Warum ist die Feuerwehr konservativ, Herr Kardinal? Walter Brandmüller zum 88. Geburtstag

VATIKANSTADT – Als Papst Franziskus kürzlich den Mitarbeitern in der Kurie das Weihnachtsgeschenk überreichte, erzählte er, wie Kardinal Walter Brandmüller ihn darauf gebracht habe.

Gestern wurde der deutsche Purpurträger, der von 1998 bis 2009 Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaft war, 88 Jahre alt.

Zusammen mit dem ebenfalls seit kurzem 80 Jahre alten Papst Franziskus, und dem im kommenden April schon 90 Jahre alten Benedikt, ist Kardinal Brandmüller einer der Recken der großen Schlachten der Kirche von heute. Dem EWTN-Romkorrespondenten Paul Badde hat er 2014 ein in der „Bild am Sonntag“ veröffentlichen Interview gegeben, das wir zu seinem Geburtstag publizieren. Es ist so aktuell wie eh und je.

PAUL BADDE: Warum sind Konservative so hart und unbarmherzig, Herr Kardinal?

KARDINAL WALTER BRANDMÜLLER: Sind sie das? Ich habe noch keinen Menschen erlebt, der unbarmherzig war, weil er konservativ ist. Es gibt barmherzige und unbarmherzige Liberale und Konservative. Aber ist der Arzt barmherzig, der einem Patienten die rettende Operation erspart und ihm Alkohol und Nikotin nach Belieben erlaubt? Der einem Diabetiker eine Sachertorte mitgibt?

Aber reden Konservative nicht eher von der Sünde, wo Liberale von Vergebung und Barmherzigkeit sprechen?

Das ist mir neu. Woher wissen Sie das? Aus der Zeitung? Auch Liberale reden von Sünde. Doch sie verstehen meist etwas anderes darunter, das stimmt. Bei ihnen sind es eher Parksünder und Diätsünden. Was ist also Sünde?

Bitte sagen Sie es.

Sünde ist eine sittlich minderwertige Haltung oder Handlung, mit denen Menschen sich selbst und anderen schaden. Dabei haben wir doch alle schon erfahren, dass es uns schlecht geht, wenn wir das Schlechte und Falsche tun. Dass Betrug, Ehebruch, Mord etc. noch keinen Menschen wirklich glücklicher gemacht hat. Dostojewski hat ganze Romane über dieses dunkle Geheimnis geschrieben.

Aber haben Konservative nicht dennoch eher Angst, wo Liberale mutiger sind?

Woher das denn? Reden wir hier vielleicht von den Elefanten, die mutig in den Porzellanladen stapfen? Vorsicht im Umgang mit kostbarsten Gefäßen würde ich nie mit Ängstlichkeit verwechseln.

Wie kamen Konservative denn in den Ruf, Dunkelmänner zu sein – im Gegensatz zu den liberalen Lichtgestalten?

Soll ich darüber lachen? Dunkelmänner sind Schießbudenfiguren aus der Mottenkiste sogenannter Aufklärer. Es sind Vorurteile, die jeder vernünftigen Begründung entbehren. Als Finsterlinge wurden schon vor über 200 Jahren alle verleumdet, die sich dem Fortschrittswahn und dem Zeitgeist widersetzten. Als Lichtgestalten haben sich hingegen damals schon die Jakobiner gern selbst stilisiert, als sie für den Fortschritt die Köpfe rollen ließen.

Warum sind viele Liberale aber auch 200 Jahre später vom Begriff der Revolution noch so fasziniert?

Das müssen Sie die Liberalen fragen. Mich fröstelt bei dem Begriff. Vergessen wir doch nicht, wieviel Blut und Tränen die großen Revolutionen über die Menschen gebracht haben! Auch die Nazis sahen sich als Revolutionäre. Revolutionäre sind Brandstifter.

Aber schauen Konservative nicht gern nach hinten, wo Liberale tatsächlich nach vorn und in die Zukunft blicken? Warum?

Ich bin Historiker. Die Vergangenheit ist der Stoff der Erfahrung und sehr konkret. Die Zukunft ist das Reich der Träume und Verführer. Da lässt sich ungeprüft leicht alles behaupten und versprechen. Nur auf der sicheren Basis geschichtlicher Erfahrung lässt sich Zukunft bauen.

Warum hat sich der Streit zwischen Konservativen und Liberalen heute denn ausgerechnet am Thema der Familie entzündet?

Ideologien, die Mensch und Gesellschaft verändern wollen, fangen bei der Familie und deren Zerstörung an. Das war bei Marx so und bei Lenin. Familien sind die Urzellen jeder menschlichen Gemeinschaft. Darum sind sie so gefährdet. Es darf mit ihnen aber nicht experimentiert werden. Ich will hier nicht von dem neuesten Irrsinn des „social freezing“ weiblicher Eizellen reden. Jedenfalls ist um Familien ein unglaublicher Kampf entbrannt, in dem sie leider keiner so verteidigt wie die Kirche. Darauf haben Papst Paul VI. und Johannes Paul II. schon vor Jahrzehnten prophetisch hingewiesen.

Wie deuten Sie es denn, dass mit Kardinal Müller und Kardinal Kasper die größten Gegenspieler in dieser Debatte zwischen Konservativen und Liberalen in der katholischen Kirche Deutsche sind?

Da muss ich mit Goethe antworten: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.“ Das trifft irgendwie auch auf Deutschland zu, besonders seit der Reformation, in dem sich die Deutschen in zwei Lager gespalten haben. Diese Spaltung durchzieht mittlerweile auch die katholische Kirche in Deutschland.

Die katholische Kirche hat wegen der Unauflöslichkeit der Ehe im Streit mit Heinrich VIII. um 1535 die Abspaltung der anglikanischen Kirche in Kauf genommen. War es diesen Preis wert?

Die Frage ist falsch gestellt. Kein Papst und kein Konzil kommt an den Worten Jesu über die Ehe vorbei. „Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen.“ Die Treue zum Wort Gottes wog für Papst Clemens VII. schwerer als die politische Drohung des englischen Königs. Die Kirche ist nicht verfügungsberichtigt über die Sakramente. Der Apostel Paulus sagt, dass wir nur Verwalter sind und dass ein Verwalter treu sein muss. Die Kirche ist eine Stiftung. Da ist der Stifterwille das Entscheidende.

Verstehen wir das Wort Gottes heute mit Hilfe der modernen Theologen denn nicht viel besser als früher?

Gottes Wort ist unerschöpflich an Inhalt und Gehalt. Darum gibt es sehr wohl einen Fortschritt in der Erkenntnis. Es ist aber undenkbar, dass spätere Erkenntnisse dem bisher Erkannten widersprechen. Zwei mal zwei bleibt vier. Wahrheit ändert sich nicht. Und Gottes Geist widerspricht sich nicht.

Braucht es gerade diesen Streit aber nicht dennoch für eine gesunde Kirche?

Ein gewisses Ferment der Unruhe tut jeder Gemeinschaft gut. Auch Konservative brauchen Reibflächen, an denen sie ihre Streichhölzer entzünden können. Auch der Irrtum hat seine Bedeutung für den Fortschritt der Erkenntnis.

Müssten wir nicht dennoch eine Kirche fürchten, die nur aus Konservativen besteht?

Das kommt darauf an, was sie unter konservativ verstehen.

Was ist konservativ, Herr Kardinal?

Konservativ heißt in der Kultur und in der Religion etwas anderes als in der Politik. Soziale Verhältnisse oder Regierungsformen wie etwa die Monarchie unter allen Umständen aufrecht zu erhalten, ist nicht konservativ. So ist es auch im Leben. Die Eidechse lässt den Schwanz fahren, um sich selbst zu retten. Der wahre Konservative versteht es, Nebensächliches preiszugeben, um Wesentliches zu erhalten. Wertloses zu bewahren, ist nicht konservativ. Es ist nicht konservativ, die Asche zu bewahren, hat Johannes XXIII. gesagt, sondern die Glut zu hüten. In der Zahnmedizin ist es konservativ, die Wurzel zu bewahren, und nicht den Zahn zu ziehen. Wir brauchen Konserven: Blutkonserven, Lebensmittelkonserven. Was wären die Kunstwerke der Welt ohne Konservatoren? Auch die Feuerwehr ist konservativ – wenn sie rechtzeitig kommt! (CNA Deutsch)

Kardinal Kasper: „Die Barmherzigkeit war ziemlich vergessen“

Kardinal Walter KasperSie ist ein Gegenzeugnis zu dem, wie die Welt geworden ist: Barmherzigkeit. So charakterisiert Kardinal Walter Kasper den Schwerpunkt, den der Papst seinem Pontifikat in diesem Heiligen Jahr gegeben hat. Die Barmherzigkeit sei ein Name Gottes, betont der Papst, doch das bleibt nicht immer spannungsfrei. Wie sieht es etwa mit der Gerechtigkeit aus, besteht da nicht ein Widerspruch zur Barmherzigkeit? Wie passt das zueinander?, fragten wir Kardinal Kasper. Sind der gerechte und der barmherzige Gott nicht irgendwie unterschiedlich?

Kasper: „Das ist ein Einwand, den man oft hört. Gott ist aber nicht an unsere Gerechtigkeitsvorstellung gebunden. Er ist treu und gerecht seinem eigenen Wesen gegenüber, und das Wesen Gottes wird in der Bibel als ‚Liebe’ beschrieben. Gott kann also, wenn er sich selbst treu ist, gar nicht anders handeln als barmherzig zu sein. Die Barmherzigkeit ist die Art der Barmherzigkeit Gottes. Und Barmherzigkeit ist deswegen auch für uns Christen die Form wie wir Gerechtigkeit üben sollen. Ich brauche sozusagen Augen, einen Sinn oder eine Linse, um zu sehen, was der andere braucht und was somit gerecht und angemessen ist. So ist für einen Christen Barmherzigkeit die christliche Form der Gerechtigkeit einem anderen gegenüber.“

RV: Bereits Johannes Paul II. und dann auch Franziskus haben klar gesagt, dass Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sich nicht widersprechen, wie Sie ja gerade auch. Trotzdem gibt es Kritiker, die anmerken, Papst Franziskus würde die Gerechtigkeit der Barmherzigkeit unterordnen. Dem würden Sie widersprechen?

Kasper: „Ich würde so sagen: Die Gerechtigkeit ist das Minimum, das wir einem anderen schulden und was wir tun müssen. Die Barmherzigkeit geht weit darüber hinaus, aber sie unterbietet in keinem Fall die Gerechtigkeit, im Gegenteil. Die Barmherzigkeit öffnet mir die Augen für neue Situationen, die vielleicht unter Gesichtspunkten der Gerechtigkeit gar nicht berücksichtigt sind.“

RV: Schauen wir auf eine biblische Geschichte, das Gleichnis vom barmherzigen Vater. Da gibt es die Perspektive des älteren Bruders, in der sich viele wieder finden. Er tut immer das, was verlangt wird, trotzdem bekommt der andere eine Vorzugsbehandlung. Da steckt doch etwas von der Spannung Barmherzigkeit – Gerechtigkeit drin.

Kasper: „Ja, das steckt etwas von der Spannung drin und leider denken auch viele Christen so. Trotzdem: keiner kann von sich sagen, dass er gerecht sei und sündlos ist. Jeder ist auf die Barmherzigkeit angewiesen. Und das ist ja auch das Schöne und Große am Christsein, die Botschaft „du darfst neu anfangen“, immer haben wir bei Gott eine Chance.“

RV: Die Gerechtigkeit hat aber schon noch ihren Wert, sie ist nicht nur noch eine Rückfallposition?

Kasper: „Die Gerechtigkeit ist grundlegend. Eine Barmherzigkeit, die gegen die Gerechtigkeit verstoßen würde, wäre eine Pseudogerechtigkeit.“

„Jesus ist ein gerechter Richter. Aber der gerechte Richter, der für mich gestorben ist.“

RV: Ist es nicht auch etwas die Flucht vor der gerechten Strafe, wenn ich gleich an die Barmherzigkeit appelliere?

Kasper: „Vor der gerechten Strafe kann man nicht fliehen, aber Gott sei dank dürfen wir darauf vertrauen, dass am Schluss Gottes Barmherzigkeit siegt. Jesus ist nach unserer Vorstellung ein gerechter Richter, aber er ist der gerechte Richter, der für mich gestorben ist. Deswegen zählen am Ende die Werke der Barmherzigkeit, das, was wir anderen getan haben, nach der Gerichtsrede Jesu. Alles, was wir anderen getan haben, haben wir Jesus getan, er erkennt uns sozusagen am Schluss wieder als diejenigen, die ihm Gutes getan haben. Ich denke, man sollte die frohe Botschaft sehen und nicht neidisch sein, wenn Gott in seiner Barmherzigkeit größer ist. Wir sind darauf angewiesen.“

RV: Jeden Tag betet die Kirche die Psalmen und darin wird oft um Hilfe und Beistand gerufen. Mir scheint, dass wenn der Beter selber Opfer ist, wenn ihm also was angetan oder gedroht wurde, dann betet der Psalm „verschaffe mir Gerechtigkeit, O Herr“. Wenn der Beter aber selber Täter ist, Sünder, dann appelliert der Psalm an die Barmherzigkeit. Da ist die Psalmensprache schon ein wenig verräterisch, der eine scheint Vergeltung zu wollen, der andere will irgendwie aus der Schusslinie.

Kasper: „Da ist eine Spannung drin, aber die geht ja bei Jesus bis zur Feindesliebe. Schon Siegmund Freud sagt, dass das absurd ist, dass könne man gar nicht, den Feind lieben. Aber wie ich von Gott erwarte, dass er mir eine Chance gibt, so muss ich auch dem anderen eine Chance geben, so dass wir gemeinsam eine Zukunft und Hoffnung haben können. Sonst bewegen wir uns in einem Teufelskreis von Tun und Rache und wieder Rache. Das ist keine absurde Botschaft, wie Freud sagt, sondern es ist eine sehr vernünftige Botschaft mit diesem Kreislauf der Gewalt und sich gegenseitig eine Chance zuzubilligen.“

RV: Franziskus spricht oft von Barmherzigkeit, das wird jetzt aber auch von ihm verlangt. Etwa beim synodalen Prozess, wenn in Bezug auf zum Beispiel wiederverheiratete Geschiedene verlangt wird, dass die Kirche hier jetzt barmherzig sein müsse. Kann man Barmherzigkeit so einklagen?

Kasper: „Nein, einklagen kann man Barmherzigkeit natürlich nicht, das ist eine freie Zuwendung. Man kann es nicht einklagen, man muss aber selber etwas dafür tun. Bei den wiederverheirateten Geschiedenen ist eine Bußzeit notwendig, das muss geklärt werden, da muss aufgearbeitet werden, und dann ist in bestimmten einzelnen Fällen eine Wiederzulassung denkbar und möglich, jedenfalls sag das eine Mehrheit der Synode so.

Das ist keine einklagbare Sache, Barmherzigkeit von Gott her setzt natürlich voraus, dass ich nach Barmherzigkeit rufe. Das heißt auch, dass ich anerkenne, dass ich gesündigt habe und dass ich schuldig geworden bin. Sonst würde Gott mir ja seine Barmherzigkeit aufzwingen. Es ist auch ein Werk seiner Barmherzigkeit, dass er meine Freiheit Ernst nimmt. Die Bekehrung und Umkehr, die ja selbst wieder Gnade ist, ist voraus gesetzt.“

RV: Wenn man heute Theologie studiert oder Debatten etwa um die ökumenische gemeinsame Erklärung verfolgt, dann begegnet man Begriffen wie ‚Rechtfertigung’, ‚wie bekomme ich einen gerechten Gott?’ Martin Luthers, und so weiter. Wie bekommen wir denn nun die Barmherzigkeit in die Theologie hinein?

Kasper: „Es war ja die große Wiederentdeckung Luthers, dass die Gerechtigkeit Gottes keine passive, strafende ist sondern eine aktive, dass er uns „gerecht macht“, er befreit uns. Insofern ist in der Rechtfertigungslehre, wie wir sie etwa mit den Lutheranern gemeinsam entdeckt haben und bezeugen, eine Barmherzigkeits-Theologie im Hintergrund.“

„Die Theologie der letzten Jahrzehnte hatte die Barmherzigkeit ziemlich vergessen“

RV: Also kümmert sich Ihrer Meinung nach die Theologie heute angemessen um die Barmherzigkeit?

Kasper: „Ja gut, die Theologie der letzten Jahrzehnte hat sie ziemlich vergessen gehabt, das muss man zugeben; das ergibt sich ja auch, wenn man die Lehrbücher durchgeht. Das aber im Unterschied zur Volksfrömmigkeit oder der Liturgie. Die Theologie hat sie vernachlässigt und vergessen, und deshalb gab es auch eine gewisse Verwunderung, dass der Papst sie jetzt sozusagen wieder hervorholt und dadurch das Zentrum der Botschaft Jesu wieder ins Bewusstsein rückt.“

RV: Gilt das auch für Ihre eigene Theologie?

Kasper: „Ich muss gestehen, dass ich beim Schreiben meines Buches über die Barmherzigkeit noch mal gelesen habe, was ich selber geschrieben habe, und da kommt die Barmherzigkeit auch kaum vor. Das ist wahr, ich habe sie also auch übersehen! Das war in den letzten Jahrzehnten nicht drin, und es ist wichtig, dass das jetzt wieder zum Vorschein kommt.“ (rv)

Auch ein deutsches Ehepaar reist zur Synode

Kardinal Walter KasperDer Vatikan hat die offizielle Teilnehmerliste der kommenden Bischofssynode veröffentlicht. Neben den Vertreter aller Bischofskonferenzen und Ostkirchen sowie Gästen anderer Konfessionen wurden auch die von Papst Franziskus direkt berufenen Vertreter bekannt. Unter ihnen ist wie bereits bei der Synode im vergangenen Jahr der deutsche Kurienkardinal und emeritierte Präsident des vatikanischen Ökumene-Rates, Kardinal Walter Kasper; er hatte 2014 mit einem Grundsatzreferat über Ehe und Familie den synodalen Prozess zu diesem Themenkreis eröffnet.

Weitere Vertreter aus dem deutschen Sprachraum sind – von der Deutschen Bischofskonferenz – Kardinal Reinhard Marx (München-Freising), Heiner Koch (Berlin) und Franz-Joseph Bode (Osnabrück). Aus Österreich kommen der Bischof von Feldkirch, Benno Elbs, sowie Kardinal Christoph Schönborn von Wien, der als einer von 45 vom Papst Ernannten zur Synode reist. Überdies nimmt mit dem serbisch-orthodoxen Bischof Andrej Cilerdzic ein dritter Österreicher an der Synode teil. Er wird auf der Teilnehmerliste unter den Ökumene-Vertretern aus Schwesterkirchen genannt. Aus der Schweiz wird der Bischof von Sitten, Jean-Marie Lovey, dabei sein. Unter den Ordensvertretern findet sich der Erzabt von St. Ottilien, Jeremias Schröder, auf der Synodenliste.

Neben den Geistlichen und Geweihten gibt es auch einige Ehepaare, die – wie bei der vergangenen Synode vom Oktober 2014 – an der kommenden Synode teilnehmen und ihre Erfahrungen und Zeugnisse einbringen werden. Aus Deutschland wird das Ehepaar Petra und Alois Johann Buch aus Aachen sprechen. Petra Buch ist in der diözesanen Familienseelsorge tätig. Ihr Mann wirkt als Professor für Moraltheologie beim Interdiözesanen Priesterseminar St. Lambert und ist Ständiger Diakon der Diözese Aachen.

Eine weitere deutsche Stimme bei der Synode wird der Gast der evangelischen Kirche sein: Es handelt sich um Thomas Schirrmacher. Er ist Präsident der theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz. (rv)

Kasper: „Höhere Gerechtigkeit“ für Wiederverheiratete

Kardinal Walter Kasper„Die Frage der Zulassung der wiederverheiratet Geschiedenen zu den Sakramenten ist kein neues und kein nur deutsches Problem.“ Das schreibt Kardinal Walter Kasper in einem Aufsatz, den die Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ an diesem Donnerstag veröffentlicht hat. Der frühere Leiter des vatikanischen Ökumenerates widerspricht dem Eindruck, dass diese Frage der Wiederverheirateten im Mosaik der kirchlichen Ehe- und Familienpastoral nur ein ganz kleines Steinchen wäre.

„Die Diskussion um diese Frage wird international seit Jahrzehnten geführt“, schreibt Kasper: Auch Johannes Paul II. habe schon „von einer schwierigen und kaum lösbaren Frage“ gesprochen. Das „Problem so vieler Gläubigen“ brenne „vielen Seelsorgern und Beichtvätern, Theologen und Bischöfen auf der Seele“. Kasper wörtlich: „Es war darum zu erwarten, dass die Frage im Vorfeld und während der Außerordentlichen Bischofssynode 2014 neu aufgeflammt ist und kontrovers diskutiert wurde“. Die bevorstehende Ordentliche Bischofssynode vom Herbst 2015 solle diese Frage nun „abschließend beraten und sie dem Papst zur Entscheidung vorlegen“, so Kasper.

„Schmerzlicher, aber heilsamer Prozess der Klärung“

Was den kirchlichen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen betrifft, geht Kardinal Kasper zunächst auf die geistliche Kommunion ein, die ihnen – anders als die Kommunion von Brot und Wein – auch nach heutigem Kirchenrecht erlaubt bleibt. Doch Kasper gibt zu bedenken, dass die geistliche Kommunion „keine alternative Form zur sakramentalen Kommunion“ sei, „sondern wesentlich auf die sakramentale Kommunion bezogen“. Das mache „die Anwendung auf die Situation der wiederverheiratet Geschiedenen problematisch“ und führe letztlich „in eine theologische Sackgasse“. Ähnlich skeptisch äußert er sich über Anleihen aus der Praxis der orthodoxen Kirchen.

Stattdessen wirbt er „für eine Erneuerung der via paenitentialis“ der alten Kirche. „Gemeint ist nicht die Ableistung von Bußauflagen, sondern der schmerzliche, aber heilsame Prozess der Klärung und der Neuausrichtung nach der Katastrophe einer Scheidung, der in einem geduldig hinhörenden und klärenden Gesprächsprozess von einem erfahrenen Beichtvater begleitet wird“, so Kasper. Dieser Prozess solle „bei dem Betroffenen zu einem ehrlichen Urteil über seine persönliche Situation führen, in dem auch der Beichtvater zu einem geistlichen Urteil kommt, um von der Vollmacht zu binden und zu lösen in einer der jeweiligen Situation angemessenen Weise Gebrauch machen zu können“. Das geschehe „in schwerwiegenden Fragen nach alter kirchlicher Praxis unter der Autorität des Bischofs“. Der Kardinal betont, bei dieser Binde-und-Löse-Vollmacht gehe es keineswegs um eine „billige Pseudogerechtigkeit“ oder eine „Außerkraftsetzung des Rechts“, „sondern um die höhere Gerechtigkeit“.

Natürlich bedeute sein Vorschlag auch keineswegs „eine Vergebung ohne Umkehr“, beteuert Kardinal Kasper: „Das wäre in der Tat theologischer Unsinn.“ Der oder die Beichtende müsse „Reue und den Willen“ zeigen, „in der neuen Situation nach besten Kräften gemäß dem Evangelium zu leben“. Kasper fährt fort: „Gerechtfertigt wird in der Lossprechung nicht die Sünde, sondern der umkehrwillige Sünder. Die sakramentale Kommunion, zu der die Lossprechung wieder berechtigt, soll dem Menschen in einer schwierigen Situation die Kraft geben, um auf dem neuen Weg durchzuhalten. Gerade Christen in schwierigen Situationen sind auf diese Kraftquelle angewiesen“. Eine solche „Erneuerung der kirchlichen Bußpraxis“ könnte nach Kaspers Dafürhalten „über den Bereich der wiederverheiratet Geschiedenen hinaus Signalwirkung haben für die notwendige Erneuerung der in der gegenwärtigen Kirche in beklagenswerter Weise so darniederliegenden kirchlichen Bußpraxis“.

Unauflöslichkeit „nicht fundamentalistisch auslegen“

Der emeritierte deutsche Kurienkardinal hatte im Frühjahr 2014 den synodalen Prozess zur Neuordnung der Ehe- und Familienseelsorge auf die Bitte von Papst Franziskus hin mit einem Grundlagen-Vortrag eröffnet. In diesem Text mit dem Titel „Das Evangelium von der Familie“ wurde die Frage des kirchlichen Umgangs mit wiederverheirateten Geschiedenen bereits angesprochen. Vorschläge Kaspers stießen bei einem Teil der Synodenväter im Oktober 2014 auf deutlichen Widerspruch.

In dem an diesem Donnerstag erschienenen Aufsatz nun betont der Kardinal mit Blick auf die Ehe: „Grundlegend ist das Wort Jesu, dass der Mensch nicht trennen darf, was Gott verbunden hat.“ Das sei schon zur Zeit Jesu selbst „anstößig“ gewesen. „So wenig wie damals dürfen wir heute das Wort Jesu durch Anpassung an die Situation entschärfen.“ Allerdings dürfe es auch „nicht fundamentalistisch ausgelegt werden“. Kasper schreibt wörtlich: „Es gilt seine Grenze wie die Weite auszuloten, es im Ganzen der Botschaft Jesu zu verstehen und ihm treu zu bleiben, ohne es zu überdehnen.“ Schon in der Urkirche habe es daher durchaus eine „flexible pastorale Praxis mancher Ortsgemeinden“ gegeben.

Der Bund kann auch scheitern

Das Zweite Vatikanische Konzil habe die Ehe unter Berufung auf den Epheserbrief „als sakramentales Abbild des Bundesverhältnisses von Christus und der Kirche gedeutet“. Das sei „eine großartige und überzeugende Konzeption“, urteilt Kasper. „Sie darf jedoch nicht zu einer lebensfremden Idealisierung führen.“ Die christliche Ehe sei „ein großes Geheimnis in Bezug auf Christus und die Kirche“, könne dieses Geheimnis aber „im Leben nie ganz, sondern immer nur gebrochen verwirklichen“. Das könne bis zum Scheitern der Ehe gehen; Scheitern gehöre übrigens „auch zur biblischen Theologie des Bundes“, wie etwa im Buch Hosea deutlich werde. „Eine realistische Theologie der Ehe muss dieses Scheitern ebenso wie die Möglichkeit der Vergebung bedenken“, so Kasper. Auch im menschlichen Scheitern bleibe „die Verheißung der Treue und des Erbarmens Gottes bestehen“.

„In diesem Sinn wird die Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe neu aktuell“, fährt der Kardinal fort: „Sie ist kein bloßes Ideal. Gottes Ja-Wort bleibt bestehen, auch wenn das menschliche Ja-Wort schwach oder gar gebrochen wird… Das von Gott selbst geknüpfte Eheband zerbricht nicht, auch wenn die menschliche Liebe schwächer wird oder gar ganz erlischt.“ Auf Gottes Barmherzigkeit sei „Verlass, wenn nur wir uns auf sie verlassen“. (rv)

Zwei Jahre Papst Franziskus: Das Gesicht der Kirche ändern

Kardinal Walter KasperFrischer Wind, Zuversicht, neue Hoffnung: alles Dinge, die Papst Franziskus in die Kirche gebracht hat. So charakterisiert Kardinal Walter Kasper die zwei Jahre, die seit der Wahl Jorge Mario Bergoglios zum Papst vergangen sind. An diesem Freitag jährt sich das Konklave zum zweiten Mal. Franziskus habe eine Wende verursacht, denn aufgrund von Vatileaks und den Missbrauchsskandalen habe zuvor eine gedrückte Stimmung geherrscht. „Auffallend und erfreulich ist auch, dass er weit über die katholische Kirche hinaus Achtung und Gehör findet," so Kardinal Kasper im Interview mit Radio Vatikan. Darüber hinaus habe der Papst eine ganze Reihe von Reformen mindestens eingeleitet, Kasper nennt vor allem die Reform der Finanzinstitutionen, die schon weit gediehen sei . Außerdem wolle der Papst die Bischofssynode hervorheben und habe einen synodalen Prozess – den zum Thema Familie – begonnen. „Es ist vieles in Bewegung geraten, und ich denke, dass wir diese Bewegung brauchen. Wenn man stehen bleibt, schläft man ein", so Kasper. Bei all dem sei vor allem das umgesetzt worden, was im Vorkonklave vor über zwei Jahren dem zu wählenden Papst aufgetragen worden sei, nämlich ein mehr pastorales Selbstverständnis vor allem in die Kurie zu bringen.

„Das Entscheidende aber ist: Alle diese äußeren Reformen, so wichtig sie auch sind, setzen eine Mentalitätsreform, eine innere Erneuerung voraus, sonst versanden sie und werden unfruchtbar. Daran arbeitet er vor allem." Deswegen habe er – Kasper – auch die Ansprache des Papstes an die Kurie, in der von fünfzehn Krankheiten die Rede war, als eine Art Exerzitienvortrag zur eigenen Gewissenserforschung verstanden. „Ich denke, dass er [Papst Franziskus] es auch selber so empfunden hat."

Ein radikaler Papst

Vor einigen Wochen hat Kardinal Kasper ein Buch veröffentlicht, in dem er den theologischen und geistlichen Wurzeln Papst Franziskus nachgeht. Er betont dort, dass der Papst nicht in unser „angestaubtes Bild von progressiv und konservativ" hineinpasse. „Das ist ein in der westlichen Welt aufgekommenes Schema, das in den Modernisierungsdiskurs hinein gehört. (…) Ich würde ihn als einen radikalen Papst im ursprünglichen Sinn des Wortes verstehen, der zurück geht auf das Evangelium, die „radix", die Wurzel." Damit stelle er sich in die Tradition der großen christlichen Reformbewegungen. „Das Evangelium ernst nehmen und von da her Zukunft für die Kirche wecken", das sei der Weg, den Papst Franziskus der Kirche weise, so Kardinal Kasper.

Ein zentraler Begriff dazu sei der der Bekehrung, der häufig etwa im programmatischen Papstschreiben Evangelii Gaudium falle, auch wenn er da als „Neuausrichtung" übersetzt werde. Im Original sei aber „Bekehrung" gemeint, urteilt der deutsche Kurienkardinal. Papst Franziskus wolle eine solche Bekehrung – und spreche deswegen auch von der „Bekehrung des Papsttums".

Bei alldem setze der Papst aber vor allem fort, was seine Vorgänger begonnen hätten: Kardinal Kasper sieht keinen Bruch, auch nicht zwischen Franziskus und dem emeritierten Papst Benedikt. Der Kardinal nennt als Beispiel die Barmherzigkeit, einen der wichtigsten Begriffe des Papstes. Das gehe schon auf Papst Johannes XXIII. zurück; wichtig sei auch das geworden, was Johannes Paul II. dazu gesagt habe, und natürlich die Enzyklika Deus Caritas Est von Benedikt XVI. – all diese Akzente fänden sich nun auch bei Papst Franziskus. „In der Persönlichkeit, im Stil gibt es einen großen Unterschied, Benedikt vertritt die klassische europäische Tradition auf einem sehr hohen Niveau, Papst Franziskus kommt von der südlichen Halbkugel und ist von daher geprägt; das sind natürlich Unterschiede, die man auch nicht übergehen darf. Aber es sind Ansätze in der Methode und im Zugang, nicht in den Glaubenswahrheiten."

Wie geht es weiter mit Papst Franziskus?

„Der Papst wird weiter sein Programm abarbeiten," zeigt sich Kardinal Kasper überzeugt. „Aber was er in Evangelii Gaudium aufgestellt hat, ist ein Jahrhundertprogramm, das kann kein Papst innerhalb seiner Amtszeit abarbeiten. Sein Prinzip ist es, nicht so sehr Positionen zu besetzen als Prozesse einzuleiten, die dann nicht mehr umkehrbar sind. Das ist seine Intention." Das habe durchaus praktische Auswirkungen, wie man etwa bei den Kardinalsernennungen sehen könne: „Er will das Gesicht der Kirche verändern – nicht das Wesen – und eine neue Richtung geben." Dazu gehöre das Wahrnehmen der sozialen Probleme heute; so sei die Mehrzahl der Christen heute arm, während wir in Europa insgesamt eher in einer Überflussgesellschaft lebten. Franziskus sei also die Stimme derer, die bisher relativ wenig zu Wort gekommen seien.

Von der Synode erhoffe er sich eine gewisse Öffnung in Ehe- und Familienfragen, so Kasper. Das sei es auch, was viele praktizierende Laien von der Kirche erwarteten. Wie das genau aussehen werde, wisse er aber nicht.

Das Buch von Kardinal Walter Kasper heißt: Papst Franziskus – Revolution der Zärtlichkeit und der Liebe, Theologische Wurzeln und pastorale Perspektiven. Es ist im Verlag Katholisches Bibelwerk erschienen. (rv)

Kardinal Kasper: „Mir Rassismus vorzuwerfen, ist abwegig“

Kardinal Walter Kasper„Es ist selbstverständlich, dass südliche Kirchen sich zu Wort melden und Einfluss nehmen.“ Mit diesen Worten reagiert Kardinal Walter Kasper auf den Vorwurf, er habe sich am Rand der Synode zu Ehe und Familie in rassistischer Weise über afrikanische Ortskirchen geäußert. Der emeritierte deutsche Kurienkardinal hatte am Dienstagabend mit drei Journalisten gesprochen, die vor der Synodenaula auf ihn warteten. Dabei kam die Rede unter anderem auf die Frage, wie afrikanische Bischöfe mit Homosexualität umgehen. „Das ist dort ein Tabu“, sagte Kasper, während andere Ortskirchen sich darum bemühten, Homosexuelle nicht zu diskriminieren. Kasper sagte weiter, es müsse „Raum für örtliche Bischofskonferenzen geben, ihre Probleme zu lösen, aber über Afrika kann ich nichts sagen. Aber sie sollten uns nicht zu sehr sagen, was wir zu tun haben.“ Pater Bernd Hagenkord sprach mit Kardinal Kasper.

„Das war ein zufälliges Gespräch, das ich geführt habe, gar kein Interview, es wurde heimlich aufgenommen. Es liegt mir natürlich jeder Rassismus völlig fern. Ich war in 15 Ländern in Afrika, in manchen mehrfach, und habe mich sehr für die Entwicklung in Afrika eingesetzt , auch finanziell und wirtschaftlich, in jeder Hinsicht. Mir Rassismus vorzuwerfen ist völlig abwegig. Das entspricht in keiner Weise meinem Denken. Ich würde sagen, in Afrika hat man eine etwas andere Kultur, was ja unbestreitbar ist. Und dass wir uns nicht einmischen in Afrika und es natürlich für die Afrikaner schwierig ist, unsere Situation zu beurteilen. Aber doch in keiner Weise würde ich sagen, dass die Afrikaner hier nichts zu melden hätten, das ist ja völlig unsinnig, das wäre gegen jede Kollegialität, die mir sehr am Herzen liegt. Ich bin mit sehr vielen afrikanischen Bischöfen befreundet. Diese ganze Sache ist gemacht worden, es hat mit meiner Überzeugung, mit dem, was ich wirklich gesagt habe, nichts zu tun. Da ist ein Halbsatz oder zwei Sätze herausgezogen worden aus einem längeren Geplauder, das ich hatte und das heimlich aufgezeichnet wurde und dann hochgespielt worden ist.“

Die Afrikaner spielen hier (bei der Synode) eine große Rolle. Man hört sie häufig und auch zu wichtigen Punkten, sie werden ernstgenommen, sie spielen eine große Rolle, nicht?

„Nirgends ist die Kirche im letzten Jahrhundert so sehr gewachsen wie in Afrika. Sie haben recht, so aufzutreten. Ich habe an vielen Gottesdiensten in Afrika teilgenommen und habe selber welche gefeiert, das ist jedes Mal ein Erlebnis: da ist lebendiger Glaube in Afrika. Da lebt das Christentum, mehr zum Teil als bei uns in Europa. Und so haben die Afrikaner allen Grund, hier mit Selbstbewusstsein aufzutreten und ihre Stimme zu erheben. Sie sind ein wichtiger Teil der Kirche geworden, überhaupt: zwei Drittel der Katholiken leben heute in der südlichen Heimsphäre, während in Europa nur noch knapp 25 Prozent leben. Das muss uns klar sein. Und es ist selbstverständlich, dass diese Kirchen sich zu Wort melden und Einfluss nehmen, und das neue Pontifikat ist ein Zeichen dafür, dass ein Papst aus der anderen Hälfte der Welt sozusagen kommt und Haupt der universalen Kirche wird. Das zeigt, man nimmt das ernst, die südliche Hemisphäre, und das wird sicher noch so weiter gehen.“ (rv)

Kardinal Kasper: „Pastorale Herausforderung, nicht Krieg um Lehrmeinungen“

Kardinal Walter KasperKardinal Walter Kasper sieht der bevorstehenden Bischofssynode zum Thema Familienpastoral mit Gelassenheit und Zuversicht entgegen. Auf Polemik wolle er sich nicht einlassen, betonte der emeritierte Kurienkardinal im Gespräch mit Radio Vatikan. In wenigen Tagen soll ein Buch mit Texten von fünf Kardinälen erscheinen, die am Ausschluss von wiederverheirateten Geschiedenen von der Kommunion festhalten wollen. Kardinal Kasper stellt dagegen offen die Frage, ob und unter welchen Bedingungen die katholische Kirche im Einzelfall solche Menschen wieder zu den Sakramenten zulassen kann. Die Texte der Kardinäle Gerhard Ludwig Müller, Walter Brandmüller, Carlo Caffarra, Velasio de Paolis und Raymond L. Burke sind bereits andernorts früher erschienen. Gudrun Sailer sprach mit Kardinal Kasper.

„Natürlich hat jeder das Recht, öffentlich seine Meinung zu sagen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Ich habe mich aber gewundert, dass nun die ganze Synode auf einen einzigen Punkt reduziert wird. Es geht um die pastoralen Herausforderungen im Zusammenhang der Neuevangelisierung. Das ist doch viel weiter gesteckt. Es ist eine Insiderproblematik, die hier ins Zentrum gestellt wird. Es geht darum, überhaupt wieder sprachfähig zu werden und über die Schönheit und das christliche Verständnis von Familie zu reden, was heute viele nicht mehr verstehen – es geht um viel grundsätzlichere Probleme als nur dieses. Und zum Zweiten: was ist das für ein Verständnis des Evangeliums – das ist die Frohe Botschaft. Daraus darf man doch keinen Codex von Rechtsvorschriften allein machen und dann sagen, jetzt darf nicht mehr diskutiert werden über diesen Punkt. Damit wird die Synode ja zur Farce. Es hat niemand das Recht, von vornherein zu sagen, was geht und nicht geht. Der Papst will eine offene Debatte, und die soll man führen. Dann in der Synode sehr ruhig im gegenseitigen Aufeinander hören, einer Atmosphäre des Gebets, und dann zum Wohl der Gläubigen heute am Schluss eine Entscheidung fällen. Ich trete in eine Polemik überhaupt nicht ein.“

Die Sorge um die katholische Lehre ist eine zentrale Sorge des Heiligen Stuhles. Können Sie vor diesem Hintergrund Verständnis dafür aufbringen, dass sich in Rom Widerstand regt gegen eine pastoral orientierte Fortentwicklung der Lehre?

„Zweifellos ist die Familie die Zelle der Gesellschaft und die Zelle des kirchlichen Lebens. In der Familie, Ehe und Familie, da kommt Leben und Glauben am engsten zusammen. Es ist eine vitale Lebenswirklichkeit, die zur Ehre eines Sakraments erhoben worden ist. Insofern ist es eine ganz vitale und zentrale Frage für die Kirche, für Ehe und Familie da sein und da Lösungen anzubieten in der Krise, die es heute gibt. Es geht um diese pastoralen Herausforderungen, das ist das Thema der Synode, nicht ein Krieg um Lehrmeinungen. Natürlich, eine Pastoral kann nicht ohne Orientierung an der Wahrheit sein. Aber die Wahrheit ist kein abstraktes System, sondern die Wahrheit ist letztlich Jesus Christus in Person, und wir müssen den Menschen Christus nahebringen. In diesem Sinn muss die Synode an der Wahrheit orientiert sein und Tradition als lebendig sprudelnden Quell und nicht als starres System verstehen.“

Sie beschäftigen sich als Dogmatiker schon seit Jahrzehnten mit dieser Frage. Im Konsistorium vor den Kardinälen haben Sie einen möglichen Weg aufgezeigt, wie man für diese konkrete Situation in Einzelfällen zu einer Lösung kommen kann. Können Sie uns das zusammenfassen: unter welchen Bedingungen und Voraussetzungen wäre es eventuell möglich, wiederverheiratete Geschiedene trotz der Unauflösbarkeit der Ehe zur Kommunion zuzulassen?

„Ich habe eine Frage gestellt, nicht einfach eine Lösung gegeben. Und die Frage habe ich gestellt in Abstimmung mit dem Papst. Darauf lege ich großen Wert. Ich habe gefragt: Wenn eine Ehe gescheitert ist, und leider Gottes scheitern eben heutzutage sehr viele Ehen aus vielfältigen Gründen, dann wird man zunächst alles tun, um das wiederherzustellen. Aber wenn ein Weg zurück nicht möglich ist, wenn jemand eine neue Partnerschaft eingegangen ist, die menschlich gesprochen glücklich ist, gelingt und christlich gelebt wird, wenn da Kinder da sind, dann kann man diese zweite Partnerschaft ja nicht aufgeben ohne neue Schuld. Also muss man sehen, in welcher Weise Gott da eine neue Chance gibt – und Gott tut das. Das ist seine Barmherzigkeit, dass er niemanden fallen lässt, der guten Willens ist. Und jeder tut in seiner Situation, was er tun kann. Und da meine ich, das müsste im Einzelfall pastoral geklärt werden nach einer Zeit der Neuorientierung, man nennt das ,Via poenitentialis‘ – aber die Leute leiden ohnehin genug selber, da braucht man nicht noch große Bußwerke aufzuerlegen. Aber eine Neuorientierung ist notwendig. Dann soll das eine das Sakrament der Buße sein – das ist ja dafür da -, und das Sakrament der Buße bedeutet auch wieder die Zulassung zur Eucharistie. Aber wie gesagt, das ist nicht die Lösung für alle Fälle, vermutlich nur für eine Minderheit von Menschen, die in unseren Gemeinden leben, die darunter leiden und die ein ehrliches Bedürfnis haben nach den Sakramenten, die die Sakramente dringend brauchen, um ihre schwierige Situation zu bewältigen.“

Wie hoch sehen Sie heute die Wahrscheinlichkeit, dass in die Frage des Sakramentenempfangs für die wiederverheirateten Geschiedenen Bewegung kommt?

„Ich bin kein Prophet und kann und will es gar nicht festlegen, was bei der Synode herauskommt. Wir werden jetzt im Oktober zunächst den Status Quaestionis [Stand der Frage, Anm.] festlegen. Die Fragen sind ja auch sehr unterschiedlich in den verschiedenen Kontinenten und Kulturen, es gibt nicht unsere westeuropäischen Probleme ganz allein, es gibt auch andere. Das muss man ein wenig ordnen und bündeln, und dann ist ein ganzes Jahr Zeit, um diese Fragen in den Diözesen, in den Bischofskonferenzen, in den Pfarreien zu besprechen und zu bedenken, und dann wird in einem Jahr darüber entschieden, die Mehrheit der Synode in Gemeinschaft mit dem Papst. Ich sehe dem mit großem Vertrauen entgegen, dass eine Lösung gefunden wird, der die große Mehrheit dann zustimmen wird, die dann der Botschaft des Evangeliums gerecht wird, aber die Botschaft des Evangeliums unter den Bedingungen der Zeichen der Zeit heute zur Geltung bringt, sodass es ein Evangelium der Freude sein wird.“

Wie sehen Sie diese Synode im Lauf des Pontifikates eingeschrieben? Franziskus ist seit eineinhalb Jahren im Amt, und diese Synode wird mit großer Spannung erwartet. Wie sehen Sie diesen Bogen?

„Sicher wird der Papst auch an dieser Synode gemessen werden, denn er will ja das Evangelium den Menschen heute sagen und hat auch das Charisma dafür, das zu tun. Man wird ihn daran messen. Ich habe keine Sorge, dass er diese Probe sozusagen nicht bestehen wird. Es wird eine sehr wichtige Synode sein in diesem Pontifikat, aber es geht nicht nur um dieses Pontifikat, sondern es geht um die Kirche und um die Zukunftsfähigkeit der Kirche, und die entscheidet sich weitgehend in der Familie. In der Familie lernen wir die Sprache, man spricht von der Muttersprache, da wird man eingeführt in die Kultur, in die grundlegenden Werte. Ich selber habe den Glauben nicht gelernt, weil ich Enzykliken gelesen habe, sondern meine Mutter – der Vater war Soldat damals im Krieg – hat mir das beigebracht, man hat das Beten und das christliche Leben in der Familie gelernt, und dazu müssen wir zurückkommen und die Familie zur Kirche im Kleinen, zur Hauskirche machen, wo das christliche Leben wachsen, reifen kann, gerade in einer zunehmenden Diaspora-Situation, wie wir sie bei uns haben, brauchen wir das dringend. Ich denke, das ist wirklich ein Zukunftsprojekt, das bei dieser Synode im Zusammenhang der Neuevangelisierung unternommen wird und dafür brauchen wir auch das Gebet sehr vieler Gläubiger.“ (rv)

Vortrag von Kardinal Kasper zu Ehe und Familie veröffentlicht

Kardinal Walter Kasper„Bibel, Eros und Familie“: Unter diesem Titel veröffentlicht die italienische Tageszeitung Il Foglio an diesem Samstag den kompletten Konsistoriums-Text von Kardinal Walter Kasper. Der deutsche Kurienkardinal hatte am Donnerstag letzter Woche bei Kardinalsberatungen mit dem Papst hinter verschlossenen Türen die Auftakt-Rede gehalten; bei den Beratungen ging es um einen Neuentwurf der kirchlichen Ehe- und Familienseelsorge. Während Papst Franziskus Kaspers Text lobte, rief der Vortrag unter den Kardinälen dem Vernehmen nach zahlreiche Wortmeldungen, auch Widerspruch hervor. Am Montag will die Frankfurter Allgemeine Zeitung eine deutsche Fassung von Kardinal Kaspers Referat publizieren. Es ist sozusagen der Grundlagentext (Kasper selbst spricht von „Ouvertüre“) für die Debatte über Ehe und Familie, die auf vatikanischen Bischofssynoden im Herbst 2014 sowie 2015 geführt werden soll. Was hat Kasper eigentlich gesagt? Unsere Übersicht dazu geht von der italienischen Fassung der Zeitung Il Foglio aus.

„Die Familie macht eine tiefe kulturelle Krise durch“ – dieses Zitat aus dem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ (Nr. 66) von Papst Franziskus steht am Anfang von Kaspers Überlegungen. „Individualismus und Konsumismus stellen die traditionelle Kultur der Familie in Frage, die wirtschaftlichen und Arbeitsbedingungen machen Zusammenleben und Zusammenhalten innerhalb der Familie oft schwierig.“ Darum steige die Zahl derer, „die Angst davor haben, eine Familie zu gründen, oder bei diesem Projekt scheitern, dramatisch an, ebenso wie die Zahl der Kinder, die nicht das Glück haben, in einer geregelten Familie aufzuwachsen“.

„Wir müssen ehrlich sein“

Diese Lage fordere die Kirche, welche Freud und Leid der Menschen teile, heraus. Die Familie sei, wie Johannes Paul II. formuliert habe, „der Weg der Kirche“, und „in allen Kulturen der Geschichte der Menschheit ist die Familie der normale Weg des Menschen“, so Kardinal Kasper. „Auch heute suchen viele junge Leute das Glück in einer stabilen Familie. Wir müssen allerdings ehrlich sein und zugeben, dass sich zwischen der Lehre der Kirche zu Ehe und Familie und den gelebten Überzeugungen vieler Christen ein Abgrund aufgetan hat. Die Lehre der Kirche scheint heute vielen Christen weit von der Realität und weit vom Leben entfernt.“ Und das, obwohl viele Familien („eine Minderheit, doch eine bemerkenswerte Minderheit“) durchaus ihr Bestes gäben, „um den Glauben der Kirche zu leben“.

Schon in den ersten Jahrhunderten der christlichen Ära sei die Kirche „Ehe- und Familiemodellen konfrontiert gewesen, die sehr anders waren als die, welche Jesus predigte“. Heute könne es der Kirche nicht um „ein liberales Anpassen an den Status quo“ gehen, sondern um eine „radikale Position, die an die Wurzeln geht, also an das Evangelium, und von dort aus nach vorne sieht“. Die kirchliche Lehre zu Ehe und Familie sei nicht statisch, sondern werde immer wieder neu vom Evangelium und der „Glaubenserfahrung des Volkes Gottes aller Jahrhunderte“ am Leben gehalten. „Sie ist eine lebendige Tradition, die heute, wie schon viele andere Male im Lauf der Geschichte, an einen kritischen Punkt gekommen ist und die … fortgeschrieben und vertieft werden sollte.“ Das Evangelium sei „kein juridischer Kodex“, und dementsprechend wolle auch das „Evangelium der Familie keine Belastung sein“, sondern „eine frohe Botschaft, Licht und Kraft des Lebens in der Familie“.

Gretchenfrage: „Wie steht es um den Glauben?“

Kardinal Kasper betont, dass die Sakramente „Sakramente des Glaubens“ seien, das bedeute: „Auch das Ehesakrament kann nur im Glauben wirksam werden und gelebt werden.“ „Die entscheidende Frage lautet: Wie steht es um den Glauben der zukünftigen Eheleute und Ehepartner? In den Ländern alter christlicher Kultur beobachten wir heute den Zusammenbruch dessen, was über Jahrhunderte hinweg Selbstverständlichkeiten des christlichen Glaubens und des natürlichen Verständnisses von Ehe und Familie waren. Viele Personen sind getauft, aber nicht evangelisiert… In dieser Lage können wir nicht von einer Liste von Lehren und Geboten ausgehen oder uns auf die sogenannten brennenden Fragen fixieren.“ Damit zielt Kardinal Kasper unter anderem auf die Frage des kirchlichen Umgangs mit Geschiedenen, die wieder geheiratet haben.

„Wir wollen und können diese Fragen nicht umgehen, aber wir müssen … von der Wurzel des Glaubens ausgehen … und Schritt für Schritt einen Weg des Glaubens zurücklegen. Gott ist ein Gott des Weges; in der Heilsgeschichte hat er einen Weg mit uns zurückgelegt; auch die Kirche hat in ihrer Geschichte einen Weg zurückgelegt. Heute muss sie ihn von neuem zurücklegen, zusammen mit den Menschen der Gegenwart. Sie will den Glauben niemandem aufzwingen. Sie kann ihn nur als Weg zum Glück darstellen und anbieten. Das Evangelium kann nur durch sich selbst und seine tiefe Schönheit überzeugen.“

Nach diesen einleitenden Überlegungen denkt Kasper über „die Familie in der Schöpfungsordnung“ nach. Die Einrichtung der Familie sei „trotz aller Unterschiede“ in verschiedenen kulturellen Kontexten doch „die ursprüngliche Ordnung der Kultur der Menschheit“. Versuchen, heute eine „neue Definition der Familie zu liefern“, könne „kein Erfolg beschieden“ sein, wenn diese Definition „der kulturellen Tradition der ganzen Menschheitsgeschichte widerspricht oder sie ändert“. Die sogenannte Goldene Regel der Bergpredigt (Mt 7,12), die es so ähnlich in nahezu allen Religionen und Kulturen gebe, biete ein „gutes Kriterium“, um Realitäten wie Zwangsheirat oder Prostitution zu beurteilen. „Die entscheidende Frage lautet immer: Was entspricht in der Beziehung zwischen Mann, Frau und Kindern dem Respekt vor der Würde des anderen?“

„Der Mensch ist nicht als Single geschaffen“

Das erste Kapitel des Buches Genesis treffe einige grundlegende Aussagen zum „ursprünglichen Plan Gottes für die Familie“: Die erste sei, dass Mann und Frau „Bild und Gleichnis“ Gottes seien. Der Mensch sei also „nicht als Single geschaffen“, so Kasper; Mann und Frau hätten „die gleiche Würde“, seien deswegen aber „nicht einfach gleich“. „Man wird nicht Mann oder Frau durch die entsprechende Kultur, wie einige neuere Meinungen behaupten. Das Mann- und das Frausein sind ontologisch in der Schöpfung begründet. Die gleiche Würde ihrer Verschiedenheit erklärt die Anziehungskraft zwischen beiden…; sie aus ideologischen Gründen gleichmachen zu wollen, zerstört die erotische Liebe.“

Kasper fährt fort: „Die menschliche Liebe ist etwas Großes und Schönes, aber sie ist nicht von sich aus göttlich.“ Viele Ehen scheiterten heute an „überzogenen Erwartungen“, wenn ein Partner den anderen zunächst überhöhe. „Die Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau mit ihren Kindern zusammen kann nur glücklich sein, wenn sie sich gegenseitig als ein Geschenk verstehen, das sie übersteigt.“

Des weiteren ergebe sich aus dem Ehe- und Familienbild der Genesis, dass Ehe „nicht etwas in sich selbst Verschlossenes“, sondern auf Fruchtbarkeit hin angelegt sei. „Die Ehe zwischen Mann und Frau und die Weitergabe des Lebens sind nicht voneinander zu trennen. Das gilt nicht nur für den Zeugungsakt, sondern weist darüber hinaus. Die erste Geburt setzt sich in der zweiten, der sozialen und kulturellen, fort.“ Aus biblischer Sicht seien Kinder „eine Frucht des Segens Gottes“; Gott lege „die Zukunft des Volkes und die Existenz der Menschheit in die Hände von Mann und Frau“. Darum bedeute „verantwortliche Elternschaft“ sehr viel mehr als das, wofür der Begriff gemeinhin eingesetzt werde. „Es bedeutet, dass Gott das Wertvollste, was er geben kann, nämlich das menschliche Leben, der Verantwortung von Mann und Frau anvertraut.“ Daraus ergebe sich eine große Verantwortung von Eheleuten und Eltern auch der Gesellschaft gegenüber. „Ihrer Sorge und Verantwortung ist nicht nur das menschliche Leben, sondern auch die Erde allgemein anvertraut.“

„Die Familie ist nicht nur eine persönliche, private Gemeinschaft. Sie ist die grundlegende und lebendige Zelle der Gesellschaft, die Schule der Menschlichkeit und der sozialen Tugenden… Ohne sie wird die Gesellschaft zu einer anonymen Masse… Sie ist auch grundlegendes Modell des Staates und der Menschheit als Familie… Das Evangelium vom Leben ist (darum) gleichzeitig ein Evangelium für das Wohl und den Frieden der Menschheit.“

Ehe und Familie nicht romantisieren

Im zweiten Kapitel seines Vortrags kommt Kardinal Kasper dann auf „Strukturen der Sünde im Leben der Familie“ zu sprechen. Das bisher Ausgeführte sei das „Ideal, aber nicht die Wirklichkeit der Familien“, das illustriere auch das Buch Genesis mit seiner Erzählung vom Sündenfall, der Vertreibung aus dem Paradies und dem Brudermord an Abel. „Die Entfremdung des Menschen von Gott“ führe zur Entfremdung der Menschen untereinander. Etwas sei grundlegend gestört im Verhältnis von Mann und Frau; Frauen müssten unter Schmerzen gebären, zwischen Brüdern brächen schwere Konflikte auf, und auch in der Beziehung des Menschen zur Natur und zur Welt stimme etwas Wesentliches nicht mehr. „Wenn wir von der Familie, von der Schönheit der Familie sprechen, können wir nicht von einem unrealistischen, romantischen Bild ausgehen. Wir müssen auch die harten Realitäten sehen und an der Trauer, den Sorgen und Tränen vieler Familien Anteil nehmen… Wir dürfen nicht der Versuchung nachgeben, die Vergangenheit zu idealisieren und … die Gegenwart als bloße Geschichte des Niedergangs wahrzunehmen.“

Das dritte Kapitel des Kasper-Vortrags gehört dann dem Platz der Familie „in der christlichen Heilsordnung“. Jesus sei „in eine Familiengeschichte eingetreten“, er habe zu Beginn seines Wirkens nach Angaben des Johannesevangeliums an einer Hochzeit teilgenommen und damit „sein ganzes Wirken unter das Zeichen der Ehe und der Hochzeitsfreude gestellt“. Ausführlich beschäftigt sich Kardinal Kasper mit den berühmten Jesusworten gegen die Ehescheidung in Matthäus 19, 3-9; man dürfe sie „nicht isoliert verstehen, sondern im Kontext seiner ganzen Botschaft vom Gottesreich“. Der Bund zweier Eheleute werde in Jesus` Verkündigung „umarmt und gestützt vom Bund Gottes, der wegen Gottes Treue auch dann weitergeht, wenn das schwache menschliche Band der Liebe schwach wird oder sogar reißt“. „Das endgültige Bundes- und Treueversprechen Gottes nimmt der menschlichen Verbindung das Beliebige; es verleiht ihm Solidität und Stabilität.“

„Unauflöslichkeit der Ehe ist Evangelium“

Augustinus habe daraus die Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe entwickelt. „Viele haben heute Schwierigkeiten, diese Lehre zu begreifen“, so Kardinal Kasper. Sie sei aber nichts der Liebe zweier Eheleute „Übergestülptes“, sondern „Evangelium, also endgültiges Wort und Vesprechen, das ewig gültig bleibt. Als solches nimmt sie den Menschen und seine Freiheit ernst. Es ist ein Kennzeichen der menschlichen Würde, endgültige Entscheidungen treffen zu können.“ Wer solche Entschiedungen wieder abstreife, schlage eine „tiefe Wunde“. „Wunden können heilen, aber die Narbe bleibt und schmerzt weiter; man kann und muss aber weiterleben, selbst wenn das Mühe bereitet. Dementsprechend ist die frohe Botschaft Jesu, dass für den, der sich bekehrt, dank der göttlichen Barmherzigkeit Vergebung, Heilung und ein neuer Anfang möglich sind.“

An den Epheserbrief angelehnt schildert Kasper „das Band zwischen Mann und Frau“ als „konkretes Symbol des Bundes Gottes mit den Menschen, der sich in Jesus Christus erfüllt hat“. Das Konzil von Trient habe das auf den sakramentalen Charakter der Ehe bezogen. „Durch sein Eintreten in die Geschichte einer Familie hat Jesus die Familie geheilt und geheiligt; die Heilsordnung umarmt die Schöpfungsordnung. Sie ist nicht körper- und sexualitätsfeindlich, sie schließt Sex, Eros und menschliche Freundschaft ein, reinigt und vervollkommnet sie. So wie die Heiligkeit der Kirche ist auch die Heiligkeit der Familie keine statische Größe, sondern ständig bedroht durch die Hartherzigkeit. Sie muss weitergehen auf dem Weg der Umkehr, der Erneuerung und des Reifens.“ Wie der Zölibat sei auch die Ehe eine „freie Wahl“, beide stützten sich gegenseitig bzw. gerieten gleichzeitig in die Krise, „wie wir das leider derzeit erleben“.

„Das ist die Krise, die wir erleben. Das Evangelium von der Ehe und der Familie ist für viele nicht mehr verständlich, es ist in eine tiefe Krise geraten. Was tun? Schöne Worte allein nützen wenig. Jesus zeigt uns einen realistischeren Weg. Er sagt uns, dass kein Christ allein oder verlassen ist, auch wenn er vom eigenen Partner verlassen wird oder als Kind bzw. Jugendlicher ohne Kontakt zur eigenen Familie aufwächst. Das Evangelium vom Leben konkretisiert sich in der Hauskirche: In ihr kann es von neuem lebbar werden.“

„Seelsorge endet nicht nach dem Scheitern einer Ehe“

Im vierten Redeteil führt Kardinal Kasper dementsprechend aus, was unter der Familie als „Hauskirche“ zu verstehen ist. Hauskirchen hätten schon im frühen Christentum eine wichtige Rolle gespielt, auch das Zweite Vatikanische Konzil habe die Idee von der Hauskirche wieder aufgegriffen. Es gelte nun, der Kernfamilie, die sich seit dem 18. Jahrhundert herausgebildet habe und die heute eine große Strukturkrise durchmache, „im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn neue Häuser zu bauen“. Kasper wörtlich: „Wir brauchen Großfamilien neuen Typs.“ Damit Kernfamilien überleben könnten, bräuchten sie einen „größeren familiären Zusammenhang“: generationenübergreifend, von geistlichen Gemeinschaften geprägt, die ein günstiges Klima und Lebensumfeld für Familien schaffen könnten. Darum müssten Basisgemeinschaften und geistliche Bewegungen in der Kirche gestärkt werden; das hülfe dann auch der Familie.

Das fünfte Kapitel in Kardinal Kaspers Vortrag beschäftigt sich dann mit dem Problem von Geschiedenen, die wiederverheiratet sind: „ein komplexes und dorniges Problem“. „Man kann es nicht auf die Frage der Zulassung zur Kommunion reduzieren. Es betrifft die ganze Ehe- und Familienpastoral. Es beginnt schon mit der Ehevorbereitung, … geht dann weiter mit der pastoralen Begleitung von Eheleuten und Familien und wird aktuell, wenn Ehe und Familie in eine Krise geraten. In dieser Lage werden die Seelsorger alles nur Mögliche tun, um zur Heilung und Versöhnung in der kriselnden Ehe beizutragen. Ihre Sorge endet nicht nach einem Scheitern der Ehe; sie müssen den Geschiedenen nahe bleiben und sie einladen, am Leben der Kirche teilzunehmen.“

„Alle wissen auch“, so Kasper weiter, „dass es Situationen gibt, in denen jeder vernünftige Versuch, eine Ehe zu retten, dennoch umsonst bleibt. Der Heroismus eines verlassenen Partners, der alleinbleibt und alleine weitergeht, verdient unsere Bewunderung und Unterstützung. Aber viele verlassene Partner hängen um des Wohles der Kinder willen von einer neuen Beziehung und einer zivilen Heirat ab, auf die sie nicht verzichten können, ohne neue Schuld auf sich zu laden. Oft lasen diese Beziehungen sie nach den bitteren Erfahrungen der Vergangenheit neue Freude spüren…“

Keine „Barmherzigkeit zu herabgesetztem Preis“

Die Kirche könne in einer solchen Lage „keine Lösung anbieten, die den Worten Jesu entgegengesetzt ist“. Unauflöslichkeit der Ehe und „die Unmöglichkeit einer Wiederheirat, solange der andere Partner noch lebt“, gehörten nun mal zum „bindenden Glaubensgut der Kirche“, das nicht um einer „Barmherzigkeit zu herabgesetztem Preis“ willen aufgegeben werden könne. Gleichzeitig gelte aber auch, dass es wegen Gottes „barmherziger Treue“ keine menschliche Lage gebe, die „ganz ohne Hoffnung und Lösung“ sei. „So tief der Mensch auch fallen kann, er wird nie unter die Barmherzigkeit Gottes fallen.“

„Die Frage ist also, wie die Kirche dieser unauflöslichen Verbindung von Treue und Barmherzigkeit Gottes in ihrer Seelsorge an geschiedenen Wiederverheirateten entsprechen kann. Es ist ein relativ neues Problem, das es … erst seit der Einführung der Zivilehe durch den Code Napoléon von 1804 gibt.“ Wie das letzte Konzil zu neuen Problemfeldern, etwa der Ökumene, Türen geöffnet habe, „ohne die bindende dogmatische Tradition zu verletzen“, könne man sich heute fragen: „Ist nicht auch in dieser Frage eine Weiterentwicklung möglich, die nicht an die bindende Glaubenstradition rührt…?“ Die Antwort könne nur „differenziert“ ausfallen, weil die gegebenen Situationen „sehr unterschiedlich“ seien. „Eine allgemeine Lösung für alle Fälle kann es nicht geben.“

Kardinal Kasper beschäftigt sich etwas ausführlicher mit zwei Fällen, für die er Lösungsmöglichkeiten skizziert. Bei Geschiedenen und Wiederverheirateten, die vor ihrem Gewissen überzeugt seien, dass ihre vorige Ehe eigentlich nicht gültig gewesen sei, frage er sich manchmal, „ob der gerichtliche Weg wirklich der einzige zur Lösung des Problems sein muss und ob nicht mehr seelsorgliche und geistliche Prozeduren möglich wären“. Man könne daran denken, „dass der Bischof diese Aufgabe einem Priester mit geistlicher und seelsorgerischer Erfahrung überträgt“. Kasper wörtlich: „Ist es wirklich möglich, dass man über Wohl und Wehe der Personen in zweiter und dritter Instanz nur auf der Basis von Akten, also von Papier, entscheidet, aber ohne die Person und ihre Situation zu kennen?“

Fünf mögliche Bedingungen für Sakramentenempfang

Der zweite Fall, auf den Kasper eingeht, ist die Frage des Sakramentenempfangs für geschiedene Wiederverheiratete. Er erinnert daran, dass die frühe Kirche für Christen, die dem Glauben in der Verfolgung öffentlich abgeschworen hatten, eine „kanonische Busspraxis als zweite Taufe“ eingeführt hatte, „nicht mit Wasser, sondern mit den Tränen der Reue“. „Für den, der umkehrt, ist Vergebung immer möglich. Wenn sie es für den Mörder ist, dann auch für den Ehebrecher.“ Dementsprechend müsse auch die heutige Kirche „einen Weg jenseits von Rigorismus und Laxismus“ suchen. Reue und Busssakrament hätten die Treue zu Gottes Geboten und Barmherzigkeit Gottes zusammengebracht: „In diesem Sinn war und ist die göttliche Barmherzigkeit keine preisgünstige Gnade, die von der Umkehr dispensiert, und umgekehrt sind die Sakramente nicht ein Preis für jemanden, der sich gut benimmt“.

„Die Frage ist: Ist dieser Weg der Umkehr, der ins Sakrament der Barmherzigkeit, der Busse mündet, auch der Weg, den wir in dieser Frage gehen können? Wenn ein wiederverheirateter Geschiedener 1. das Scheitern seiner ersten Ehe bereut, 2. den Verpflichtungen, die aus der ersten Ehe noch erwachsen, nachkommt, 3. die neue Zivilehe nicht aufgeben kann, ohne neue Schuld auf sich zu laden, 4. sich aber bemüht, seine zweite Ehe im Glauben zu leben und seine Kinder im Glauben zu erziehen, und 5. nach den Sakramenten als Kraftquelle in seiner Lage verlangt – müssen oder können wir ihm nach einer Zeit der neuen Orientierung das Sakrament der Busse und dann der Kommunion verweigern?“

Kasper ermuntert die Kirche zu „geistlicher Unterscheidung, Weisheit und seelsorglichem Augenmass“. Er hoffe, „dass wir im Lauf des synodalen Prozesses eine gemeinsame Antwort finden, um glaubwürdig das Wort Gottes in menschlich schwierigen Situationen zu bezeugen“.

In einer kurzen Schlußfolgerung betont Kardinal Kasper, man dürfe die Debatte über das „Evangelium der Familie“ nicht auf die Frage der wiederverheirateten Geschiedenen oder ähnliche Streitfälle verengen. „Wir brauchen einen positiven Ausgangspunkt…“ In den Familien treffe die Kirche auf „die Lebensrealität“, sie seien „der Prüfstein der Pastoral“. Kasper wörtlich: „Die Familie ist die Zukunft. Auch für die Kirche ist sie der Weg der Zukunft.“ (rv)

Kardinal Kasper gratuliert dem Papst zum 77. Geburtstag

Kardinal Walter KasperGebet als Geburtstagsgeschenk für Papst Franziskus: Kardinal Walter Kasper gratuliert – stellvertretend für viele – bei Radio Vatikan und wünscht dem Papst genau das, was er am meisten braucht und was dieser sich selber wünscht: Betet für mich!

„Papst Franziskus ist ein Geschenk Gottes für die Kirche dieser Zeit. Er ist ein Mann Gottes und ein Mann, der den Menschen nahe ist, vor allem den Armen, den Notleidenden, den Kleinen, den Kranken. Er will eine Kirche, die sich nicht einschließt in alte Formen und Formeln, eine Kirche, die die Fenster und die Türen aufmacht und die allen die nie endende Barmherzigkeit Gottes verkündet. Er lebt, was er predigt.

Selbstverständlich will er keine neue Kirche, aber er will eine erneuerte Kirche – aus dem Geist des Evangeliums, seiner Freude und seiner Hoffnung. Schon nach kurzer Zeit hat er die Atmosphäre in der Kirche verändert, frische Luft hereingelassen. Er hat noch einen weiten und schwierigen Weg vor sich. Er kann ihn nicht allein gehen, er braucht gerade am heutigen Geburtstag das Gebet von uns allen!" (rv)

Kardinal Kasper ermutigt zu weltkirchlichem Blick auf Kirche

Kardinal Walter KasperKurienkardinal Walter Kasper hat dazu aufgerufen, Krisen in der Kirche nicht überzubewerten. „Die gab es immer schon", sagte Kasper am Freitag in seiner Katechese auf dem Eucharistischen Kongress in Köln. Im Interview mit Radio Vatikan nahm der Kardinal vom Standpunkt der Weltkirche aus zu der vielbeschworenen Krisenstimmung innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland Stellung:

„Viele Priester sind verunsichert, es sind weniger Priester. Die Gemeinden sind verunsichert, weil sie keinen Pfarrer mehr bekommen oder zusammengelegt werden. Das wird wahrgenommen, aber ich habe den Eindruck, dass sich die Stimmung momentan weltweit sehr verändert. Seit der Papstwahlt haben wir auch in Rom eine völlig andere Stimmung. Und Deutschland ist ein wichtiges Land in Europa, auf der anderen Seite dürfen wir uns in Deutschland auch nicht überschätzen und davon ausgehen, Deutschland sei 'der Nabel der Welt'. Das sind wir einfach nicht mehr."

Vielmehr rät der Kurienkardinal, der tagtäglich die kirchliche Lebendigkeit in Rom erfährt und seinen Lebensalltag an der Kurie für einen Besuch auf dem Eucharistischen Kongress in Köln unterbrochen hat, zu einem weltkirchlichen Blick:

„Wir sind ja nur ein kleiner Prozentsatz der Weltkirche, die ja mehrheitlich, zu Dreiviertel, in der südlichen Hemisphäre, lebt. Deshalb haben wir jetzt auch einen Papst aus dieser Hemisphäre, wo es eine andere Agenda mit ganz anderen Fragen und zum Teil auch anderen, begeisternden Impulsen gibt, die tiefer gehen. Das ist nicht nur ein oberflächliches Interesse an einem neuen Papst, sondern das Gefühl: 'Wir wagen einen neuen Schritt in die Zukunft hinein.' Das ist eine positive Stimmung und trägt dann auch weiter."

Und von dieser positive Stimmung innerhalb der Kirche, die für Walter Kasper in Rom selbstverständlich geworden ist, spürt der Kardinal dann aber doch auch etwas bei seinem Deutschlandbesuch in Köln. Für sein deutsches Heimatland hält der Kardinal den Eucharistischen Kongress und mit ihm die Besinnung auf das Wesentliche im Glauben für…

„sehr notwendig. Man erlebt, dass man nicht isoliert ist, sondern gehört einer großen Gemeinschaft an, erlebt eine positive Stimmung. Das trägt einen weiter, hinaus in die Pfarreien und die Gesellschaft hinein, um dort sagen zu können: Wo stehen wir gegenwärtig als Kirche? Wir gehen also nicht zurück, sondern wollen eine Vertiefung – aber um auf das Wesentliche, auf das Zentrum zurückzukommen: Wohin sollen wir gehen? Wo ist die Alternative? Und ich denke, in unserer Gesellschaft gibt es keine wirkliche Alternative zum christlichen Glauben. Wir respektieren jeden, der nicht dieser Überzeugung ist, aber wir sagen mit einem gewissen Zutrauen: Wir haben Worte des Lebens – nicht unsere Worte, sondern die Worte Christi!" (rv)