Dialog ist immer möglich, sagt Kardinal angesichts der Spannungen in Jerusalem

JERUSALEM – Der Vorsitzende des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, Kardinal Jean-Louis Tauran, hat in Bezug auf die Situation im Heiligen Land betont, dass der Dialog “immer möglich” sei.

In einem Interview mit der Tageszeitung des Vatikan, L’Osservatore Romano (LOR), bekräftigte der französische Kurienkardinal auch die Bedeutung der gegenseitigen Achtung in Bezug auf die Anhänger anderer Religionen.

Kardinal Tauran erklärte gegenüber LOR, “den Dialog als Weg zu beschreiten, ist immer möglich; aus diesem Grund sollte er, trotz allem, befördert werden. Ja, denn der Christ ist aufgerufen, auch in schwierigen Zeiten ein kohärentes Zeugnis abzulegen, vor allem in einer Welt, in der die Gewalt zunehmend im Namen Gottes oder der Religion verübt wird.”

Seiner Meinung nach gebe es noch Hoffnung für den Frieden im Nahen Osten, betonte er, in Bezugnahme auf die Entscheidung des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen.

“Der Dialog muss weiterhin auf allen Ebenen geführt werden. Es genügt, daran zu denken, was aufgrund eines signifikanten Zufalls am 6. Dezember passiert ist, als die Entscheidung des Weißen Hauses öffentlich bekanntgemacht wurde”, erinnerte der Kardinal in Bezug auf das Treffen des Papstes mit den Teilnehmern einer Versammlung des Dikasterium und der Kommission für den Interreligiösen Dialog des Staates Palästina.

Diese ganze Situation, so der Kardinal, “zeigt, wie wichtig es ist – für uns Christen – in unserem Glauben eifrig und konsequent zu bleiben, in den Schwierigkeiten einer Welt, die so pluralistisch ist, und uns nicht entmutigen zu lassen, um die charakteristischen Herausforderungen einer multikulturellen Realität besser zu verstehen und zu bezeugen, dass es möglich ist, zusammenzuleben, in der Überzeugung, dass die Liebe die einzige Kraft ist, die fähig ist, die Welt zu einem besseren Ort für uns alle zu machen.”

Der Status Quo Jerusalems

Am Mittwoch, den 6. Dezember, hatte Donald Trump seine Entscheidung bekanntgegeben, die Botschaft der Vereinigten Staaten von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen.

Damit wurde Jerusalem durch die USA als Hauptstadt Israels anerkannt, was zu teilweise gewalttätigen Zusammenstößen geführt hatte. Die palästinensische Organisation Hamas rief zu einer neuen “Intifada” auf, das heißt zu einer neue Rebellion, einem neuen Aufstand gegen Israel.

Mehrere Länder und UN-Vertreter haben Trumps Entscheidung kritisiert. Andere Regierungen haben jedoch die Ankündigung der Vereinigten Staaten befürwortet, wie Guatemala, das ebenfalls ankündigt hat, den Sitz seiner Botschaft in Israel nach Jerusalem zu verlegen.

Der Status Jerusalems ist ein Schlüsselthema im israelisch-palästinensischen Konflikt, da beide Seiten auf diese Stadt als ihre Hauptstadt Anspruch erheben.

Über Jahre hinweg haben die amerikanischen Präsidenten den diplomatischen Sitz in Tel Aviv belassen, wie die meisten Nationen der Welt auch, und ihn nicht nach Jerusalem verlegen wollen.

Die Palästinenser und ein Großteil der arabischen und muslimischen Welt akzeptieren nicht, dass Jerusalem Hauptstadt Israels sei. Neben der umstrittenen Territorialfrage spielt dabei auch eine Rolle, dass sich in Jerusalem heilige Stätten des Judentums, Christentums und Islam befinden.

In der Generalaudienz am 6. Dezember appellierte Papst Franziskus nachdrücklich an den Frieden und daran, eine Lösung für die neue, durch den amerikanischen Präsidenten ausgelöste Krise zu finden. (CNA Deutsch)

Pax Christi: Erklärung von Betlehem

Pax Christi InternationalDie internationale katholische Friedensbewegung Pax Christi will mehr auf junge Leute und auf Frauen setzen. Jungen Leuten will sie in den nächsten fünf Jahren „Alternativen zum Extremismus bieten“, kündigt sie in einer „Erklärung von Betlehem“ an. In der Geburtsstadt Jesu haben sich in den letzten Tagen 150 Pax-Christi-Delegierte aus etwa dreißig Ländern zu einer Generalversammlung getroffen. Pax Christi wurde in Frankreich unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, es feiert dieses Jahr also sein 70jähriges Bestehen. (rv)

Israel: „In Europa lieber Englisch sprechen”

Israel Keine Raketen mehr und Waffenruhe. So lauten die neuesten Nachrichten zum Gaza Konflikt. Israel und die Palästinenser haben sich Dienstag-Abend ein weiteres Mal auf eine Waffenruhe geeinigt und diesmal soll sie ohne Zeitbeschränkung halten. An diesem Dienstag gab es noch keine gemeldeten Zwischenfälle. Iris Lanciano, eine österreichische Journalistin, die in Tel-Aviv lebt, berichtet uns von der Situation vor Ort:

„Eine Umfrage hat gezeigt, dass 50 % der Israelis unzufrieden sind mit der israelischen Regierung. Und das macht natürlich Sorge. Die Menschen vertrauen Ministerpräsident Netanjahu nicht mehr und sie glauben auch nicht mehr an den Waffenstillstand. Man kann nur abwarten was die Zukunft bringt. Aber die Menschen, vor allem im Süden des Landes haben Angst, dass wieder Raketen fallen und wollen nicht zurück in ihre Häuser.”

In den 50 Tagen der Eskalation ist viel geschehen: Israelischen Angaben zufolge seien 5.230 Ziele bombardiert worden. Militante Palästinenser hätten rund 4.590 Raketen auf Israel abgefeuert und davon seien rund 3.660 eingeschlagen. Der Rest sei von dem Israelischen Abwehrsystem „Iron Dome” abgefangen worden oder auf palästinensischen Boden gefallen. Bei der Offensive der israelischen Armee wurden 2.130 Palästinenser getötet, darunter nach Angaben der Vereinten Nationen fast 500 Kinder und mehr als 11.100 verletzt. Auf israelischer Seiten starben 64 Soldaten und sechs Zivilisten.
In Deutschland und Österreich sind die Schlagzeilen vor allem dem Jubel der Palästinenser gewidmet. Die ‚Zeit’ berichtet beispielsweise über „Jubel inmitten der Trümmer”, die Frankfurter Allgemeine Zeitung meldet „Freudenschüsse statt Raketen und Bombenhagel”, die Süddeutsche Zeitung schreibt auch Palästinenser in Gaza feiern Einigung als „Sieg”. Die Palästinenser werten demnach die Waffenruhe als Sieg gegen Israel und feiern auf den Straßen. Bilder zeigen Freude und Erleichterung im Gazastreifen und die Zerstörung. Wie wird das in Israel aufgenommen?

„Die Bilder aus Gaza sind natürlich nicht auch hier an uns nicht vorbeigegangen und es sit erschreckend zu sehen, wie Kinder mit Sprengstoffgürteln und Waffen abgelichtet werden und die Israelis machen sich Sorgen, dass es zu weiteren Anschlägen kommen kann.”

Durch den Gaza-Konflikt hörte man immer wieder von neuer antisemitischen Entfachung –auch in Deutschland, Italien und Österreich. Wie gehen die Jugendlichen, oder die jungen Erwachsenen mit diesen Informationen um. Wird es viel thematisiert? Auch in den israelischen Medien?

„Der Antisemitismus in Europa ist erschreckend. Viele Israelis überlegen sich nun zweimal, ob sie nun nach Europa reisen oder nicht. Diejenigen, die nach Europa reisen, haben Angst auf den Straßen hebräisch zu sprechen und sprechen lieber Englisch.”

Aus Ägypten hieß es jetzt, dass die Grenzübergänge von Israel zum Gazastreifen umgehend geöffnet werden, um humanitäre Hilfe durchzulassen. Für UN-Generalsekretär Ban Ki-moon gibt dies nun Hoffnung für eine politische Lösung des Konflikts. „Eine bessere Zukunft für Gaza und für Israel bedingt eine verlässliche Waffenruhe. Es liegt nun an beiden Seiten, dieser Verantwortung gerecht zu werden”, sagte Ban in New York. (rv)

Historiker: „Papst Pauls Heiliglandreise nicht an heutigen Maßstäben messbar”

Gudrun SailerIn einem Monat reist Papst Franziskus ins Heilige Land. So wie vor 50 Jahren Papst Paul VI. wird er drei Tage lang – von 24. bis 26. Mai – die Stätten Jesu aufsuchen. Das Programm, das Franziskus absolvieren wird, fällt aber anders aus als das seines Vorgängers anno 1964. Denn in diesen 50 Jahren kam es zu erheblichen Akzentverschiebungen gerade bei Heiliglandreisen der Päpste. Aus heutiger Sicht mutet die Visite Paul VI. in ihren einzelnen Schritten, Bildern und Programmpunkten revolutionär und zugleich seltsam veraltet an. Der in Potsdam lehrende Historiker Thomas Brechenmacher warnt davor, die Maßstäbe von 2014 an Papst Pauls Heiliglandreise vor 50 Jahren anzulegen. Gudrun Sailer sprach mit ihm.

„Wir sehen das heute im Jahr 2014 vor dem Hintergrund schon etablierter Papstreisen. Papstreisen sind etwas Normales heutzutage, es ist von einem Papst verlangt, dass er reist. Das war 1964 anders. Es ist die erste Papstreise modernen Typus. Seit 150 Jahren hatte kein Papst Italien verlassen. Das zweite Überraschende war das Ziel: eine Reise ins Heilige Land – zu den Ursprüngen des Christentums, in diese politisch extrem zerklüftete und auch gefährliche Gegend. Drittes Staunen: das theologische oder kirchengeschichtliche Hauptereignis der Reise, die Begegnung mit dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras, die dazu geführt hat, dass ein Jahrhunderte langes Schweigen zwischen den Kirchen des Westens und den Orthodoxen Kirchen des Ostens beendet wurde.”

Sie sagen, von der heutigen Warte aus würde man dazu neigen, diese Reise auch in einer Optik der Defizite zu sehen. Was fehlt denn aus unserer Sicht heute an dieser Papstvisite vor 50 Jahren?

„Wenn man auf die Reise Johannes Paul II. blickt oder auch auf jene von Benedikts ins Heilige Land, fallen sofort die Bilder ins Auge das Bild: der Papst an der Klagemauer, der Papst in Yad Vashem. Die Auseinandersetzung mit Schuld, historischer Verantwortung, der Dialog, das Zugehen, die offene Seite gegenüber den anderen monotheistischen Religionen, speziell dem Judentum. Das war alles 1964 zwar auch vorhanden, aber nicht in einer Art, wie wir es heute erwarten würden. Es gab keinen Papst an der Klagemauer und keinen Papst in Yad Vashem. Zur Holocaust-Gedenkstätte ging ein Vertreter des Papstes. Wenn wir das von heute her sehen, denken wir, das kann doch nicht sein.”

Eine Frage der Anerkennung

Alle Päpste, die bisher ins Heilige Land gereist sind, bis hin zu Franziskus, dessen Reise bevorsteht, haben ihre Besuche dort als Pilgerreisen deklariert. Das kann aber natürlich nur die halbe Wahrheit sein: Wenn Päpste reisen, ist das niemals bloß Privatsache. Welchen politischen Rahmen hatte die Visite Paul VI. mit Blick auf Israel?

„Nahost, zerklüftet, politisch gespalten. In Palästina die Zweistaatlichkeit; Jordanien im Besitz der Altstadt von Jerusalem, auf der anderen Seite Israel, zwei verfeindete Staaten. Beide Staaten verfügten nicht über diplomatische Beziehungen zum Heiligen Stuhl. Aber auf beiden Seiten waren die Erwartungen sehr hoch bezüglich der politischen Ergebnisse der Reise, und zwar in Bezug auf die Frage: werden wir jetzt vom Heiligen Stuhl, vom Papst anerkannt. Das war für Israel noch wichtiger als für Jordanien. Bedeutet die Anwesenheit des Papstes in unserem Land, dass nun der Heilige Stuhl Israel als legitimen Staat auf dem Boden des Heiligen Landes anerkennt?”

Und wie wurde das gelesen?

„Die führenden israelischen Politiker haben das tatsächlich so interpretiert, allein die Anwesenheit des Papstes in unserem Land bedeutet, dass er es de facto anerkennt, auch wenn noch keine de jure Anerkennung vorlag. Das war eine gewagte Interpretation, denn auf der anderen Seite entstanden ja gerade Frustrationen über diese Reise dadurch, dass Papst Paul VI. kein einziges Mal den Namen des Staates Israel in den Mund genommen hat und dass er kein einziges Mal den Präsidenten des Staates angesprochen hat mit „Herr Präsident”, sondern immer mit der neutralen Formulierung „Exzellenz”; dass er also nie direkt Bezug genommen hat auf diesen Staat. Trotzdem die Interpretation: Nein, das ist alles zweitrangig. Erstrangig ist, der Papst ist hier, und das bedeutet, wir werden de facto anerkannt.”

Keine interreligiösen Gespräche

Gespräche mit Vertretern des Islam und Judentums fanden vor 50 Jahren nicht statt. Stieß das nirgendwo auf Unverständnis?

„Es gab Kritik von unterschiedlichen Gruppen. Es gab diverse Rabbiner, die argumentiert haben, der Papst spricht gar nicht zu uns, obwohl er auch eine historische Schuld abzuarbeiten hätte. Auf der anderen Seite gab es gerade auf der Orthodoxie Strömungen, die ganz anders herum argumentiert haben: Wozu sollen wir denn mit dem Papst sprechen? Dazu besteht doch gar keine Veranlassung, wir lehnen das ab. Ein orthodoxer Rabbiner hat einen Eklat damit provoziert indem er erklärte, ich werde daran nicht teilnehmen. Die Sache ist in unterschiedlichen Gruppen unterschiedlich gelagert, aber es gab Kritik an dem ausbleibenden Gespräch. Doch auch hier muss man sagen, man darf nicht von unserer Situation heute ausgehen. Wir haben einen längst etablierten christlich-jüdischen Dialog, den es zu jener Zeit noch gar nicht gab, es fehlten die Formen, es fehlten die Routinen. So gesehen war dieser Besuch bei allen Defiziten natürlich ein Anfang, ein erstes Zeichen.”

Die Reise fand eineinhalb Jahre vor der Veröffentlichung der Konzilserklärung „Nostra Aetate” statt, das die Beziehungen zu den Religionen, gerade auch zum Judentum, auf eine neue Basis stellte. Hatte die Reise ins Heilige Land Auswirkungen darauf, oder war sie als Vorab-Signal für eine größere religiöse Toleranz der Katholischen Kirche überhaupt zu verstehen?

„Die Konzilserklärung war in Bearbeitung. Wir befinden uns im Winter 1963/1964, die zweite Sitzungsperiode des Konzils war abgeschlossen. Der Papstwechsel hatte einige Monate vorher stattgefunden. Durch Johannes XXIII. war diese Aufgabe angegangen worden, das Sekretariat von Kardinal Augustin Bea, das damit beauftrag war, Entwürfe auszuarbeiten, hatte die Arbeit begonnen. Aber auf dem Konzil selbst ist die Frage der Konzilserklärung über das Judentum noch nicht intensiv diskutiert worden. Das hing so in der Schwebe in der zweiten Sitzungsperiode und wurde in der dritten wieder aufgenommen. Von Seiten des neuen Papstes war das ein klares Bekenntnis, indem er sagt, eine meiner ersten Aktionen ist, ich fahre ins Heilige Land. Damit war klar, er ist ebenfalls dafür, dass eine Konzilserklärung über das Judentum ausgearbeitet werden soll. Das hatte eine katalysatorische Wirkung, und wenn man auf die Geschichte der Konzilsdeklaration sieht, sieht man, im Konzil gab es heftige Gegenströmungen, und es ist unter anderem Paul VI. gewesen, der am Schluss ausschlaggebend war, dass die Konzilserklärung verabschiedet wurde.”

Das Holocaust-Gedenken: 1964 nur ein Randelement

Zum Religionspolitischen: 1964 bei der Papstreise lagen die Gräuel der Shoah erst 20 Jahre zurück. Erst auf Anregung Israels wurde zu diesem heiklen Thema ein kurzer symbolischer Akt des Holocaustgedenkens ins Programm genommen, wenn auch nicht ins Programm des Papstes. Wie lief das?

„Wir kennen die israelischen Dokumente zu diesem Thema, nicht aber die vatikanischen. Wir haben also nur die halbe Seite der Geschichte. Ausgehend von den israelischen Dokumenten sieht es so aus, dass diese Idee von den israelischen Politikern über einen jüdischen Generalkonsul in Mailand in Richtung Vatikan gespielt wurde. Die argumentierten, der Papst ist nun in Israel, es wäre die Krönung, wenn er eine Holocaust-Gedenkstätte besichtigen würde. Diese Idee wurde lanciert, das können wir nachvollziehen. Die Idee war, der Papst selber soll das machen. Am Ende ist aber nicht der Papst gegangen, sondern er hat den Stellvertreter Kardinal Tisserant geschickt, die Idee wurde also im Planungsstab aufgenommen, aber sie wurde verändert. Grundsätzlich hatten aber alle einen großen Respekt vor dem gedrängten Programm. Elf Stunden auf israelischem Boden. Und man sagte, man respektiert das, der Papst will eine Pilgerreise machen, es ist ein geistliches Programm, und jedes Zeichen, das er setzt, ist willkommen. Die Lösung war dieses Zeichen: Kardinal Tisserant geht in die Gedenkstätte, nicht Yad Vashem, das war der sogenannte Trauerkeller in der Nähe des Zionsberges, das lag auf der Veranstaltungsroute des Papstes.”

Noch ein Element dieser Reise, das aus heutiger Sicht erstaunt: Paul VI. hat in Israel seinen Vorgänger Pius XII. ausdrücklich für sein Vorgehen im Holocaust verteidigte. Rolfs Hochhuths „Stellvertreter” war 1963 erschienen, ein Theaterstück, das höchst öffentlichkeitswirksam Pius für sein Schweigen zur Judenverfolgung geißelte. Paul VI. Montini war zur Zeit des Kriegs ein wichtiger Mitarbeiter von Pius im Staatssekretariat gewesen, und er fühlte die Notwendigkeit, Pius zu verteidigen. Wie haben die israelischen Stellen darauf reagiert?

„Das war schon ein eigenartiges Ereignis: Kurz vor dem Verlassen des Staates Israel am Abend dieses 5. Januar bei der Abschiedsrede kommt Paul VI. auf Pius zu sprechen und verteidigt ihn gegen Hochhuth. Das ist unterschiedlich interpretiert worden und auch noch heute rückblickend ein großer Streitpunkt bei dieser Reise. Manche haben gesagt, das hätte er sich nicht erlauben dürfen, das sei eine Apologie gewesen, und damit hätte er die Leiden des jüdischen Volkes relativiert. Das sind aber die Stimmen einzelner gewesen. Im Großen und Ganzen kann man nachvollziehen aus den israelischen Dokumenten, vor allem auch bei den Regierungspolitikern, hat man etwas gestutzt darüber, bei genauerem Nachdenken sagte man aber auch, nun, das ist ja der Vorwurf eines deutschen Autors gewesen, von jüdischer Seite ist diese Kritik ja so gar nicht geäußert worden, und wenn der Papst es für so wichtig hält, dass er es hier in Jerusalem an diesem zentralen Ort darüber spricht, dann bedeutet das doch eigentlich, er erkennt uns an. Es ist wieder in diesem Koordinatensystem abgebucht worden, man hat gesagt, wenn der so was Wichtiges für hier sagt, dann bedeutet das, er nimmt uns ernst. Das bedeutet wiederum, er erkennt Israel an, und noch mehr, den israelischen Führungsanspruch für alle Juden der Welt. Israelische Politiker haben deutlich gesagt, einen besseren Beweis dafür konnte der Papst gar nicht liefern, dass er eben das jüdische Volk im Staat Israel anerkennt in seiner Führungsposition für alle Juden in aller Welt. Das kommt uns heute merkwürdig vor, weil wir dieses Denken nicht mehr so nachvollziehen können, aber dafür gibt es klare Belege.”

„Ein unvollkommener Anfang, aber ein Anfang”

Welche Bilanz lässt sich aus heutiger Sicht auf die Reise Pauls VI. ins Heilige Land vor 50 Jahren ziehen?

„Hauptertrag natürlich theologisch der Dialog mit der Orthodoxie. Das ist der wichtigste Punkt. Wir neigen dazu, Israel in den Mittelpunkt zu stellen. Für den Dialog mit den Ostkirchen ist das zentral gewesen und übrigens dann auch für die Fortsetzung des Konzils. Zweiter Punkt: Es formiert sich ein neues Bild des Papsttums. Ein reisender Papst. Das macht Paul VI. dann auch weiter, er spricht vor der UNO, reist nach Indien. Für die Beziehungen zum Judentum ist es denke ich auch ein wichtiger Meilenstein. Einer der israelischen Politiker hat einmal gesagt, hier hat zum ersten Mal das Oberhaupt der katholischen Kirche auf gleicher Augenhöhe gesprochen mit Vertretern des Judentums. Eine Verständigung auf gleicher Augenhöhe findet hier zum ersten Mal statt. Das was wir heute christlich-jüdischen Dialog nennen, war noch vielen Rückschlägen und Verzögerungen ausgesetzt, bis es dann zu den großen Schuldbitten Johanns Pauls II. im Jahr 2000 kam. Da sind noch einige Jahrzehnte vergangen. Dennoch war es ein Anfang. So unvollkommen dieser Anfang war, er war ein Anfang, der alles weitere nach sich gezogen hat, das was Johanns Paul für den Ausbau des Dialogs geleistet hat, was auch Benedikt XVI. geleistet hat, lebt auch und bezieht sich auch immer zurück auf diesen Anfang des Jahres 1964.” (rv)

Jerusalem: Voll, aber friedlich

Via DolorosaGläubige und Pilger aus der ganzen Welt kommen in das Heilige Land, um die religiösen Feiern in der Grabeskirche zu verfolgen, Christen aller Konfessionen sind am Karfreitag dort, um mit Holzkreuzen den Leidensweg Jesu – die Via Dolorosa – nachzuempfinden. Dieses Jahr überlagern sich die religiösen Feste in Jerusalem. Trotz unterschiedlicher Kalendersysteme feiern die Christen der Ost- und Westkirche zur selben Zeit Ostern und zusätzlich die Juden ihr Pessach-Fest. Alle wollen nach Jerusalem! Der Journalist Ulrich Sahm ist vor Ort und hat in einem Interview mit dem Domradio vom Ausnahmezustand erzählt:

„Da steht natürlich das ganze Land Kopf. In diesen Tagen werden in einem Land von einer Bevölkerung von nur acht Millionen Menschen eine Million Menschen allein den Flughafen passieren. Pilger, die kommen und Israelis, die in den Pessach-Urlaub irgendwohin fliegen, in die Türkei oder anderswohin. Die Polizei steht Kopf, weil fürchterliche Staus erwartet werden. Insofern ist es furchtbar.”

Es ist selten, dass Ostern der West- und Ostkirche an einem Termin zusammenfallen. Das passiert erst wieder 2017 und dann wieder 2025. Warum? West- und Ostkirche konnten sich bisher nicht auf ein gemeinsames Datum für die Feier der Auferstehung Christi einigen. In den meisten orthodoxen Kirchen richtet sich die Lage der Festtage nach dem alten Julianischen Kalender und nicht nach dem Gregorianischen Kalender, den Papst Gregor XIII. im 16. Jahrhundert im Zug seiner Kalenderreform einführte. Dieser gemeinsame und große Ansturm der Gläubigen führt in Jerusalem zu erhöhten Sicherheitsmaßnahmen, kontrollierten Zugängen in der Altstadt und schließlich auch zu Beschränkungen am Tempelberg. In den vergangenen Tagen ist es zu Ausschreitungen zwischen Palästinensern und israelischer Polizei gekommen, gefährlich sei es aber nicht, so Ulrich Sahm.

„Anschläge, würde ich sagen, kann man fast ausschließen. Es gibt Spannungen auf dem Tempelberg, zum Beispiel haben dann die Israelis beschlossen, dass keine Touristen und keine Juden auf den Tempelberg steigen dürfen und dass nur Frauen und Männer über 50 mit israelischem Ausweis dort beten gehen dürfen. Also, es wird versucht, da auch diese Spannungen ein wenig zu mindern, zu lindern. Anschläge werden eigentlich nicht erwartet. Es hat ja schon einige Jahre lang keine richtigen großen Anschläge mehr gegeben, Selbstmordattentate oder dergleichen. Insofern ist Jerusalem eigentlich ein sehr ruhiger Fleck geworden, auch wenn es fürchterlich voll ist.”

Den Ostergottesdienst feiern die Katholiken in der Grabeskirche aufgrund des besonderen Zeitplans der unterschiedlichen Religionen bereits am frühen Samstagmorgen. Laut Sahm kann es passieren, dass durch die Absperrungen und Kontrollen auch einige Christen, die aus fernen Ländern wie Äthiopien angereist sind, bei der Osterzeremonie nicht teilnehmen können. Er befürchte aber keine großen Auseinandersetzungen:

„Da gibt es nun einen so genannten Status quo, das heißt Regeln, die sind über 300 Jahre alt, die aufgestellt worden sind und die dafür sorgen, dass jede religiöse Gemeinschaft, Kirche, Konfession, dass jeder an seinen Altären genau zu festgelegten Zeiten betet oder Gottesdienste feiert, dass die Prozessionen eine nach der anderen abgehalten werden, damit es da nicht zu Zusammenstößen kommt. Es gibt manchmal Prügeleien, weil bei manchen die Uhren nicht so ganz richtig gehen. Aber dafür ist ja Polizei präsent und die sorgt dann dafür, die Streithähne auseinanderzutreiben.”
(rv)

Israels Premier Netanyahu spricht mit Papst über Nahost-Visite

IsraelIsraels Premierminister Benjamin Netanyahu und Papst Franziskus haben über eine mögliche Reise des Papstes ins Heilige Land gesprochen. Franziskus empfing den Politiker an diesem Montag in Privataudienz. Vorrangig sprachen der israelische Premier und Franziskus über die „komplexe politische und soziale Lage im Nahen Osten", hieß es in einem anschließenden Vatikan-Statement. Besonders vertieft wurde bei den „herzlichen Gesprächen" die Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern, wobei der Wunsch nach einer „gerechten und dauerhaften Lösung im Respekt der Rechte beider Parteien" geäußert wurde. Anschließend ging es um die Frage des Status der katholischen Kirche in Israel sowie um den Abschluss eines seit längerem angestrebten Abkommens darüber.

Netanyahu sprach nach seiner Begegnung mit Papst Franziskus noch mit dem vatikanischen Staatssekretär Pietro Parolin sowie mit dem Untersekretär für die Beziehungen mit den Staaten, Monsignore Antoine Camilleri. (rv)

Israel: Katholiken verurteilen Vandalismus jüdischer Extremisten

Im Heiligen Land sorgt ein Akt des Vandalismus am Trappistenkloster Latrun für Empörung. Unbekannte Täter haben in der Nacht auf Dienstag das Eingangstor angezündet. Außerdem hinterließen sie auf den Mauern des Klosters antichristliche Schmierereien auf hebräisch. Jüdische Extremisten sollen für die Tat verantwortlich sein. Der israelische Premier Benjamin Nethanyahu hat den Vorfall umgehend scharf verurteilt. Auch der Patriarch von Jerusalem, Fouad Twal, drückt gegenüber Radio Vatikan seine Bestürzung aus und erinnert die Regierung an ihre Verantwortung:

„Die Regierung hat diesen Extremisten zu viel Spielraum und Freiheiten gelassen. Deshalb fühlen sie sich jetzt befugt, alles zu tun. Es ist zwar richtig, dass alle diese Taten verurteilen. Aber eine Verurteilung ist nicht genug! Ich will, dass die Ursachen dafür, dass einige Verrückte diese Akte des Vandalismus ausführen, beseitigt werden. Es ist notwendig, die Erziehung und Schulbildung mit einzubeziehen: Wo und wie haben diese Menschen gelernt, dass sie ihren Nächsten und die Heiligen Stätten nicht zu respektieren haben? Das ist meine Frage!"

Dabei hofft der Patriarch, die Christen können weiterhin als Brückenbauer des Dialogs im Heiligen Land auftreten, denn:

„Die Sorge ist allgemein und hin und wieder kommt es zu einem Vorfall dieser Art, der auch alle guten Absichten unseres Dialogs mit den anderen und das konkrete Alltagsleben unterminiert. Die Taten dieser Verrückten sind eine Sache, und der Dialog mit den Rabbinern und den Imamen ist eine andere. Hoffen wir, dass das vorüber geht, und dass die Regierung die notwendigen und auch drastischen Schritte unternimmt, um diesen Vandalismus einzudämmen. Es ist nicht genug, diese Taten anzuzeigen! Ich bin nicht glücklich, wenn ich eine schlichte moralische Verurteilung höre, denn das ist einfach nicht genug!"

Die Katholischen Ordinarien des Heiligen Landes haben unterdessen eine Pressemitteilung veröffentlicht in der sie sich die Frage stellen: „Was passiert in der israelischen Gesellschaft, dass die Christen zum Sündenbock und Ziel derartiger Gewalt werden?" Für die Behörden sei es an der Zeit, endlich etwas zu unternehmen, um dieser sinnlosen Gewalt ein Ende zu setzen und an den Schulen zu gewährleisten, dass Respekt gegenüber allen Bewohnern dieses Landes gelehrt wird. Die Mitteilung ist von nahezu allen Autoritäten der katholischen und lateinischen Kirchen im Heiligen Land unterzeichnet, unter ihnen neben dem Patriarchen von Jerusalem auch der Apostolische Nuntius in Jordanien, Giorgio Lingua, und der Kustos im Heiligen Land, Pater Pierbattista Pizzaballa. (rv)

Israel: Ultraorthodoxe Juden müssen Wehrdienst leisten

Ab diesem Mittwoch sind ultraorthodoxe Juden nicht länger vom Wehrdienst ausgenommen. Damit setzt die Regierung von Benjamin Netanjahu eine Vorgabe des Obersten Gerichts um. Dieses hatte im Februar geurteilt, es sei nicht mit der Verfassung zu vereinbaren, wenn die Schüler an Tora- und Rabbiner-Schulen von der allgemeinen Wehrpflicht ausgenommen würden. Ein Gesetz von 2002, das eine solche Ausnahme festgeschrieben hatte, lief in der Nacht auf Mittwoch aus. Die Sonderbehandlung von strenggläubigen Juden ist in der israelischen Gesellschaft seit Jahrzehnten umstritten. Verteidigungsminister Ehud Barak hat den Streitkräften einen Monat Zeit gegeben, um „praktische Vorschläge" für den Wehrdienst von Ultraorthodoxen zu erstellen. Seit 1949 verpflichtet ein Gesetz alle israelischen Bürger, mit 18 Jahren Wehrdienst zu leisten. (rv)

Israel: „Welle der Fremdenfeindlichkeit”

Sie kommen aus dem Südsudan, oder aus Eritrea. Irgendwie haben sie es nach Israel geschafft: Jetzt fühlen sie sich sicher. Aber sie täuschen sich: Immer wieder werden Menschen ohne legalen Status aus Afrika Opfer rassistischer Angriffe. Erst in Tel Aviv, dann in Jerusalem. Vor drei Tagen steckten Unbekannte in der Heiligen Stadt ein Haus in Brand, in dem eritreische Immigranten wohnen. Tötungsabsicht, sagt die Polizei. „Eine Welle von Fremdenfeindlichkeit", sagt David Neuhaus. Der Priester ist Arbeiter-Beauftragter der katholischen Kirche in Israel.

„Hier leben 60.000 Afrikaner, arme Leute, die Asyl suchen. Ihr Leben in Israel ist unglaublich hart: Sie wohnen in Tel Aviv in Stadtvierteln, wo es schon viele einheimische Arme gibt, die fühlen sich dann bedroht, und die Spannung explodiert, weil es keine klare Linie der Regierung gibt und keine Aufklärung der Israelis, die sich ja immer bedroht fühlen. Am letzten 23. Mai haben wir in Tel Aviv eine Demonstration erlebt, bei der die Teilnehmer auf jeden Afrikaner losgingen, der gerade vorbeikam. Presseberichte über Vergewaltigungen durch Afrikaner hatten die Stimmung angeheizt. Eher überraschend war dann das Feuer in Jerusalem: Hier gibt es noch nicht viele afrikanische Asylbewerber. Dass Rassisten ein Wohnhaus von afrikanischen Einwanderern in Brand setzen, ist darum sehr, sehr schwerwiegend."

Vor der Demo von Tel Aviv, also vor den ersten rassistischen Ausschreitungen, hatten Premierminister Benjamin Netanjahu und Innenminister Eli Yishai von der Shas-Partei „sehr aggressive Dinge gesagt", so Pater Neuhaus. Aber danach hätten „einige dann doch mildere Töne angeschlagen, an die Verantwortung appelliert". Israels neue Rassisten seien Mittelständler, die den sozialen Absturz fürchteten, und Leute, die denken, dass Nichtjuden in Israel nichts zu suchen hätten.

„Das kommt beides zusammen und wird von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten noch verstärkt. Politiker stacheln arme Israelis auf, da geht`s zunächst um finanzielle Sorgen, und das Klima der Fremdenangst schürt dann das Feuer des Rassismus."

Die Knesset hat erst vor kurzem ein Gesetz gegen illegale Einwanderer verabschiedet, das Pater Neuhaus „ausgesprochen hart" findet:

„Wer illegal nach Israel einreist, riskiert jetzt drei Jahre Gefängnis. Damit will Israel vor allem das Einsickern von Einwanderern über die ägyptische Grenze stoppen, die man hier „Infiltrationen" nennt. Zusätzlich baut Israel dort aus dem gleichen Grund auch eine Mauer. Nicht nur das Gesetz, auch die Worte sind hart. Diese Menschen werden nie als Personen angesprochen, die vor dem Tod oder dem Hunger fliehen – stattdessen herrscht die Vorstellung vor, dass das illegale Infiltrierte sind, also Kriminelle, die ins Gefängnis gehören."

Pater Neuhaus arbeitet mit einigen israelischen Verbänden zusammen, die sich gegen Rassismus und für die Rechte von Einwanderern einsetzen. Für ihn gehört das zur „Berufung des Heiligen Landes". Auch mit einigen Ministern und Verantwortlichen bei den Behörden sei das Lateinische Patriarchat von Jerusalem in Kontakt, „um diesen armen Menschen zu helfen". Aber er gibt zu bedenken:

„Die Kirche ist sehr schwach, wir sind ja nur einige wenige, aber darum müssen wir eben versuchen, besonders klar zu reden. Wir haben auch eine Erklärung zu den Vorgängen des 23. Mai veröffentlicht – es ist sehr wichtig, Klartext zu reden, zu zeigen dass man die Problematik versteht, dass man aber Gewalt als Lösung nicht akzeptiert. Die Berufung der Kirche ist eindeutig, und wir haben eine immense Arbeit zu leisten. Zu unserer Kommission gehören Personen, die aus diesen Ländern kommen, etwa eine Ordensfrau aus Eritrea, die mit Landsleuten arbeitet; andere, die mit Sudanesen, Philippinos und mit Indern arbeiten." (rv)

Israel: Kardinal Meisner weiht im Heiligen Land ein Kloster

Kardinal Joachim Meisner hat ein neues deutsches Benediktinerkloster im Heiligen Land eingeweiht. Das Leben der Mönche müsse Maß nehmen am Leben Jesu, sagte der Kardinal in seiner Predigt. Jesu Spuren seien nirgends so greifbar wie im Heiligen Land, fügte der Kölner Erzbischof an, der Vorsitzender des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande ist. Neben dem Generalsekretär des Vereins vom Heiligen Lande, Heinz Thiel, und mehreren Diözesanvertretern waren acht Bischöfe und Äbte angereist, darunter Alt-Patriarch Michel Sabah. Das neue Kloster liegt in Tabgha am See Genezareth, unweit der Ruinen von Kafarnaum. (rv)