehung unerlässlich, heißt es in der gemeinsamen Erklärung weiter. Religion dürfe nicht als Ursache von Konflikten missverstanden werden oder dafür missbraucht werden, sondern solle einen Beitrag zur Versöhnung und zum Frieden leisten. Das Treffen ist das dritte seiner Art im interreligiösen Dialog zwischen Vatikan und Jordanien. Schwerpunkt der aktuellen Begegnung war das Thema Erziehung. (rv)

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Nigeria: Kardinal sieht gemäßigte Muslime in der Pflicht

Donnerstag 15. Mai 2014 von VH

Kardinal OnaiyekanNigerias Kardinal sieht einen Hoffnungsschimmer für die von Boko Haram entführten Mädchen. Erzbischof John Olorunfemi Onaiyekan von Abuja würdige es als einen positiven Schritt vor allem von Seiten der Islamistengruppe, die Gespräche mit der Regierung aufzunehmen. Bisher habe sich Boko Haram immer geweigert, mit staatlichen Vertretern zu reden. Im Nordosten Nigerias hat die Terrorgruppe bei einem gezielten Schlag vor zwei Wochen fast 300 Schulmädchen entführt. Erst nach einer internationalen Kampagne hat sich die nigerianische Regierung bereit erklärt, Gespräche mit den Entführern anzubahnen. Unklar sei nun aber, wer genau am Gesprächstisch sitzen werde. Kardinal Onaiyekan meint, eine Einbindung von Religionsführern könne sinnvoll sein.

„Schade finde ich, dass bisher die nigerianische Regierung die Causa Boko Haram nicht auch als ,religiösen Konflikt´ betrachtet. Wohlgemerkt, es geht nicht in erster Linie um einen Religionskrieg, aber es ist auch falsch zu behaupten, Boko Haram habe nichts mit Religion zu tun. Ich rufe deshalb muslimische Religionsführer auf, sich für den Dialog und für die angekündigten Gespräche einzusetzen. Bisher haben sie Boko Haram als nicht-muslimische Gruppe betrachtet und sie als ,einfache Kriminelle´ bezeichnet.“

Der Kardinal sieht hier vor allem gemäßigte Muslime in der Pflicht. Man müsse sich darüber klar sein, dass die Terrorsekte ihre Untaten mit religiösen Motiven rechtfertigt, sonst sei jedes Gespräch sinnlos.

„Man muss doch nur die Videos anschauen, in denen die Führer von Boko Haram ganz klar vom Islam sprechen. Wir Christen und Muslime müssen mit Klarheit sagen, dass wir damit ein Problem haben. Nur gemeinsam können wir einen Beitrag für den Dialog leisten, wenn wir Christen und Muslime in dieser Hinsicht vereint sind. Ich weiß aber nicht, ob das die Regierung auch so sieht und uns Religionsführern mehr Platz einräumen wird. Da habe ich so meine Zweifel.“

Es genüge auch nicht, wenn muslimische Religionsführer Appelle richten. Sie müssten konkrete Schritte unternehmen, so Kardinal Onaiyekan.

„Sie müssen einen Schritt weiter gehen, als nur Boko Haram zu verurteilen. Es geht darum, dass die Mentalität und die Einstellung dieser Menschen geändert wird. Einen solchen konkreten Schritt müssten die muslimische Religionsführer akzeptieren, damit wir vorwärts kommen können. Wenn dies geschehen würde, dann würde sich die Situation rasch ändern und wir hätten auch sicherlich Erfolg.“ (rv)

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