Kardinal Koch über die Ökumenische Chance des neuen Mariengedenktags

VATIKANSTADT – Am Pfingstmontag hat die Weltkirche erstmals den Gedenktag der “Seligen Jungfrau Maria, Mutter der Kirche” gefeiert, den Papst Franziskus eingeführt hat. Weshalb war es dem Heiligen Vater hier ein Anliegen, Maria mit Pfingsten, mit der Geburtsstunde der Kirche zu verbinden? Julia Wächter fragte den Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch.

Kardinal Kurt Koch: Die Lesung, die in der Heiligen Messe am Gedenktag vorgesehen ist, bietet den Schlüssel zum Verständnis. In der Apostelgeschichte (1,12-14) wird berichtet, dass nach der Himmelfahrt Christi sich die Jünger mit Maria im Obergemach versammelten und einmütig im Gebet verharrten und auf das Kommen des Heiligen Geistes warteten. Maria tritt hier als Vorbeterin der Jüngergemeinschaft vor unsere Augen; und es wird sichtbar, wie die neue Lebenskraft der Kirche an Pfingsten und die mütterliche Sorge Mariens für die Kirche eng zusammengehören. Maria ist die pfingstliche Mutter der Kirche. Da Maria die pfingstliche Geburt der Kirche mit ihrem Gebet begleitet hat, bittet sie auch heute darum, dass die Kirche stets auf den Heiligen Geist hört.

Für viele Menschen ist das ökumenische Miteinander gerade an Pfingsten wichtig. Müssen sich Gläubige in Zukunft entscheiden: Maria oder Ökumene?

Dies wäre eine schiefe Entscheidung. Denn Maria hat kein anderes Anliegen als dies, uns zu Christus zu führen. Dies ist sehr schön sichtbar bei der Hochzeit zu Kana, bei der Maria ihre Aufgabe darin sieht, die Sorgen der Hochzeitsleute Jesus anzuvertrauen und es ihm zu überlassen, was er daraufhin tun will. Was Maria in Kana getan hat, das tut sie auch heute: Sie ist ganz Ohr für ihren Sohn und will uns zu Christus führen, dass wir seinen Willen tun. Sein Wille ist die Einheit der Jünger, und deshalb sind wir gut beraten, uns in unserem Bemühen um die Einheit der Kirche Maria um ihre Fürbitte anzugehen. Maria braucht deshalb nicht zwischen den Konfessionen zu stehen. Sie, die “Gnadenvolle”, gleichsam die personifizierte Gnade, ist eine wahrhafte Anwältin der ökumenischen Suche nach der Einheit der Kirche.

Maria stand unter dem Kreuz und wird heute als Schmerzensmutter verehrt. Was heißt das für die zerspaltene Kirche?

Im Evangelium der Gedenkmesse (Joh 19, 25-34) wird berichtet, dass Jesus unter dem Kreuz seine Mutter dem Jünger Johannes und ihm – und durch ihn allen Gliedern der Kirche in allen Generationen – seine Mutter anvertraut hat. Wenn es anschließend heißt, “von jener Stunde an” habe der Jünger Maria zu sich genommen, dann dürfen wir hier die tiefste Wurzel der kirchlichen Gemeinschaft wahrnehmen. Wie die Kirche gleichsam unter dem Kreuz Jesu Christi entstanden ist, so kann auch die Einheit der Kirche nur unter dem Kreuz gefunden werden. Dies bedeutet zugleich, dass die ökumenische Suche nach der Einheit nicht ohne Schmerzen möglich ist, dass diese Schmerzen aber bei der Schmerzensmutter gut aufgehoben sind.

Der evangelische Ministerpräsident Markus Söder hat in ganz Deutschland die Kreuzdebatte ausgelöst. In Regensburg haben Regionalbischof Hans-Martin Weiss und Diözesanbischof Rudolf Voderholzer mit einem “ökumenischen Ja” zum Kreuz in öffentlichen Räumen positiv Stellung bezogen. Was können Christen in der Gesellschaft erreichen, wenn sie gemeinsam auftreten?

Alles, was Christen – unter Respektierung verschiedener Überzeugungen – gemeinsam bezeugen und tun können, sollen sie gemeinsam tun. Die wichtigste ökumenische Aufgabe erblicke ich in der heutigen Zeit darin, dass wir Christen in unserer immer mehr säkularisierten Gesellschaft gemeinsam die Gegenwart des lebendigen Gottes bezeugen und die schöne Botschaft verkünden, dass Gottes Liebe in Jesus Christus ein konkretes Gesicht erhalten und ihren Ernstfall am Kreuz gefunden hat. Wenn Repräsentanten verschiedener Kirchen dies mit einer Stimme bezeugen können, dient dies der Glaubwürdigkeit der Botschaft. Und was könnte uns Christen mehr miteinander verbinden als das Kreuz Jesu Christi? (CNA Deutsch)

Die 7 größten Aufreger des Katholikentags in Münster

Der 101. Katholikentag in Münster ist gestern zu Ende gegangen. Auch in diesem Jahr hat das Treffen, das vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) ausgerichtet wird, teilweise für Furore gesorgt. Die 7 größten Aufreger:

1. Sternberg, der Lebensschutz und die Interkommunion

Noch bevor der Katholikentag richtig losgegangen ist, hat der Präsident des ZdKs, Thomas Sternberg, dem Bonner Generalanzeiger ein bemerkenswertes Interview gegeben (CNA Deutsch hat berichtet). Darin sprach er sich für die uneingeschränkte Zulassung von konfessionsverschiedenen Ehepartnern aus, da er die aktuelle Diskussion für “überflüssig und schädlich” halte.

Sehr deutlich wurde Sternberg jedoch auch beim Thema Lebensschutz. Mit klaren Worten verteidigte er das Lebensrecht der Ungeborenen.

2. Nahles und “die säkulare Dreifaltigkeit”

Die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles hat die Wertegemeinschaft Europa gelobt und von einer “säkularen Dreifaltigkeit” gesprochen. Nahles: “Ich meine die Dreifaltigkeit, die man in keiner anderen Weltregion findet.” Damit meinte sie jedoch nicht den Vater, Sohn und den Heiligen Geist, sondern die “hohen sozialen Standards, eine hohe Wirtschaftskraft und eine echte Demokratie”.

3. Voderholzer und seine Kritik am Katholikentag

Dass der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer kein Freund jeder Form von Nabelschau-Katholizismus ist, ist allgemein bekannt. Bereits 2014, als er den Katholikentag in seinem Bistum ausrichtete, knirschte es im Gebälk zwischen Voderholzer und Vertretern des ZdKs. Dann hat der Bischof am Vorabend zu Christi Himmelfahrt in seiner Predigt die allzu einseitige Ausrichtung des Katholikentags kritisiert und gemahnt, dass der Druck, der durch diese Veranstaltung aufgebaut werde, in der Debatte um die Zulassung zur Kommunion nicht hilfreich sei.

Am nächsten Tag hat das ZdK reagiert. Man lasse sich das Diskutieren nicht verbieten: “Der Katholikentag wird all diese Fragen thematisieren, manches kritisieren und würdigen und Vorschläge dazu machen.”

4. Hirschhausen und die “Oblate”

Der Kabarettist Eckart von Hirschhausen hat in einer Debatte mit Kardinal Rainer Maria Woelki das Recht auf den Empfang der Eucharistie gefordert. Hirschhausen, der als evangelischer Christ mit einer katholischen Frau verheiratet ist, rief in Richtung des Kardinals: “Entweder, wenn Sie die Hälfte meiner Kirchensteuer für den katholischen Bereich abzwacken, geben Sie mir mit Freude eine Oblate dafür, oder Sie geben mir mein Geld zurück!”

Während die Mehrheit des Publikums diese Worte mit stürmischen Applaus bedachte, gab es vor allem in den sozialen Netzwerken heftige Kritik. Interessant war der Twitter-Account des Katholikentags, der zumindest versuchte, die Situation zu entschärfen: “Also *vor* der Wandlung ist das bei uns definitiv eine Oblate.” Die Zusicherung, dass die Verfasserin dieses Katholikentag-Tweets die Aussagen von Hirschhausens ebenfalls respektlos findet, folgte freilich wenig später.

5. Die “Entschuldigung” von Hirschhausen

“Es tut mir Leid” – “…aber ich bin auch verletzt!” Hirschhausen hat es geschafft, dass viele Menschen nach seiner Entschuldigung noch wütender waren als davor. Denn schließlich, so hieß es später in einer Pressemitteilung, werde wieder nur über das geschrieben “was man nicht sagen wollte”.

Hirschhausen bezeichnete sich als “Hofnarr”, der Dinge ungeschminkt ausspreche. Er zitierte seine Frau, die als Mediatorin arbeitet. Sie habe einen Grundsatz, der laute: Man solle allen Menschen gute Absicht unterstellen bei dem, was sie tun. Hirschhausen betonte, er wünsche sich, dass es beim Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt “möglich sein wird, gemeinsam zu feiern”.

6. Kardinal Marx: “Wer Hunger hat und glaubt”

Auf welcher Seite der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz in Streit um die heilige Kommunion steht, dürfte mittlerweile bekannt sein. Während des Katholikentags hat Marx seine Position noch einmal bekräftigt und darauf gedrängt, möglichst schnell eine Regelung zu finden:

“Wer Hunger hat und glaubt, dem muss der Zugang zur Eucharistie ermöglicht werden. Das muss unsere Leidenschaft sein und da lasse ich nicht nach.”

Beim Abschlussgottesdienst am Sonntag hat der Münchner Erzbischof den Wunsch nach einer schnellen Lösung wiederholt.

7. Die AfD auf dem Katholikentag

Darf man Rechtspopulisten eine Bühne bieten, indem man die AfD zu einem Podium auf dem Katholikentag einlädt? Oder sollte man sogar mit ihnen öffentlich diskutieren, um ihre Argumente zu entkräften und den Populismus zu demaskieren? Und überhaupt: Was ist eigentlich Rechtspopulismus?

Diese und weitere Fragen wurden im Vorfeld des 101. Katholikentags teils sehr emotional diskutiert. Trotz vielfachen Protests blieben die Veranstalter bei ihrer Einladung und so kam es zur Debatte religionspolitischer Vertreter aller im Bundestag sitzender Parteien. In der überfüllten Halle Münsterland behauptete der AfD-Abgeordnete Volker Münz, dass das christliche Menschenbild von seiner Partei vertreten werde, während die Abgesandte der Linken meinte, ihre Partei sei “nicht religiös, aber auch nicht anti-religiös”. (CNA Deutsch)

Bischof Feige: „Einmütig heißt nicht unbedingt einstimmig

Es ist d a s große Thema auf dem Katholikentag: der Streit um den Kommunionempfang von Protestanten in Ausnahmefällen. Alle reden in Münster darüber – die schnelle Lösung zeichnet sich nicht ab. Ein Gespräch mit dem katholischen Ökumene-Bischof Feige.

Stefan von Kempis – von Münster gerade nach Rom zurückgekehrt

Bischof Gerhard Feige von Magdeburg ist der Ökumene-Verantwortliche der Deutschen Bischofskonferenz – und einer der Autoren der „Pastoralen Handreichung“, die die bischöflichen Gemüter bewegt. Letzte Woche hat er in der Glaubenskongregation im Vatikan an der Aussprache zwischen den Kardinälen Marx und Woelki, im Beisein des Präfekten Erzbischof Ladaria Ferrer, teilgenommen.

Spricht man Feige auf das Ergebnis der römischen Aussprache an, wird er sibyllinisch: „Die Botschaft, die aus dem Kommuniqué ja auch hervorgeht, lautet: Die Deutsche Bischofskonferenz soll sich mit dieser Sache noch einmal beschäftigen, soll in kirchlicher Gemeinschaft eine (möglichst) einmütige Lösung finden.“

“ Keine Zweifel, dass wir auf einem guten Weg sind ”

Aber was heißt das konkret, Herr Bischof? „Das müssen wir jetzt eben mal sehen – wahrscheinlich beim nächsten Ständigen Rat. Was das für uns heißt, das lässt sich jetzt noch nicht konkret sagen. Aber wir werten das als eine positive Botschaft, und über Erzbischof Ladaria haben wir ja erfahren, dass der Papst unser ökumenisches Engagement auch würdigt und uns darum Mut macht, eine wirklich verantwortbare Lösung zu suchen, die in Übereinstimmung steht mit der Lehre der Kirche. Da haben wir selbst keine Zweifel daran, dass wir auf einem guten Weg sind.“

In einem Artikel in „Christ und Welt“ hat Bischof Feige das unlängst weit weniger diplomatisch formuliert: „Angesichts des enormen Vorlaufs von zwanzig Jahren sowie der vielfältigen und intensiven Auseinandersetzungen mit dem Entwurf in der jüngsten Zeit kann von einer Blitz- oder Überrumpelungsaktion und mangelhafter Vorbereitung nicht die Rede sein.“ Das Maß sei „voll“, die Zeit sei „reif“, man dürfe „eine Lösung nicht noch weiter hinauszögern“.

“ Es geht nicht um eine demokratische, sondern eine kirchliche Lösung ”

Zu den Kritikern des Papiers, an deren Spitze der Kölner Kardinal Woelki steht, schrieb Feige sogar, manche schienen „immer noch einem vorkonziliaren Kirchenbild verhaftet zu sein und die katholischen Prinzipien des Ökumenismus wenig verinnerlicht zu haben“.

Möglichst einmütig soll eine Entscheidung der Bischöfe ausfallen – so lautet jetzt die Vorgabe aus Rom. Heißt das denn, über das Papier wird noch einmal abgestimmt, ob in der zweiten Junihälfte beim Ständigen Rat oder auf der Herbstvollversammlung? Feige: „Das kann ich so nicht sagen. Möglichst einmütig heißt auch nicht unbedingt einstimmig! Aber das ist so der Weg, den der Papst auch gern geht. Es geht ja nicht nur darum, dass eine demokratische Lösung zustande kommt, sondern eine kirchliche Lösung, wo man sich möglichst nahe bleibt und auch darum ringt, eine Lösung zu finden.“

Zu den ungeklärten Fragen gehört, ob Rom noch einmal mit der Angelegenheit befasst werden wird. Dazu sagt Bischof Feige: „Erzbischof Ladaria will den Papst darüber informieren, wie das Gespräch gelaufen ist, und da werden wir auch sicher noch Weiteres hören.“ (vatican news)

Kardinal Woelki zum Leib des Herrn: “Würde niemals von einer Oblate sprechen”

Kölner Erzbischof verteidigt Lehre der Kirche über das Sakrament der Eucharistie bei Podiumsdiskussion am Katholikentag.

MÜNSTER – Kardinal Rainer Maria Woelki hat im Streit um die Interkommunion die aktuelle Position der Katholischen Kirche verteidigt. In einer Podiumsdiskussion auf dem Katholikentag in Münster debattierte er unter anderem mit dem Arzt und Kabarettisten Eckhart von Hirschhausen.

Hirschhausen hat die Katholische Kirche im Streit um den Kommunionempfang für evangelische Ehepartner scharf kritisiert. Der Klimawandel sei ein viel größeres Problem, so Hirschhausen. Der Arzt wörtlich: “Da möchte ich nicht eine öffentliche Diskussion über Oblaten führen.”

Da er als evangelischer Christ mit einer katholischen Ehefrau verheiratet ist und somit Kirchensteuer zahle, sei er einer der “größten Sponsoren” der Kirche: “Entweder, wenn Sie die Hälfte meiner Kirchensteuer für den katholischen Bereich abzwacken, geben Sie mir mit Freude eine Oblate dafür, oder Sie geben mir mein Geld zurück!” Hirschhausen weiter: “Wenn ich würdig genug bin, Ihrem Laden Geld zu geben, dann bin ich auch würdig, wenn ich Ja und Amen zu dem sage in der Gemeinschaft, möchte ich nicht rausgeschmissen werden aus der gemeinsamen Kirche.” Kardinal Woelki entgegnete, er habe sehr hohen Respekt vor solchen Ehen und wisse um deren Herausforderung und Belastung. In der Vergangenheit seien bis dato immer Regelungen für Einzelfalllösungen gefunden worden. Doch seien wichtige theologische Fragen damit verbunden:

“Als Katholik würde ich niemals von einer Oblate sprechen. Die Verwendung dieses Begriffs zeigt, dass wir beide schon einmal etwas ganz anderes darunter verstehen.”

Woelki betonte, dass die Eucharistie für Katholiken das Allerheiligste ist, da sie dort Christus selber begegnen. Daher habe die Frage des Kommunionempfangs für evangelische Christen eine bekenntnishafte und eine kirchenbildende Dimension.

Hirschhausen entgegnete, dass dies für die meisten Menschen jedoch irrelevant sei. Er brauche in dieser Frage keinen Seelsorger und werde deshalb auch weiterhin zur Kommunion gehen. “Ich bin froh, dass meine Frau Christin ist, denn wir könnten auch ganz andere Probleme haben”, so der Kabarettist.

Der Kölner Erzbischof ist einer von sieben Bischöfen, die Bedenken gegen einen entsprechenden Entwurf einer sogenannten “Pastoralen Handreichung” der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) angemeldet hat, der sich für eine Lockerung der aktuellen Regelung ausspricht, und deshalb in Rom vorstellig wurden.

Woelki wiederholte, dass es ihm und den anderen sechs Bischöfen um eine notwendige Klärung im Sinne der Weltkirche gegangen sei, da er das Thema für weltkirchlich relevant halte. Deshalb habe er bereits während und nach der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im März in Bensberg den Vorsitzenden über sein Vorhaben informiert: “Ich habe am 16. März 2017 einen Brief an den Vorsitzenden der Bischofskonferenz geschrieben, dass es wichtig ist, in dieser Frage eine Klärung zu haben.” Kardinal Reinhard Marx habe schon während der Konferenz zu ihm gesagt: “Du wirst Dich ja jetzt nach Rom wenden”, sagte Woelki. Das habe er getan. (CNA Deutsch)

Papst in Genf: Ökumene, Messe, Treffen mit Bundespräsident

Papst Franziskus hält bei seinem Besuch in Genf am 21. Juni zwei Predigten und eine Rede. Das geht aus dem Reiseprogramm hervor, das der Vatikan an diesem Montag bekanntgab.

Demnach trifft der Papst um 11:15 Uhr im Ökumenischen Zentrum in Genf zum ökumenischen Gebet ein, wo er seine erste Homilie halten will. Danach nimmt Franziskus das Mittagessen mit der Führungsriege des gastgebenden Weltkirchenrates im Ökumenischen Institut von Bossey ein. Um 15:45 Uhr findet eine ökumenische Begegnung mit dem Weltkirchenrat statt, bei der Franziskus eine Rede halten wird. Die darauf folgende Heilige Messe am späten Nachmittag, die der katholischen Bevölkerung gilt, findet im Kongresszentrum Palaexpo statt.

Vorgesehen ist zum Beginn des Genf-Besuchs auch eine private Begegnung des Papstes mit dem Schweizer Bundespräsidenten Alain Berset. Sie ist in einem Saal des Flughafens anberaumt; die Ankunft des Papstes mit einer Willkommenszeremonie ist davor für 10:10 geplant. Um 20 Uhr fliegt der Papst zurück nach Rom-Ciampino, wo er um 21:40 Uhr ankommen soll. Der Besuch in Genf ist als “Ökumenische Pilgerreise” deklariert. (Vatican News – gs)

Papst: Gemeinsames Reformationsgedenken war erst der Anfang

Das gemeinsame Reformationsgedenken im letzten Jahr hat die Gemeinschaft zwischen Lutheranern, Katholiken und ihren Partnern „verstärkt und vertieft“. Das hat Papst Franziskus an diesem Freitag einer Gruppe finnischer Lutheraner gesagt, die er im Rahmen der Gebetswoche für die Einheit der Christen im Vatikan empfing.

Gudrun Sailer – Vatikanstadt.

Das gemeinsame Gedenken an 500 Jahre Reformation, so der Papst, bleibe „eine fruchtbare Gelegenheit für die Ökumene, weil es kein Endpunkt war, sondern ein Anfangspunkt in der ökumenischen Suche nach der vollen und sichtbaren Einheit zwischen uns“. Franziskus benannte vor seinen lutherischen Gästen drei Haltungen, die „alle drei unerlässlich sind, wenn wir wirklich unser Gedächtnis heilen wollen“: Dankbarkeit, Reue und Hoffnung.

Beim gemeinsamen Reformationsgedenken gab es „keine Spur der Konflikte der Vergangenheit“, sagte der Papst, „denn wir haben die Reform als Einladung aufgefasst, dem Verlust der Glaubwürdigkeit des Christentums entgegenzutreten.“

Als eine „vorrangige Frage der Ökumene“ heute bezeichnete der Papst eine genauere Untersuchung über die Natur der Kirche, die bereits in Arbeit sei. Er würdigte das jüngst erschienene Dokument der finnischen lutheranisch-katholischen Kommunion über Kirche, Eucharistie und Amt und sagte, darin seien „alle entscheidenden Themen erkennbar, über die der ökumenische Dialog vorangebracht werden kann und muss.“ So seien nach dem erzielten Konsens über die Rechtfertigungslehre nun deren ekklesiologische Auswirkungen zu vertiefen.

Finnische Lutheraner kommen seit bald 20 Jahren jeweils rund um den Gedenktag des finnischen Schutzheiligen Heinrich von Uppsala nach Rom und tauschen sich in einer Audienz mit dem Papst aus. Den Anfang machte 1999 der frisch ernannte Erzbischof von Turku, Jukka Paarma, den Johannes Paul II. mit seiner Delegation empfing. Der polnische Papst war im Jahr zuvor in der lutherischen Kathedrale von Turku zu Gast gewesen, ein Ereignis, das die Beziehungen zwischen der katholischen und der finnischen lutherischen Kirche entscheidend bestärkte.

Die Gruppe aus Finnland nimmt jeweils auch an der Papstvigil zum Abschluss der ökumenischen Gebetswoche der Einheit der Christen in Sankt Paul vor den Mauern teil. (vatican news)

Ökumene: Die großen Fragen der Jugendlichen heute

 

Wenn es einen christlichen Pilgerort für Jugendliche in Europa gibt, dann ist das Taizé. Die dort ansässige ökumenische Mönchsgemeinschaft, die Frère Roger Schutz 1940 gegründet hatte, übt ungebrochene Faszination auf christliche und suchende junge Menschen aus, und die Treffen zum Jahreswechsel – diesmal in Basel – sind ähnlich wie die Weltjugendtage Fixpunkte der Gottessuche junger Menschen. Gudrun Sailer sprach mit Frère Alois Löser, dem aus Deutschland stammenden Prior der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé.

RV: Frère Alois, was treibt Jugendliche heute um, was fasziniert sie an Jesus – oder was nicht?

Frère Alois: In Taizé haben wir den Eindruck, dass Jugendliche vor allem danach suchen, was ihrem Leben einen Sinn gibt: Wofür lohnt es, sich einzusetzen? Wie kann ich mein Leben (selbst)in die Hand nehmen? Da kann der Glaube Jugendlichen ganz neue Antworten geben.

RV: Sie waren selber 20, als Sie zum ersten Mal nach Taizé gekommen sind, 1974, und Sie sind geblieben. Sie haben Generationen von Jugendlichen begleitet. Sehen Sie, dass die Fragen junger Menschen sich ändern?

Frère Alois: Ja, die Fragen ändern sich. Als ich in den 70er-Jahren hierherkam, standen politische Fragen im Vordergrund, und es wurde viel über den Glauben diskutiert. Das war damals noch leichter, weil mehr oder weniger alle dasselbe Vokabular hatten. Wenn man heute von Auferstehung spricht, dann ist das für viele Jugendliche zunächst ein Fremdwort. Ich glaube, wir müssen viel deutlicher und klarer über das sprechen, was im Zentrum unseres christlichen Glaubens steht.

RV: Taizé ist wie eine große europäische Evangelisierungs-Station. Eingeladen sind alle Jugendlichen, nach einem Bekenntnis wird nicht gefragt, Ökumene und Dialog zwischen Angehörigen verschiedener Religionen spielen eine große Rolle. Ist dieses nicht Abgegrenzte, dieses genuin Religiöse das Geheimnis von Taizé?

Frère Alois: Es gibt kein Geheimnis von Taizé! Wir versuchen ganz einfach, aus der Mitte des Glaubens zu leben. Wir Brüder der Communauté kommen aus verschiedenen Konfessionen, Ländern und Kontinenten; wir wollen ein kleines Zeichen dafür sein, dass gemäß dem Evangelium die Versöhnung, die Christus gebracht hat, eine Kraft ist, die in der Welt wirkt.

RV: In welchen Momenten lässt sich das in Taizé bei den Jugendtreffen spüren?

Frère Alois: Letzten Sommer haben hier zum Beispiel junge Ukrainer und Jugendliche aus Russland eine Woche lang zusammengelebt und am gemeinsamen Gebet teilgenommen. Sie waren bereit, mehr aufeinander zu hören und die Situation des jeweils anderen Landes besser zu verstehen. Das Evangelium ist eine Kraft der Versöhnung, die in der Welt noch viel stärker wirksam werden könnte.

RV: Welche Dinge namentlich an der katholischen Kirche stören Jugendliche heute? Womit kommen sie nicht klar?

Frère Alois: Das ist in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich. Wichtig ist sicher für viele, die Kirche nicht nur als Institution zu erleben, die Regeln erlässt, sondern die vor allem Verständnis zeigt für jede Situation und dann eine Richtung weist. Jugendliche sind heutzutage bereit zu hören, welche Richtung das Evangelium ihnen zeigt. Das Evangelium ist nicht mit allen Situationen und Haltungen einverstanden, aber Jugendliche brauchen das Gefühl: Hier hört mir jemand zu, hier werde ich angenommen, so wie ich bin, mit meinen Fragen und meinen Fehlern. Das ist eine große Erwartung an die Kirche, die an vielen Orten sicher erfüllt wird, aber auf die wir noch viel mehr eingehen müssen.

RV: Warum ist eine katholische Bischofssynode in Rom mit dem Papst über und mit Jugendlichen sinnvoll? Kann da aus Ihrer Sicht etwas Neues herauskommen?

Frère Alois: Das wird sich zeigen. Aber es schön, dass die katholische Kirche schon im Vorfeld deutlich macht: ‚Wir wollen den Jugendlichen zuhören und ein offenes Ohr für ihre Anliegen haben.‘ Es ist für Jugendliche heute nicht leicht, ihren Weg zu finden. Sie leben in einer sich schnell verändernden Welt mit vielen Ablenkungen, in der es nicht leicht ist, Orientierung zu finden. Aber ich glaube, wenn der Papst und die Bischöfe deutlich machen: ‚Wir wollen euch nicht bevormunden, sondern euch im Sinn des Evangeliums begleiten‘, – das wäre ein starkes Zeichen für viele Jugendliche, weit über die katholische Kirche hinaus.

RV: Das Taizé-Jugendtreffen zum Jahreswechsel findet diesmal in Basel statt, warum gerade in diesem wohlhabenden und gesättigten Herzen Europas?

Frère Alois: Basel ist eine Stadt, aber auch eine grenzübergreifende Region; das wird ein wichtiger Aspekt des Treffens sein. Es soll deutlich werden, dass Europa in den verschiedenen Regionen über die Grenzen hinweg existiert, und das kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. In einer Zeit, in der sich eine gewisse Europamüdigkeit ausbreitet, ist das, glaube ich, ein wichtiges Zeichen. Zum anderen gehen wir nach Basel, weil es auch eine Stadt der Reformation ist, nicht der lutherischen Reformation, sondern der reformierten Kirche; jetzt, am Ende dieses Jahres, in dem so viel über die Reformation geredet wurde, wollen wir nochmal ein Zeichen setzen dafür, dass es möglich ist, als Christen deutlich mehr gemeinsam zu tun als wir es bisher getan haben. Wir leben immer noch zu getrennt: Wir können noch viel öfter zum gemeinsamen Gebet zusammenkommen und deutlich machen, dass Christus uns schon heute zusammenführt, auch wenn noch viele theologische Fragen offen sind. (rv)

D: Woelki würdigt Reformationsgedenken

Im Oktober hatte er, pünktlich zum Abschluss des Reformations-Gedenkjahres, einen Aufsatz mit kritischen Untertönen geschrieben: Mehr „Ehrlichkeit in der Ökumene“ hatte er darin gefordert, und vor vorschnellen Erwartungen, dass es bald zu einer eucharistischen Gastfreundschaft kommen könne, hatte er gewarnt.

Jetzt war Kardinal Reiner Maria Woelki sozusagen in der Höhle des Löwen – und hat seine Mahnungen nicht wiederholt. Stattdessen fand der Kölner Erzbischof am Sonntag positive Worte für das Reformationsgedenken, als er vor der Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands in Bonn ein Grußwort sprach. Das Reformationsgedenken sei „ein positives Gegenbild zur Geschichtsvergessenheit“, so Woelki.

Eine ungeliebte ökumenische Gemeinsamkeit

Zum Motto der Synode, „Zukunft auf gutem Grund“, sagte der Kölner Erzbischof: „Was hat dieses Motto mit unserer postmodernen Realität zu tun? Nach steinigem Boden und Dornen müssen wir nicht lange suchen, aber wie viel guten Grund und Boden erleben Sie denn in Ihren Landeskirchen? Machen Sie wirklich andere Erfahrungen als wir in unseren Bistümern? Ich glaube kaum. Es ist eine ungeliebte ökumenische Gemeinsamkeit, dass Gottes Wort in unserer Zeit seltener Frucht bringt und häufiger weggenommen wird, zugrunde geht und erstickt.“

Trotzdem sei es kein „Pfeifen im Walde“, wenn man von „gutem Grund“ spreche, auf dem die Kirchen aufbauten. Schließlich gründe das Christentum auf Gott selbst. Schon das Volk Israel habe vor allem in größter Not Gott als seinen „Fels“ erlebt.

„In solchen Bedrängnissen macht das Volk immer wieder neu die Erfahrung, dass Gott es „auf guten Grund“ stellt, auf soliden Felsen, ja, dass Er für Israel selbst dieser rettende, unerschütterliche Fels ist. „Herr, du mein Fels, meine Burg, mein Retter, mein Gott, meine Feste, in der ich mich berge, mein Schild und sicheres Heil, meine Zuflucht. Ich rufe: Der Herr sei gepriesen!, und ich werde vor meinen Feinden gerettet“, jubelt der Psalmist. So entsteht förmlich ein Gottesname, wie das Buch Deuteronomium lapidar festhält: „Preist die Größe unseres Gottes! Er heißt: der Fels …“ (32,3–4).“

Nicht Spaltung und Zwietracht

Aus solchen Worten könne man „auch dann Hoffnung schöpfen, wenn man nicht daran glaubt, dass Gottes Schutzfunktion in Petrus und dessen Nachfolgern sozusagen hypostasiert“ sei. „Man muss eigentlich nur daran festhalten, dass der gute Grund, auf dem unsere Zukunft aufruht, nicht menschliches Werk ist, nicht Fleisch und Blut, sondern Gottes Gnade allein. Das glauben katholische Christen ebenso wie evangelische, und nicht erst seit der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre! Darum können wir das Reformationsgedenken ja auch gemeinsam begehen: Weil die Evangelische Kirche in Deutschland nicht Spaltung und Zwietracht zelebriert, sondern ein Fest Christi und seiner Gnade feiert, zu dem wir uns herzlich gerne haben einladen lassen.“

Das gemeinsam begangene Reformationsgedenken habe den Kirchen neu bewusst gemacht, dass Christus ihr fester Grund unter den Füßen sei, so Woelki. „ Und so erweist sich Ihr Motto eben nicht als Pfeifen im Walde, nicht als realitätsferne Durchhalteparole… Unsere Zukunft steht auf gutem Grund, auch wenn uns Krisen nicht erspart bleiben.“ (rv)

Bedford-Strohm: „Uns bringt niemand mehr auseinander!“

„Beeindruckend“, „bleibend wichtig“, „bewegend“: Mit solchen Worten blickt Heinrich Bedford-Strohm auf das Reformations-Gedenkjahr zurück. Er sei „extrem dankbar“ für die ökumenische Ausrichtung dieses Jahres, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) und lutherische Landesbischof von Bayern am Wochenende in Rom in einem Interview mit Radio Vatikan.

Am 31. Oktober 1517, also vor genau 500 Jahren, hat Martin Luther in Wittenberg seine 95 Thesen veröffentlicht und damit die Reformation ausgelöst.

Hier lesen Sie unser Interview mit Bischof Bedford-Strohm im vollen Wortlaut. Die Fragen an Bischof Bedford-Strohm stellte Stefan von Kempis.

Frage: Was ist gut, was ist weniger gut gelaufen, was war inspirierend am Gedenkjahr?

Antwort: „Dieses Reformationsjahr 2017 war in vieler Hinsicht ein wirklich reiches Jahr, für das ich sehr dankbar bin! Und das, was es vielleicht am beeindruckendsten gemacht hat und vielleicht am meisten bleibend wichtig sein lässt, ist die Tatsache, dass wir zum ersten Mal in der Geschichte seit der Reformation dieses Jubiläum und Gedenken in gemeinsamem ökumenischem Geist gefeiert haben. Alle anderen Jubiläen waren dadurch gekennzeichnet, dass die Identität durch die Abgrenzung und sogar Abwertung der anderen geschaffen werden sollte.

Es gibt keinen katholischen oder evangelischen Christus

Wir haben uns entschieden, dieses Reformationsjahr so zu feiern, dass wir dem gerecht werden, worum es Martin Luther selber gegangen ist. Martin Luther ging es darum, Christus neu zu entdecken! Er wollte eine religiöse Erneuerungsbewegung anstoßen, er wollte keine neue Kirche gründen. Die historischen Umstände haben dann dazu geführt, dass eine neue Kirche entstanden ist und dass es eine Trennung der Kirchen gegeben hat.

Heute können wir das, worum es Martin Luther ging, nämlich Christus neu entdecken, religiöse neue Kraft bekommen, nicht mehr gegeneinander tun – nur noch miteinander, nur noch in ökumenischem Geist. Und deswegen bin ich extrem dankbar für alle ökumenischen Gottesdienste, die mich und viele Menschen sehr berührt haben und die gezeigt haben: Es gibt keinen katholischen Christus, keinen evangelischen Christus und keinen orthodoxen Christus, sondern nur den einen Herrn Jesus Christus!“

Frage: Man hätte vorher gar nicht gedacht, dass in diesem Gedenkjahr eine solche Dynamik entstehen würde. Was sind denn die Spuren, die jetzt weiterführen, auf die Einheit der Kirchen zu?

Antwort: „Ich glaube, das Wichtigste war und ist, dass ungeheuer viel Vertrauen aufgebaut worden ist, das sich auch in menschlichen Beziehungen zeigt – auch in freundschaftlichen Beziehungen. Die Geschwisterlichkeit um den einen Herrn Jesus Christus herum wird dadurch auch menschlich sehr sichtbar. Diese Grundlage des Vertrauens halte ich für das Wichtigste, und daraus können dann auch Schritte entstehen, die uns als Kirchen zusammenführen.

Wir wollen unsere Vorstellungen von Ökumene klären

Natürlich wäre es sehr schön, wenn wir gemeinsam antworten könnten auf das, was Papst Franziskus immer wieder unterstrichen hat, dass nämlich gerade auch Ehepaare unterschiedlicher Konfession sich sehnen nach dem gemeinsamen Abendmahl. Natürlich hoffe ich, dass solche Schritte dann am Ende dazu führen können, dass wir eben als Menschen, aber vor allem als Christen zusammen das Mahl des Herrn feiern können.

Wir wollen dazu unsere Vorstellungen von Ökumene klären: Was heißt „sichtbare Einheit in versöhnter Verschiedenheit“, ein Stichwort, das wir in diesem Jahr immer wieder gebraucht haben? Was heißt es genau? Und welche der Unterschiede sind wirklich noch kirchentrennend? Es können Unterschiede bleiben; wir müssen nicht einförmig sein. Aber die Unterschiede müssen ihren kirchentrennenden Charakter verlieren, und daran wollen wir jetzt weiter arbeiten.“

Frage: Was ist das eine Erlebnis, der eine Moment, den Sie vom Reformationsjahr besonders in Erinnerung behalten werden?

Als aus der Barriere ein Kreuz wurde

Antwort: „Ich glaube, das ist der Gottesdienst zur Heilung der Erinnerungen am 11. März in Hildesheim. Als ich Kardinal Marx im Namen der evangelischen Christen um Vergebung gebeten habe für die Wunden, die wir den Katholiken zugefügt haben, und er umgekehrt das Gleiche getan hat; als wir dann gesagt haben, was wir an der anderen Konfession schätzen und lieben – das war sehr berührend!

Und dann haben wir eine große Metallbarriere von jungen Menschen aufrichten lassen, und sie ist zum Kreuz geworden, das mit den Balken in alle vier Himmelsrichtungen zeigt. Ein Symbol dafür, dass wir neu auf Christus schauen, wenn wir Zugang zu Gott finden wollen und wenn wir zusammenfinden wollen. Das ist für mich der bewegendste Moment gewesen, und das ist auch die stärkste Basis für die Zukunft. Uns bringt niemand mehr auseinander!“ (rv)

Kardinal Koch bilanziert das Luther-Gedenkjahr

Der Ökumene-Verantwortliche des Vatikans, Kardinal Kurt Koch, war „am Anfang sehr irritiert“ über das Gedenken an 500 Jahren Reformation in Deutschland. Er habe „immer gesagt“, dass bei einem solchen Gedenken „auch Buße“ wegen der „grausamen Konfessionskriege“ geleistet werden müsse, sagte Koch in einem Bilanzinterview zum Lutherjahr mit Radio Vatikan. Doch zu Beginn des Gedenkjahres sei sein Eindruck gewesen, „dass man den Aspekt der Buße nicht wahrnehmen wollte“. „Das hat mich sehr irritiert, weil schon die erste These Luthers voll auf die Buße abgeht und das ganze Leben des Christen eine Buße ist.“

Später habe er aber „gesehen, wie sich das entwickelt hat, bis hin zu diesem gemeinsamen Buß- und Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim im März, den ich als äußerst positiv erfahren habe“, so Kardinal Koch. Er zog in dem Interview daher eine positive Bilanz des Reformationsgedenkens. Der Kardinal würdigte ausdrücklich „die Bereitschaft der evangelischen Kirche, nicht so sehr Luther in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das Reformationsgedenken als Christusfest zu verstehen, das uns gemeinsam ist“.

Das sei „die beste Idee für ein gemeinsames Reformationsgedenken“ gewesen, sagte der Schweizer Kurienkardinal. Lobende Worte fand er auch für die „wunderschöne Zusammenarbeit mit dem Lutherischen Weltbund“: Dort habe er während des Gedenkjahres „die Leidenschaft, in die Zukunft aufzubrechen“, gespürt.

Mit deutlicher Vorsicht äußerte sich Koch zum ökumenischen Ziel einer „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“. „Die Schwierigkeit liegt darin, dass alle diesen Begriff verwenden, aber nicht das gleiche darunter verstehen.“ Manche beschrieben mit diesem Begriff die „Situation, wie wir sie heute haben“, doch „die katholische Sicht ist eine andere“. Aus Kochs Sicht wäre es „wichtig in der ökumenischen Diskussion, dass man Formeln nicht nur gemeinsam verwendet, sondern auch Auskunft darüber gibt, wie man sie versteht“. Sonst komme es zu „Konfusionen“.

Hier können Sie den Volltext unseres Interviews mit Kardinal Koch lesen. Die Fragen stellte Radio-Vatikan-Redakteurin Gudrun Sailer.

RV: Die Geschichte der katholisch-evangelischen Annäherung begann – mit einzelnen Vorläufern wie den Lübecker Märtyrern – im II. Vatikanischen Konzil. Hat das Lutherjahr im Großen und Ganzen zu einer weiteren Annäherung geführt oder eher die bestehenden Differenzen klarer zutage treten lassen?

Kardinal Koch: „Der allererste Dialog, den die katholische Kirche begonnen hat, unmittelbar nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, war mit dem lutherischen Weltbund. Deshalb haben wir nicht nur 500 Jahre Reformation, sondern auch 50 Jahre ökumenischen Dialog, katholisch-lutheranisch. Ich denke mit zwei großen Schwerpunkten: Erstens die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die am 31. Oktober 1990 in Augsburg verkündet worden ist. Und zweitens das große lutherisch-katholische Reformationsgedenken in Lund in Schweden. Beide Ereignisse, kann man sagen, sind Meilensteine in der ökumenischen Annäherung zwischen Katholiken und Lutheranern. Vor allem jetzt dieses gemeinsame Reformationsjubiläum, wo auf der einen Seite Papst Franziskus und auf der anderen Seite der Präsident und der Generalsekretär des lutherischen Weltbundes vorgestanden sind, ist ein äußerst positives Zeichen.”

RV: Zum Auftakt des Reformationsgedenkens reiste Papst Franziskus – am 31. Oktober 2016 – ins schwedische Lund und unterzeichnete dort mit dem Präsidenten des Lutherischen Weltbundes Mounib Younan eine ökumenische Erklärung. Darin ist viel vom gemeinsamen Einsatz von Christen beider Konfessionen die Rede: für Arme, für Flüchtlinge, für die Umwelt, ein Gemeinsames Eintreten gegen Extremismus und für Gerechtigkeit. Aus Ihrer Sicht: tun das die Christen da draußen nicht ohnehin schon? Also ging da die ökumenische Tat der ökumenischen Erklärung voran?

Kardinal Koch: „In Lund waren ja zwei Ereignisse. Das war auf der einen Seite der ökumenische Gottesdienst, in dem vor allem der Reformation gedacht worden ist. Und dann das Ereignis in Malmö, um zu zeigen, dass wir gemeinsam Zeugnis geben sollen. Ganz nach der Devise von Papst Franziskus, der immer wieder sagt, wir sollen dreierlei tun: camminare insieme, pregare insieme und collaborare insieme, also miteinander beten, miteinander gehen, miteinander Gemeinsames tun. Und da ist schon viel geschehen, aber da war Malmö noch einmal ein neuer Impuls dafür, noch mehr gemeinsam zu tun, aus dem gemeinsamen Glauben heraus sich für die Menschen und vor allem für die Marginalisierten, für die Armen einzusetzen.”

RV: Die Lund-Erklärung erwähnt als Ziel der Ökumene das gemeinsame eucharistische Mahl. Was hat dieses klar formulierte Ziel an Neuem in Fluss gebracht?

Kardinal Koch: „Das ist nicht neu, dass wir an den gemeinsamen Altar treten können sollen. Das ist das Ziel der Ökumene. Die Frage ist, was muss alles erreicht sein, damit dieses Ziel erreicht werden kann. Das wieder neu in Erinnerung zu rufen, dass wir in einer unnormalen Situation sind, wenn wir als getaufte Christen nicht gemeinsam Eucharistie feiern können, war ein wichtiger Impuls. Und ich habe dann auch vorgeschlagen, dass wir nach der gemeinsamen Erklärung mit der Rechtfertigungslehre und dem gemeinsamen Reformationsgedenken auf eine neue gemeinsame Erklärung hingehen sollten über Kirche, Eucharistie und Amt. Und das ist doch auf recht positives Echo gestoßen. Vor allem der nationale lutherisch-katholische Dialog in Finnland beschäftigt sich intensiv mit diesem Dokument. Der nationale Dialog in Amerika hat bereits ein Dokument publiziert über „Declaration on the way – church, ministry and eucharist“. Und das ist auf positive Resonanz gestoßen. Das wäre ein ganz wichtiger Schritt: Konsens darüber finden, was Kirche, Eucharistie und Amt ist, um dann dieses Ziel der gemeinsamen Eucharistiefeier erreichen zu können.”

RV: Wie lange könnte das noch dauern?

Kardinal Koch: „In der Ökumene bin ich immer vorsichtig. Wir können nicht alleine entscheiden, sondern müssen immer auch auf den Partner Rücksicht nehmen. Für mich ist nach dem Reformationsgedenken das Jahr 2030 ein wichtiger Horizont: 500 Jahre Augsburger Reichstag und die Verabschiedung der Confessio Augustana – des Augsburger Bekenntnisses, das ja kein Dokument der Spaltung ist, sondern der Einheit. Man wollte zeigen, dass man den Glauben der Katholiken teilt. Das ist damals leider nicht gelungen, es ist gescheitert. Aber ich würde sagen, Lutheraner und Katholiken waren nie so eng beieinander wie in Augsburg. Und dieses Gedenken sollte meines Erachtens ein Horizont sein, auf den wir mit neuen verbindlichen Schritten zugehen sollten.”

RV: Ein Schritt zurück: Papst Benedikt XVI. hatte bei seinem Besuch in Erfurt 2011 Martin Luthers Suche nach einem gnädigen Gott ausdrücklich gewürdigt. Wie bewerten Sie dieses Bekenntnis das im Rückblick, hat das Wege zu einem neuen katholischen Lutherbild gewiesen, die vorher verschlossen schienen?

Kardinal Koch: „Diese Aussage von Papst Benedikt hat viel ausgelöst. Ich habe kürzlich einen Vortrag zu diesem Thema gehört, wie die Botschaft von Luther heute noch aktuell sein kann. Das ist eine Resonanz auf Papst Benedikt, dieses Symposium, das in Bensberg stattfindet. Er hat damals die leidenschaftliche Gottsuche von Martin Luther gewürdigt, aber auch seine Christozentrik, dass Luther nicht irgendeinen Gott gesucht hat, sondern jenen Gott, der sein ganz konkretes Bild in Jesus Christus gezeigt hat. Und Papst Benedikt hat damals daraus geschlossen, dass die wichtigste Aufgabe, die wir heute in der Ökumene haben, ist, in den säkularisierten Gesellschaften von heute den lebendigen Gott zu bezeugen.”

RV: Ein weiterer Markstein des Jahres war der Besuch einer Delegation der Evangelischen Kirche Deutschlands in Rom im Jänner dieses Jahres. Was hat das gebracht?

Kardinal Koch: „Für mich war sehr positiv, dass so viele junge Menschen dabei gewesen sind und dass es eine ökumenische Wallfahrt gewesen ist. „Mit Luther zum Papst“ hieß das. Es gab dann auch eine Audienz mit Papst Franziskus, die sehr positiv aufgenommen worden ist und viele Früchte getragen hat. Ich glaube, es war ein schönes und positives Ereignis.”

RV: Mit den Augen des vatikanischen Ökumene-Verantwortlichen: Was waren auf lutheranischer Seite die Stärken des Reformationsgedenkens in diesem Jahr, und wovon hätte man sich mehr erwarten können?

Kardinal Koch: „In Deutschland war ich am Anfang sehr irritiert. Ich habe immer gesagt, ein Reformationsgedenken muss drei Schwerpunkte haben: Erstens Dankbarkeit für alles, das wir wiederentdeckt haben, das wir gemeinsam haben. Aber auch Buße; Luther wollte keine neue Kirche gründen, er wollte die Kirche erneuern. Es kam aber nicht zu der Neuerung der Kirche, sondern zu einer neuen Kirche und anschließend zu grausamen Konfessionskriegen, für die wir Buße tun sollten. Und drittens Hoffnung, dass ein Reformationsgedenken neue Schritte in die Zukunft eröffnet. Am Anfang hatte ich etwas Sorge, dass man den Aspekt der Buße nicht wahrnehmen wollte. Das hat mich sehr irritiert, weil schon die erste These Luthers voll auf die Buße abgeht und das ganze Leben des Christen eine Buße ist. Inzwischen habe ich aber gesehen, wie sich das entwickelt hat, bis hin zu diesem gemeinsamen Buß- und Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim im März, den ich als äußerst positiv erfahren habe und der ein sehr schönes Ereignis gewesen ist. Zweitens die Bereitschaft von der evangelischen Kirche, nicht so sehr Luther in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das Reformationsgedenken als Christusfest zu verstehen, das uns gemeinsam ist und das ja auch das Anliegen von Luther gewesen ist. Das hat mich sehr gefreut. Das war die beste Idee für ein gemeinsames Reformationsgedenken.

Auf der Weltebene gibt es eine wunderschöne Zusammenarbeit mit dem lutherischen Weltbund, die sehr fruchtbar ist. Ich habe selbst auch an der Plenarsitzung des lutherischen Weltbundes in Namibia teilgenommen. Und diese Leidenschaft, in die Zukunft aufzubrechen aufgrund dieses Reformationsgedenkens war spürbar.”

RV: Für die innerevangelische Ökumene ist die „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ ein zentraler Ausdruck. Wo sehen Sie die Grenzen dieses Modells für die evangelisch-katholische Ökumene?

Kardinal Koch: „Die Schwierigkeit liegt darin, dass alle diesen Begriff verwenden, aber nicht das gleiche darunter verstehen. Es gibt auf der einen Seite die starke Tendenz, zu sagen, „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ ist eine Beschreibung der Situation, wie wir sie heute haben. Wir sind verschieden, sollen auch so bleiben, aber schon Eins. Und deshalb müssen wir uns nur noch gegenseitig anerkennen und Abendmahl feiern.

Die katholische Sicht ist eine andere: „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ ist eine Beschreibung der Aufgabe, die vor uns steht, dass wir unsere historischen Differenzen so aufarbeiten, dass sie nicht mehr unversöhnt sind. Sodass Unterschiede bleiben, aber nicht mehr kirchentrennend sein sollen, sondern dass sie versöhnt sind und wir dann diese Zeichen setzen können. Hier sehe ich den Unterschied und es wäre wichtig in der ökumenischen Diskussion, dass man Formeln nicht nur gemeinsam verwendet, sondern auch Auskunft darüber gibt, wie man sie versteht. Sonst entstehen Konfusionen.”

RV: Wo fällt die interkonfessionelle Versöhnung heute, in 2017, noch am schwersten?

Kardinal Koch: „Ich glaube schon, dass die Frage des Kirchenverständnisses nach wie vor eine schwierige Krux ist, weil es hier sehr verschiedene Konzeptionen gibt. Die Erklärung der Glaubenskongregation hat das mit der Formel zum Ausdruck gebracht, dass die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen nicht Kirchen im eigentlichen Sinne sind. Nun ist „eigentlich“ im Deutschen ein schwieriges Wort, weil es immer fast das Gegenteil sagt, von dem, was es meint. Gemeint ist, dass sie nicht Kirchen nach dem katholischen Verständnis sind, –so hat es Papst Benedikt in seinem Interviewbuch mit Peter Seewald auch umformuliert – sondern, dass sie Kirchen gleichsam eines anderen Typs sind. Darüber müssen wir noch vertieft nachdenken, auch über die Amtsfrage und die Bedeutung der Eucharistie im Gesamten des Kirchenverständnisses.”

RV: Was hat die katholische Kirche ihrerseits in diesem Lutherjahr gelernt?

Kardinal Koch: „Erstens haben wir gelernt, was die eigentlichen Anliegen Luthers gewesen sind. Es ist ja teilweise etwas verloren gegangen in der Polemik, dass Martin Luther eine Erneuerung der katholischen Kirche gewollt hat, die damals nicht gelingen konnte, sodass es zur Kirchenspaltung gekommen ist, wofür beide Seiten ihre Schuld haben. Wir haben gelernt, dass man diese Schuld gemeinsam tragen muss und aber nun gemeinsame Wege in die Zukunft gehen muss, nicht nur rückwärts schauen, sondern in die Zukunft schauen. Aber beides gehört zusammen: wenn ich mit dem Auto überholen will, muss ich in den Rückspiegel schauen, sonst wird es gefährlich. In diesem Sinne war es richtig, Rückschau zu halten, aber jetzt sollten wir auch in die Zukunft schauen und auf dem Boden all dessen, was wir als gemeinsam wiedererkannt haben, Wege zu einer verbindlicheren Einheit gehen.”

RV: Was ist das große Neue, das Papst Franziskus gebracht hat zur Ökumene zwischen evangelischer und katholischer Kirche?

Kardinal Koch: „Zunächst betont Papst Franziskus es selber immer, dass er weiterführt, was seine Vorgänger begonnen haben. Wir dürfen in der katholischen Kirche glücklich sein, dass wir seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil stets Päpste gehabt haben, die ein offenes Herz für die Ökumene hatten. Auf diesem Weg kann Papst Franziskus weitergehen. Was bei ihm charakteristisch ist, ist die Betonung des Dialogs der Liebe. Die war natürlich immer schon da, aber die Brüderlichkeit, Geschwisterlichkeit, einander anzunehmen, miteinander den Weg zu gehen, alles gemeinsam zu tun, was man gemeinsam tun kann und vor allem auch füreinander zu beten, das sind meines Erachtens ganz wesentliche Aspekte. Und Papst Franziskus empfängt immer wieder Gruppierungen aus der Ökumene, die zu ihm kommen wollen. In dem Sinne übt er eigentlich schon so etwas wie einen ökumenischen Primat aus, natürlich ohne Jurisdiktion. Aber er ist doch ein Bezugspunkt für viele Christen und in dem Sinne nicht mehr einfach das größte Hindernis für die Ökumene, sondern auch eine Opportunität für die Ökumene. Und was ich noch weiter betonen möchte: Papst Franziskus hat eine Offenheit und eine große Kenntnis für die pentakostalischen Bewegungen, die er aus Lateinamerika kennt. Und der Pentakostalismus ist heute die zweitgrößte Realität nach der römisch-katholischen Kirche. In den Bewegungen gibt es auch anti-katholische und anti-ökumenische Akzente. Indem der Papst sie aber zu sich einlädt für persönliche Begegnungen, öffnet das wieder neue Tore, auch in diese große Bewegung hinein und dafür sind wir natürlich sehr dankbar.” (rv)