Papstschreiben zur Heiligkeit – ein Kollegengespräch

An diesem Montag hat der Vatikan ein Lehrschreiben des Papstes über die Heiligkeit veröffentlicht. Wir sprachen darüber mit unserem Redaktionsmitglied Stefan von Kempis, der letztes Jahr bei Herder ein Buch über „Drei Päpste und ihre Lieblingsheiligen“ herausgegeben hat.

Warum gerade jetzt so ein grundlegender Text des Papstes über die Heiligkeit?

„Es stimmt schon – die Sache ist etwas überraschend. Denn die bisherigen Grundlagentexte von Franziskus (sogenannte „Apostolische Exhortationen“) handelten von sehr wichtigen Themen: Evangelii Gaudium von 2013 war die Programmschrift seines Pontifikats, da ging es um Neuevangelisierung, und Amoris Laetitia von 2016 drehte sich um Ehe und Familie. Vor allem aber waren beiden „Exhortationen“ – das Wort bedeutet „Aufruf“, „Ermunterung“ – große Bischofssynoden im Vatikan vorausgegangen, Amoris Laetitia war sogar der Endpunkt eines synodalen Prozesses aus zwei Synoden.

Also, eine Exhortation über Heiligkeit, ohne dass ihr eine Synode vorausging, bedeutet eine Überraschung. Ich hätte mir von der Form her eher eine Enzyklika zu diesem Thema vorstellen können, aber vielleicht war der Text dafür nicht lang genug…“

Aber das sind ja vor allem formale Gesichtspunkte. Was steckt inhaltlich noch dahinter?

„Also, von diesen formalen Gesichtspunkten abgesehen ist klar, dass Franziskus einfach das Wort Heiligkeit (neben dem Wort Barmherzigkeit, das bisher in den ersten fünf Jahren dieses Pontifikats prägend war, siehe das Heilige Jahr der Barmherzigkeit 2015-16) jetzt zu einem weiteren großen Thema seines Dienstes machen will.

Dieser Papst ist ausdrücklich als Reformer angetreten, und da ist es schon auffallend, dass er beim Thema Reformen immer wieder darauf zu sprechen kommt, dass er eigentlich nicht so sehr Strukturen als vielmehr die Herzen ändern will. Darum zählt Franziskus seine Frühmessen in der Casa Santa Marta oder die Fastenexerzitien mit der Römischen Kurie ausdrücklich zu seinem Reformprozess dazu.

„Heiligkeit“ ist also, auch wenn sich das erst einmal seltsam anhört, aus der Sicht dieses Papstes eines der wichtigsten, wenn nicht überhaupt das wichtigste Ziel seiner Vatikan- und Kirchenreform.“

Aber bei Heiligen denkt man doch zuerst an die Menschen, die von Päpsten heilig- oder selig gesprochen worden sind.

„Ja natürlich – vor allem Johannes Paul II., der mittlerweile selbst als Heiliger verehrt werden kann, hat eine richtiggehende Politik der Heilig- und Seligsprechungen betrieben. Er hat in einem Vierteljahrhundert Pontifikat auf seinen etwa hundert Auslandsreisen häufig große Persönlichkeiten einer jeweiligen Ortskirche im Land selbst „kanonisiert“, also in die offizielle Liste der Heiligen aufgenommen. Er hat also ein ganzes Netz von Heiligen hinterlassen, das sich über den Globus spannt: ganze Heerscharen von Heiligen. Und Benedikt XVI. hat das, mit etwas anderer Akzentsetzung, fortgesetzt – wie es ja auch Franziskus tut.

Aber mit „Gaudete et Exsultate“ geht es Franziskus gar nicht so sehr um diese Heiligsprechungen, diese pompösen Feiern, wie wir sie vom Petersplatz her kennen. Stattdessen will er auf eine – wie er sie nennt – „Mittelklasse der Heiligkeit“ hinweisen. Also auf ein im Alltag gelebtes Heiligsein ganz normaler Menschen, auf die keiner in Rom aufmerksam wird und die doch eine Leuchtspur des Heiligen in ihrer Umgebung hinterlassen.

Zu diesen unbekannten und nicht-kanonisierten Heiligen zählt Franziskus übrigens auch seine Großmutter. Das ist ein originelles Konzept, eine Demokratisierung des Heiligenbegriffs sozusagen.“

Bergoglios Großmutter? Eine Heilige?

„Ja – der Papst sieht das tatsächlich so. „In meinem Brevier habe ich das Testament meiner Großmutter Rosa“, hat er mal erzählt. „Ich lese es oft: Es ist für mich wie ein Gebet. Sie ist eine Heilige, die so viel gelitten hat…“

Franziskus ist davon überzeugt, dass nahezu jeder Mensch Heilige in seiner Umgebung hat, und mit seinem Schreiben will er den Menschen den Blick dafür schärfen. Heiligkeit eben nicht als etwas Exklusives, nur einigen wenigen Vorbehaltenes, sondern als etwas, wozu wir alle Zugang haben.

„Ich sehe die Heiligkeit im geduldigen Volk Gottes“, sagte er 2013 im Interview mit Jesuitenzeitschriften – und nannte dann gleich ein paar alltagstaugliche Beispiele. „Eine Frau, die ihre Kinder großzieht, ein Mann, der arbeitet, um Brot nach Hause zu bringen, die Kranken, die alten Priester, die so viele Verletzungen haben, aber auch ein Lächeln, weil sie dem Herrn gedient haben, die Schwestern, die so viel arbeiten und eine verborgene Heiligkeit leben. Das ist für mich die allgemeine Heiligkeit.“

Übrigens: Die Freude gehört ganz sicher auch zentral dazu, zu dieser Vorstellung von Heiligkeit. Und zu diesem Pontifikat überhaupt. Alle großen Schreiben des Papstes, auch das neueste, tragen die Freude im Titel: Gaudium, Laetitia, Laudato si‘, Gaudete!“

Lesetipp: Stefan von Kempis (Hg.), Drei Päpste und ihre Lieblingsheiligen. Persönliche Gedanken von Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus. Herder Verlag Freiburg, 2017. (vatican news)

Das Team von Vatican News deutsch

Die bisherige Redaktion von Radio Vatikan deutsch bleibt und ist auch Teil der neuen sechssprachigen Redaktion von Vatican News. Es handelt sich um sechs Redakteurinnen und Redakteure aus dem deutschsprachigen Raum. Regelmäßig ist auch eine Praktikantin oder Praktikant dabei.

Der bisherige Leiter des deutschsprachigen Dienstes von Radio Vatikan, Jesuitenpater Bernd Hagenkord (ord), war seit 2009 für die Abteilung zuständig. Bei Vatican News ist er für alle sechs Sprachen als publizistischer Leiter zuständig.

Die Leitung der deutschsprachigen Abteilung von Vatican News hat der deutsche Journalist Stefan von Kempis (sk). Im Jahre 1989 machte er bei Radio Vatikan ein Praktikum. Von 1995 bis 1998 arbeitete er dort als Redakteur. Seit Oktober 2001 war er zweiter Redaktionsleiter. Er ist verantwortlich für Nachrichten bzw. Aktuelles.

Die aus Österreich stammende Journalistin Gudrun Sailer (gs) war seit 2003 bei Radio Vatikan. Bei herausragenden Vatikan-Ereignissen wie den Papstwahlen von 2005 und 2013 wirkte sie als TV-Gastkommentatorin. Sie ist auch Gründungsmitglied des Vereins der Frauen im Vatikan D.VA.

Die Stimme aus der Schweiz ist Mario Galgano (mg). Der ehemalige Sprecher der Schweizer Bischofskonferenz war seit 2006 als Redakteur bei Radio Vatikan tätig. Derzeit kümmert er sich auch um die Social Media von Vatican News sowie um die Videos.

Die deutsche Journalistin Anne Preckel (pr) war als Redakteurin beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen (RAI) in Rom beschäftigt, bevor sie 2009 zu Radio Vatikan wechselte. Sie moderiert auch weiterhin wie die anderen Redakteurinnen und Redakteure die Nachrichtensendungen sowie Beiträge für das Nachrichtenportal.

Die aus Bayern stammende Christine Seuss (cs) gehört seit 2010 zum Team. Wie alle anderen in der deutschsprachigen Redaktion wechselt sie zwischen Moderation, Reportage und weiteren journalistischen Tätigkeiten ihre tägliche Arbeit.

Weitere Mitglieder und Helfer in der Redaktion sind Aldo Parmeggiani, der jeweils interessante Interviews mit Berühmtheiten und besonderen Menschen führt, Gerhard Girardi, der für die Online-Dienste wie den Newsletter zuständig ist, und Jennifer Stahl, die für die Sekretariatsarbeit verantwortlich ist. (vatican news)

Das Team von Vatican News deutsch

Die bisherige Redaktion von Radio Vatikan deutsch bleibt und ist auch Teil der neuen sechssprachigen Redaktion von Vatican News. Es handelt sich um sechs Redakteurinnen und Redakteure aus dem deutschsprachigen Raum. Regelmäßig ist auch eine Praktikantin oder Praktikant dabei.

Der bisherige Leiter des deutschsprachigen Dienstes von Radio Vatikan, Jesuitenpater Bernd Hagenkord, war seit 2009 für die Abteilung zuständig. Bei Vatican News ist er für alle sechs Sprachen als publizistischer Leiter zuständig.

Die Leitung der deutschsprachigen Abteilung von Vatican News hat der deutsche Journalist Stefan von Kempis. Im Jahre 1989 machte er bei Radio Vatikan ein Praktikum. Von 1995 bis 1998 arbeitete er dort als Redakteur. Seit Oktober 2001 war er zweiter Redaktionsleiter. Er ist verantwortlich für Nachrichten bzw. Aktuelles.

Die aus Österreich stammende Journalistin Gudrun Sailer war seit 2003 bei Radio Vatikan. Bei herausragenden Vatikan-Ereignissen wie den Papstwahlen von 2005 und 2013 wirkte sie als TV-Gastkommentatorin. Sie ist auch Gründungsmitglied des Vereins der Frauen im Vatikan D.VA.

Die Stimme aus der Schweiz ist Mario Galgano. Der ehemalige Sprecher der Schweizer Bischofskonferenz war seit 2006 als Redakteur bei Radio Vatikan tätig. Derzeit kümmert er sich auch um die Social Media von Vatican News sowie um die Videos.

Die deutsche Journalistin Anne Preckel war seit 2009 bei Radio Vatikan. Sie moderiert auch weiterhin wie die anderen Redakteurinnen und Redakteure die Nachrichtensendungen sowie Beiträge für das Nachrichtenportal.

Die aus Bayern stammende Christine Seuss gehört seit 2010 zum Team. Wie alle anderen in der deutschsprachigen Redaktion wechselt sie zwischen Moderation, Reportage und weiteren journalistischen Tätigkeiten ihre tägliche Arbeit.

Weitere Mitglieder und Helfer in der Redaktion sind Aldo Parmeggiani, der jeweils interessante Interviews mit Berühmtheiten und besonderen Menschen führt, Gerhard Girardi, der für die Online-Dienste wie den Newsletter zuständig ist, und Jennifer Stahl, die für die Sekretariatsarbeit verantwortlich ist. (vatican News)

Barmherzigkeit, Sühne, Glauben: Interview mit Benedikt XVI.

Papst Benedikt XVI.Ein Interview des emeritierten Papstes Benedikt XVI. hat aufhorchen lassen. In einem Zitat, das am Mittwoch daraus bekannt wurde, würdigt Benedikt seinen Nachfolger Franziskus dafür, dass er die göttliche Barmherzigkeit zu einem Leitthema seines Pontifikats gemacht hat. Es ist die erste „öffentliche“ Äußerung des emeritierten über den amtierenden Papst.

An diesem Donnerstag hat die Vatikanzeitung „L’Osservatore Romano“ auf einer Doppelseite den gesamten Text des Interviews auf Italienisch veröffentlicht. Daraus wird deutlich, dass der Akzent des vom Jesuiten Jacques Servais geführten Interviews vor allem auf dem Thema der Rechtfertigung des Menschen vor Gott liegt – einem Thema, das vor fünfhundert Jahren zum Anstoß der Reformation durch Martin Luther wurde.

Papst Benedikt äußert sich zunächst zum kirchlichen Charakter des Glaubens. „Einerseits ist der Glaube ein zutiefst persönlicher Kontakt zu Gott, der mich im Innersten anrührt und mich in völliger Unmittelbarkeit vor den lebendigen Gott stellt“, so Benedikt. Doch gleichzeitig habe „diese zutiefst persönliche Realität untrennbar mit Gemeinschaft zu tun“. „Es gehört zur Essenz des Glaubens, mich einzuschreiben ins Wir der Kinder Gottes, in die pilgernde Gemeinschaft der Brüder und Schwestern.“ Glauben löse aus der Isolation und füge den Glaubenden in die Gemeinschaft der Kirche ein.

Die Kirche wiederum habe sich „nicht selbst geschaffen“, sondern werde „fortwährend von Gott gebildet“; sie produziere nicht sich selbst, sondern solle zur Begegnung mit Christus führen; man trete in sie „nicht durch einen bürokratischen Akt“ ein, sondern durch das Taufsakrament. „Eine Seelsorge, die die geistliche Erfahrung der Gläubigen anleiten will, muss von diesen Grundgegebenheiten ausgehen“, so Benedikt XVI.

„Als ob Gott sich rechtfertigen müsse, nicht der Mensch“

An diesem Punkt bringt der Interviewer die Rechtfertigungslehre ins Spiel. Luthers Erfahrung sei von der „Angst vor dem Zorn Gottes“ geprägt gewesen; dieses Gefühl sei „dem modernen Menschen eher fremd“. Wie könne die Rechtfertigungslehre des Paulus denn den Menschen von heute überhaupt noch erreichen? Das greift der emeritierte Papst auf: „Für den Menschen von heute haben sich die Dinge im Vergleich zur Zeit Luthers und zur klassischen Perspektive des christlichen Glaubens gewissermaßen umgekehrt. Es ist gar nicht mehr der Mensch, der glaubt, die Rechtfertigung vor dem Angesicht Gottes nötig zu haben; vielmehr ist er der Ansicht, es sei Gott, der sich für alle furchtbaren Dinge, die es auf der Welt gibt, und angesichts des Elends des Menschen rechtfertigen müsste – alles Dinge, die letztlich ja von ihm (Gott) abhängen.“

Benedikt XVI. weist darauf hin, dass ein (ungenannter) katholischer Theologe den Kreuzestod Jesu so deute, als sei Christus „nicht für die Sünden der Menschen gestorben, sondern um sozusagen die Schuld Gottes zu sühnen“. Das sei zwar „eine drastische Umkehrung unseres Glaubens“, die sicher von den meisten Christen nicht geteilt werde, doch lasse sie „eine Grundtendenz unserer Zeit hervorscheinen“. Johann Baptist Metz habe mit seiner Forderung, die heutige Theologie solle „theodizeeempfindlich“ sein, „dasselbe Problem auf positive Weise unterstrichen“. „Der Mensch von heute hat ganz allgemein das Gefühl, dass Gott doch den größten Teil der Menschheit nicht verlorengehen lassen kann. In diesem Sinn ist die Sorge um das Heil, die für eine Zeit typisch war, größtenteils verlorengegangen“, äußerte Papst Benedikt.

Der Begriff der Barmherzigkeit als „Zeichen der Zeit“

Dennoch, so fährt der emeritierte Papst fort, spürten viele Christen auch weiterhin, „dass wir Gnade und Erlösung brauchen“. „Für mich ist die Tatsache, dass der Begriff von der Barmherzigkeit Gottes immer zentraler und dominanter wird, ein Zeichen der Zeit.“ Die Tendenz sei von der heiligen Faustina Kowalska ausgegangen und habe Papst Johannes Paul II. „zutiefst geprägt“. „Papst Franziskus liegt gänzlich auf dieser Linie. Seine pastorale Praxis drückt sich genau durch die Tatsache aus, dass er zu uns kontinuierlich über die Barmherzigkeit Gottes spricht. Es ist die Barmherzigkeit, die uns zu Gott hinbewegt, während seine Gerechtigkeit uns erschreckt. Meiner Meinung nach zeigt das, dass der Mensch von heute unter der Patina der Selbstsicherheit und Selbstgerechtigkeit doch im Tiefsten um seine Wunden und seine Unwürdigkeit im Angesicht Gottes weiß.“

Er halte es daher für „keinen Zufall“, dass das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter „besonders anziehend für die Zeitgenossen“ sei, so der bald 89-jährige Papst Benedikt: Die Menschen von heute hofften offenbar im Innersten, „dass der Samariter ihnen zu Hilfe kommt, sich über sie beugt, Öl auf ihre Wunden gießt, sich um sie kümmert und in Sicherheit bringt“.

„Letztlich wissen sie, dass sie die Barmherzigkeit Gottes und sein Feingefühl brauchen. In der Härte der technisierten Welt, in der die Gefühle nichts mehr gelten, wächst doch die Erwartung einer rettenden Liebe, die vorbehaltlos gegeben wird. Mir scheint, dass sich im Thema der göttlichen Barmherzigkeit das, was die Rechtfertigung durch den Glauben bedeutet, auf neue Weise ausdrückt. Von der Barmherzigkeit Gottes ausgehend, die alle suchen, kann man auch heute den Kern der Rechtfertigungslehre neu interpretieren und ihn in seiner ganzen Relevanz darstellen.“

„Nur unbegrenzte Liebe kommt gegen das Böse an“

Im weiteren Fortgang des Gesprächs wird dann die Frage vertieft, in welcher Hinsicht der Tod Jesu am Kreuz eine Sühne für die Sünden der Menschen war. Es gelte, „auf neue Weise die Wahrheit hinter einer solchen Ausdrucksweise zu verstehen zu versuchen“, so der emeritierte Papst. „Von der Trinitätstheologie ausgehend“ sei es „vollkommen falsch“, einem vermeintlich „auf Gerechtigkeit bestehenden Vater“ einen „gehorsamen Sohn“ gegenüberzustellen, „der die grausame Forderung der Gerechtigkeit akzeptiert“. „Vater und Sohn sind eins, und darum ist auch ihr Wille intrinsisch ein einziger. Wenn der Sohn am Ölberg mit dem Willen des Vaters ringt, dann nicht, weil er eine grausame Verfügung Gottes akzeptieren müsste, sondern weil er die Menschheit ins Innere des Willens Gottes hineinziehen will.“

Die Antwort auf die Frage „Warum das Kreuz und die Sühne“ könne man, so fährt Benedikt XVI. fort, „heute auf neue Weise formulieren“. Das „unglaublich schmutzige Ausmaß des Bösen“ in der Welt lasse sich „nicht einmal durch Gott“ einfach für „nichtexistent erklären“, sondern müsse „gereinigt“ und „überwunden“ werden. Die frühen Christen hätten „gewusst, dass angesichts der Übermacht des Bösen nur eine unbegrenzte Liebe, eine unendliche Sühne Genüge tun kann“. „Sie wussten, dass der gekreuzigte und auferstandene Christus eine Macht ist, die sich der des Bösen entgegenstellen und die Welt retten kann. Und auf dieser Basis konnten sie auch den Sinn des eigenen Leidens als in die leidende Liebe Christi hineingenommen verstehen, als Teil der erlösenden Kraft dieser Liebe.“

Zum Verhältnis von Vater und Sohn in Gott zitiert Benedikt den Theologen Henri de Lubac: Der Vater selbst sei „nicht leidenschaftslos“. „In einigen Teilen Deutschlands gab es eine sehr bewegende Verehrung, die die Not Gottes betrachtete. Mir führt das ein beeindruckendes Bild vor Augen, das den leidenden Vater zeigt, wie er als Vater innerlich die Leiden des Sohnes teilt. Und auch das Bild des „Gnadenstuhls“ gehört zu dieser Verehrung: Der Vater hält das Kreuz und den Gekreuzigten, beugt sich liebevoll über ihn und ist, gewissermaßen, mit ihm am Kreuz.“ Das lasse erkennen, das man nicht von einer „grausamen Gerechtigkeit“ oder gar einem „Fanatismus des Vaters“ sprechen könne.

Theorie vom „anonymen Christen“ greift zu kurz

Benedikt XVI. äußert sich in dem Gespräch auch zur Heilsnotwendigkeit Christi und der Kirche. Hier habe es „eine tiefe Entwicklung des Dogmas“ gegeben: Hätten noch „die großen Missionare des 16. Jahrhunderts“ geglaubt, Nichtgetaufte seien für immer verloren, so sei diese Überzeugung „nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil definitiv aufgegeben worden“. Daraus ergebe sich allerdings „eine tiefe, doppelte Krise“: „Zum einen scheint das jede Motivation für einen künftigen missionarischen Einsatz wegfallen zu lassen.“ Zum anderen sei „der obligatorische Charakter des Glaubens“ und der christlichen „Lebensform“ fraglich geworden.

Darauf habe zum Beispiel „die wohlbekannte These Karl Rahners von den anonymen Christen“ zu antworten versucht; in ihr „fällt das Christliche mit dem Menschlichen zusammen, und in diesem Sinn ist jeder Mensch, der sich selbst akzeptiert, Christ, auch wenn ihm das nicht bewusst ist“. Diese Theorie sei zwar „faszinierend“, aber sie vernachlässige „das Drama des Umkehrens und der Erneuerung, die im Christentum zentral ist“. Für „noch weniger akzeptabel“ erklärt der emeritierte Papst die Vorstellung, alle Religionen seien „jede auf ihre Weise“ Heilswege und könnten deswegen gewissermaßen für „gleichwertig“ gehalten werden. Diese Vorstellung werde „der Größe der Frage“ in keiner Weise gerecht.

Benedikt selbst hält sich in dieser Hinsicht eher an die Theologie de Lubacs, so wie er sie schon in seiner Zeit als Theologieprofessor etwa in seiner „Einführung in das Christentum“ ausgeführt hat. „Christus war und ist für alle, und die Christen, die in dem außerordentlichen Bild des Paulus in dieser Welt seinen Leib bilden, haben Anteil an diesem Sein-für. Man ist also Christ sozusagen nicht für sich selbst, sondern mit Christus für die anderen.“ Das löse zwar das angesprochene Problem nicht zur Gänze, „aber mir scheint das die wirklich wesentliche Intuition zu sein, dass dadurch die Existenz des einzelnen Christen berührt wird“. Es sei „für die Menschheit wichtig“, dass das „Sein-für“ geglaubt und praktiziert, dass dafür auch gelitten werde. „Diese Wirklichkeiten dringen mit ihrem Licht ins Innere der Welt als solcher und erhalten sie. Ich glaube, dass es für uns in der gegenwärtigen Lage immer deutlicher und verständlicher wird, was der Herr zu Abraham sagt – dass nämlich schon zehn Gerechte genügt hätten, um eine Stadt überleben zu lassen… Es ist aber klar, dass wir über die ganze Frage noch weiter nachdenken müssen.“

Stefan von Kempis übersetzte die wörtliche Rede in diesem Text aus dem Italienischen in eigener Übersetzung. (rv)

Päpstliches Motu Proprio: Porta Fidei – Tür des Glaubens

An diesem Montag stellt der Vatikan das am Sonntag angekündigte apostolische Schreiben Papst Benedikt XVI. zum Jahr des Glaubens vor, das am 12. Oktober 2012 beginnen wird. Stefan von Kempis hat das Motu Proprio für uns gelesen.
Worum geht es Papst Benedikt mit seinem „Jahr des Glaubens"?

Er weist in seinem Motu Proprio „Porta fidei" selbst darauf hin, dass schon Paul VI. 1967 ein solches Jahr durchgeführt hat – und dass es damals um die Umsetzung des kurz zuvor beendeten Konzils ging. Auch Benedikt dem XVI. geht es bei seiner Initiative um das Zweite Vatikanische Konzil, darum startet sein Glaubensjahr zum 50. Jahrestag der Konzilseröffnung. Er fordert die Gläubigen dazu auf, sich die Konzilstexte anzueignen und sich vor allem mit – wie er schreibt – „einer der wichtigsten Früchte des Konzils" zu beschäftigen, nämlich dem Weltkatechismus. Dieser war zu Anfang der 90er Jahre vom heutigen Papst zusammengestellt worden; Joseph Ratzinger war damals Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation. Also, es geht dem Papst wesentlich um eine Wiederaneignung von Glaubenstexten: „Nicht zufällig", so bemerkt er, „waren die Christen in den ersten Jahrhunderten dazu angehalten, das Credo auswendig zu lernen."

Was schlägt der Papst an Aktionen für das „Jahr des Glaubens" vor?

Er äußert sich nicht konkret dazu, ob er – wie 1967 Papst Paul VI. – im Namen der Kirche ein feierliches Glaubensbekenntnis verfassen und vorlesen wird. Stattdessen verweist er auf die Bischofssynode zur Neuevangelisierung, die genau zum Start des Glaubensjahres im Vatikan stattfindet, und lädt alle Bischöfe dazu ein, das Jahr in einer, wie er schreibt, „würdigen und fruchtbaren Weise" zu begehen. Er schlägt den Bistümern, Pfarreien und katholischen Gruppierungen weltweit ein „öffentliches Bekenntnis des Credo" vor in der Form, die sie für richtig halten, und kündigt an, dass es bald konkrete Vorschläge aus der Glaubenskongregation zum „Jahr des Glaubens" geben wird. Wichtig ist dem Papst aber nicht nur das öffentliche Glaubensbekenntnis von Einzelnen und Gruppen: Die Menschen sollen dem Glauben „ihre Herzen öffnen" und ihn auch in der Öffentlichkeit leben.

Die Öffentlichkeit in den westlichen Ländern wirkt aber nicht sehr offen für das Zeugnis von Glaubenden…

Das erwähnt Benedikt XVI. in seinem Motu Proprio auch. Es werde heute oft geleugnet, dass der Glaube „eine offensichtliche Voraussetzung für das Zusammenleben" sei; die „Glaubenskrise" sei weitverbreitet. Aber er wolle nun einmal „nicht akzeptieren, dass das Salz schal wird und das Licht unter den Scheffel gestellt wird": „Auch der Mensch von heute", so der Papst wörtlich, „kann von neuem das Bedürfnis spüren, wie die Samaritanerin zum Brunnen zu kommen, um Jesus zu hören… Wir müssen den Geschmack wiederfinden, uns vom Wort Gottes und vom Brot des Lebens zu nähren".

Steckt hinter dem Glaubensjahr die Vorstellung, dass die Katholiken einfach mal wieder öffentlich zeigen müssen, wer sie sind?

„Nicht nur – Benedikt ruft in seinem Motu Proprio auch nach einer „Erneuerung der Kirche". Aber die gebe es eben vor allem – so wie er das auch bei seiner Deutschlandreise betont hat – „durch ein erneuertes Zeugnis des Lebens bei den Gläubigen". Darum wünscht sich der Papst allem voran „eine authentische und erneute Umkehr zum Herrn", einen „Glauben, der durch Gelebtwerden stärker wird". Und davon ausgehend dann ein neuer Elan der Kirche, damit auch andere „wieder die Freude am Glauben entdecken". Er zeigt übrigens wieder mal seinen tiefen Respekt vor allen, die nicht glauben, aber auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sind. Diese Suche nennt er „eine echte Präambel zum Glauben". Übrigens betont der Papst auch, dass er im „Jahr des Glaubens" auf eine intensivierte Caritas hofft – das gehört für ihn nämlich zum Glauben mit dazu."

Es gab unter Benedikt XVI. schon ein Priester- und ein Paulusjahr, jetzt also ein Jahr des Glaubens. Was kommt danach?

„Das weiß man noch nicht. Allerdings darf man wohl zu diesem Glaubensjahr, womöglich auch schon vorher, mit einer Enzyklika Benedikts zum Thema Glauben rechnen. Und der Papst betont, dass es mit einem Glaubensjahr von gut 13 Monaten – es endet ja erst Ende November 2013 – nicht getan ist: Wer die „Tür des Glaubens", die immer offenstehe, durchschreite, der sei „auf einem Weg, der das ganze Leben dauert". (rv)

 

Original Text des >>  Motu Proprio hier

Protestanten auf Malta: „Auch wir werden Flaggen schwingen“

Für eine Nacht der Nachbar des Papstes: Wilfried Steen wohnt in Rabat nur wenige Schritte von der Nuntiatur entfernt, in der sein Landsmann Benedikt die Nacht von Samstag auf Sonntag verbringt. Allerdings – Steen ist Protestant. Er leitet die deutsche protestantische Gemeinde auf Malta. Und trotzdem freut er sich über den Besuch aus Rom und plant dazu sogar eine Art ökumenischer Gartenparty. Stefan Kempis sprach mit ihm über die Nähe der meisten Malteser zur katholischen Kirche – und ob er das nicht manchmal mit Befremden sieht.
„Nein – eigentlich mit Bewunderung. Ich erlebe nämlich hier als evangelischer Pfarrer eine ausgeprägt ökumenische Arbeit der katholischen Kirche und sehe mich hier als Vertreter einer kleinen Minderheit doch sehr akzeptiert und angenommen, auch von meinen katholischen Amtsbrüdern. Ich glaube, dass hier ein großes Selbstbewusstsein der katholischen Kirche dabei hilft, „Andersgläubigen" im ökumenischen Verbund die Tür zu öffnen und zu sagen: Jawohl, ihr seid ein bisschen anders als wir, aber ihr seid unsere Geschwister!"
Das ist aber in anderen sehr katholischen Gegenden, etwa in Polen, nicht so…
Nein."
Wie erklären Sie sich, dass hier in Malta funktioniert, was anderswo nicht immer klappt?
„Ich glaube, es funktioniert hier deshalb, weil es in der Vergangenheit in der Geschichte dieses Volkes nie solche Auseinandersetzungen auch um die konfessionellen Fragen gegeben hat: Malta war ja immer eindeutig ein katholisches Land und ist das auch noch heute. Und das hilft, glaube ich, sehr, sich zu öffnen und zu sehen, dass es neue Bewegungen gibt, dass wir als Kirche eigentlich an einem Strange ziehen."
Als deutscher Besucher kann man im Moment in Valletta das Gefühl haben, hier wird jetzt mit dem Papst noch einmal Paulus und die große Belagerung des 16. Jahrhunderts sozusagen nachgespielt…
„Sie haben natürlich nicht unrecht, dass das manchmal etwas skurril wirkt. Aber eigentlich hat das etwas sehr Liebenswertes, das man sich so zu seiner eigenen Geschichte bekennt – und ich glaube, das macht die Malteser sehr selbstbewusst."
Haben Sie Verbindungslinien zum Papstbesuch?
„Wir werden natürlich hier im Haus, weil wir hier ganz nah dran sind und der Papst hier vorbeifährt, dazu beitragen, dass er eine freundliche Begrüßung hat… Wir werden hier mit unserer deutschen Flagge ein Zeichen setzen und werden auch entsprechend alles schmücken. Wir treffen uns hier als protestantische Gemeinde, aber auch die katholische deutsche Gemeinde: Wir versammeln uns hier, trinken gemeinsam Kaffee, vergnügen uns – und warten darauf, dass der Papst vorbeifährt. Benedikt fährt hier durch unsere Strasse, und das werden wir natürlich nutzen, um als evangelische und katholische Deutsche hier zu stehen und Flaggen zu schwingen und ihn mit Hallo auch auf seinem Weg zu begleiten!" (rv)