Ägypten: Das Land steht vor dem Kollaps

Headquarter Muslim BrotherhoodIn Kairo haben gewaltbereite Demonstranten den Hauptsitz der Regierungspartei der Muslimbrüder angegriffen. Das Gebäude ging laut Medienangaben in Flammen auf, Augenzeugenberichten zufolge waren zu diesem Zeitpunkt jedoch keine Menschen mehr in dem Gebäude. Vertreter der friedlichen Protestbewegung „Tamarod" stellten Präsident Mohammed Mursi unterdessen ein Ultimatum, am Dienstag bis 17.00 Uhr Ortszeit zurückzutreten. Die Bewegung drohte mit zivilem Ungehorsam, sollte Mursi nicht einlenken. Die „Tamarod"-Bewegung, die sich keiner Oppositionsgruppe zuordnen will, aber von diesen unterstützt wird, erhielt seit Mai 2013 laut eigenen Angaben Unterschriften von 22 Millionen ägyptischen Bürgern. „Tamarod", was übersetzt „Rebellion" oder „rebelliere" heißt, fordert vorgezogene Präsidentschaftswahlen. Doch Mursi will davon bislang nichts wissen und beruft sich auf seine demokratische Wahl zum Präsidenten.

Jesuitenpater Samir Khalil Samir ist Berater des Vatikan in Islamfragen und stammt selbst aus Ägypten. Im Gespräch mit Radio Vatikan sagt Samir, er könne nur hoffen, dass Mursi sich angesichts des Ultimatums einsichtig zeige:

„Ich glaube, es gibt nun eine Konfrontation – entweder lenkt Mursi ein und sagt: ,ok, ich bin nicht fähig, wir machen eine neue Wahl und wer kommt, kommt’, oder er sagt – und das ist momentan seine Meinung – ,nein, ich bleibe, denn ich bin demokratisch gewählt.’ Aber er ist demokratisch ungeliebt, und das ist auch eine Tatsache. Deshalb wäre eine neue Wahl am vernünftigsten."

Die rund 20 Millionen Menschen, die sich mit ihrer Unterschrift für Neuwahlen ausgesprochen hätten, seien nicht wenige. Umso mehr, als das Versagen der Verwaltung Mursi sich auch in der Besetzung seiner Mitarbeiter niederschlage, die exklusiv aus den Reihen der Muslimbruderschaft kommen – das Land stehe deswegen kulturell, politisch und wirtschaftlich vor einem Kollaps, so Pater Samir. Sollte es nicht zu Neuwahlen kommen, könnten die Ereignisse weiter eskalieren:

„Sonst bedeutet es, dass die Konfrontation jede Woche stärker wird, und die Polizei heftiger handeln wird. Es ist nicht normal bei uns in Ägypten, dass die Menschen bis zum Tod kämpfen, die Ägypter sind ruhige Leute, sie haben keine echten Waffen, und dennoch sind nun acht gestorben."

Zwar gebe es keine Lichtgestalt, die sich als natürliche Ablöse Mursis bei Neuwahlen aufdrängen würde. Andererseits zeige sich die Opposition im Verlauf der jüngsten Ereignisse immer kompakter, was Hoffnung auf einen möglichen Wechsel mache:

„Es gibt sicher andere Leute, die Erfahrung mitbringen. Es ist zwar nicht sicher, ob sie die Situation verbessern werden, aber es ist doch möglich. Die Menschen haben seit einem Jahr erfahren, dass dieser Präsident es nicht schafft. Ich glaube, die Menschen sind müde. Das dauert seit Monaten, und die Antwort ist nur Gefängnis und Gewalt, er diskutiert nichts und er macht neue Fehler." (rv)

Ägypten: Arabischer Frühling – ein Mythos?

ÄgyptenWie die Zukunft Ägyptens aussieht, weiß in diesem Moment niemand – noch nicht einmal Präsident Mursi. Dies sagte der koptisch-katholische Bischof Youhanna Golta am Wochenende im Gespräch mit dem vatikanischen Fidesdienst. Die Welle der Gewalt in Ägypten hält jedenfalls weiter an: Auch an diesem Montag kam es in der Nähe des Tahrir-Platzes wieder zu Auseinandersetzungen. Dies ist nun schon der fünfte Tag der Straßenschlachten. Über drei ägyptische Provinzen hat Mursi deshalb den Ausnahmezustand verhängt; an diesem Montag will er sich zu Gesprächen mit allen politischen Führern treffen.

Zwei Jahre und ein paar Tage ist es nun her, seit der so genannte „arabische Frühling“ in Ägypten begann. Doch wurden die Ziele von damals erreicht? Hossam Badrawi, der frühere Generalsekretär von Mubaraks Partei, sagte dazu jetzt im Gespräch mit Radio Vatikan:

„Hunderttausende Menschen versammeln sich auf dem Tahrir-Platz. Er ist voller Leute, die gegen die Unterdrückung demonstrieren und erneut Freiheit und Demokratie fordern – das sind genau die Werte, auf die sie durch die Revolution gehofft haben. Jetzt sind sie enttäuscht darüber, wie die Dinge wirklich gelaufen sind!“

Badrawi ist eigentlich Physiker. 2011 war er für nur eine Woche Generalsekretär der Mubarak-Staatspartei NDP, als Nachfolger von Mubaraks Sohn Gamal. Einen Tag nach Badrawis Rücktritt von diesem Amt stürzte auch Präsident Mubarak.

Nach Ansicht von Bischof Golta könnte in Ägypten sogar erneut der Alptraum eines Bürgerkrieges auftauchen, wenn die Regierung und die Muslimbrüder versuchen sollten, die aktuellen Proteste zu unterdrücken. Dem Fidesdienst sagte der koptisch-katholische Bischof: „Ich mag meine muslimischen Brüder und Schwestern. Ich habe der Islamistik auch mein Studium und meine Doktorarbeit gewidmet. Doch für uns alle ist die Frage offen, ob wir uns auf dem Weg zu einem fanatischen oder einem zivilen Land befinden“. Er erinnerte vor diesem Hintergrund daran, dass die Muslimbrüder und die Salafisten eine stark islamisch geprägte Verfassung für Ägypten durchgesetzt haben. Auch der ehemalige Mubarak-Berater Badrawi, der damals noch gehofft hatte, durch die Revolution könne es besser werden, sagt nun:

„Jahrelang haben wir für die Rechte der Frauen gekämpft. Es hat überhaupt keinen Sinn, dass jetzt diese Rechte wieder reduziert werden, dass die Kopten ausgegrenzt werden und man hier einen religiösen Staat schaffen will. Wir hören mittlerweile schon davon, dass neunjährige Mädchen verheiratet werden sollen oder die weibliche Beschneidung wieder eingeführt werden soll, weil Gesetze, die das verbieten, nicht islamisch seien. Dabei hat so was doch absolut nichts mit Religion zu tun!“

In den vergangenen Tagen haben sich christliche Vertreter aus dem so genannten „nationalen Dialog“ zurückgezogen; mit diesem Dialog versucht Präsident Mursi, die Kontakte zu den sozialen Komponenten und der Opposition wieder herzustellen. Bischof Golta erklärte dazu, damit es einen Dialog geben könne, müsse man auch die Argumente der Gegenseite hören.

Von der Hoffnung, die der „arabische Frühling“ vor zwei Jahren mit sich brachte, ist aktuell kaum noch etwas zu spüren, sagt Mubaraks früherer Gefolgsmann Badrawi. Unter Mursi und den Muslimbrüdern wehe ein strenger Wind.

„Der arabische Frühling ist ein Mythos. Jede Revolution, die Freiheit und Demokratie will, inspiriert, besonders dann, wenn junge Leute dahinter stehen. Aber wenn so wie in Ägypten eine solche Revolution ohne Führung und Ziele erfolgt, dann übernimmt am Ende eine organisierte Mehrheit die Macht. Und das ist ein Schritt zurück. Dann wird es noch schlimmer!“

Bischof Golta wünscht sich eine neue Sicht der Beziehungen zwischen Politik und Religion. „Wer religiös sein will, darf keinen Anspruch darauf haben, die Menschen per Gesetz zum Gebet, zum Verzicht auf Alkohol oder zu einer bestimmten religiösen Praxis zu zwingen. In den arabischen Ländern wird es nur durch die Trennung von Religion und Politik Demokratie geben können“.
(rv)

Vatikan/Ägypten: Kardinal Sandri besucht kath. Gemeinden

Kardinal SandriKardinal Leonardo Sandri ist für eine Woche zu Besuch bei den katholischen Gemeinden in Ägypten. Am Montag und Dienstag besuchte der Präfekt der Ostkirchenkongregation das lateinische Vikariat und die Nuntiatur in Alexandrien. Dabei würdigte er den Einsatz der ägyptischen Ordensschwestern vom heiligen Herzen Jesu und sprach ihnen Mut zu: „Die Gesellschaft von heute ist zweifellos anders als jene von vor 100 Jahren. Aber es genügt, auf den Ort zu schauen, an dem eure Mission ihren Ursprung genommen hat – Ägypten, dieses gastfreundliche Land, das das Jesuskind aufgenommen hat“, so der Kardinal. Sandri plädierte in diesem Kontext für „neue Formen der Nächstenliebe, die die Situation erfordert“. Weiter ging er auf die Bedeutung der Bekehrung im Jahr des Glaubens ein. Am Mittwochabend trifft der Kardinal den koptisch-katholischen Patriarchen von Alexandria, Antonios Naguib. (rv)

Ägyptischer Bischof: „Wir brauchen eine neue Revolution!“

ÄgyptenIm Januar vor zwei Jahren begannen die Umbrüche in Ägypten: Massendemos auf dem Tahrir-Platz von Kairo, Rücktritt von Präsident Mubarak, Frühlingsgefühle. Seitdem ist Ernüchterung eingekehrt, zumindest bei den Christen, die ungefähr zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung ausmachen. Der koptisch-katholische Bischof von Assiut, Kyrillos William, sagt im Interview mit Radio Vatikan:

„Seit der Revolution vom 25. Januar 2011 träumten eigentlich alle von einer besseren Zukunft für Ägypten, mit mehr Rechten und Demokratie. Die jungen Leute, die – egal, ob Muslime oder Christen – auf den Plätzen zusammen demonstrierten, haben auch zusammen gebetet und zusammen nach Demokratie gerufen. Das alles ist mittlerweile, wie wir sehen, auf der Strecke geblieben. Was wir sehen, ist, dass extremistische Muslime an die Macht gelangt sind, weil sie – anders als die jungen Demonstranten – gut organisiert sind und über Anführer verfügen. Jetzt bleibt uns nur, einfach auf das, was da noch so kommt, zu warten – mit Gottvertrauen, aber auch mit Vertrauen in die jungen Leute, die die Ideale ihrer Revolution nicht aufgegeben haben! Vielleicht kommen ja von ihrer Seite neue Umbrüche?“

Der Bischof, der auch für den erkrankten katholischen Patriarchen von Alexandria die Amtsgeschäfte führt, äußert sich nicht dazu, dass Oppositionskräfte kürzlich sogar mit Vertretern des alten Mubarak-Regimes gemeinsame Sache gemacht haben: als es nämlich darum ging, die von den Islamisten getextete Verfassung zu bekämpfen. Die Verfassung wurde per Volksabstimmung Ende Dezember angenommen, doch für Bischof Kyrillos William steht fest:

„So wie jetzt können wir nicht weitermachen, weil die Verfassung nicht die ganze ägyptische Bevölkerung repräsentiert. Das Komitee, das diesen Text geschrieben hat, hat seine Sicht der Dinge durchgesetzt; die Christen haben zunächst noch versucht, da noch etwas mehr Gleichgewicht hineinzubringen, mußten dann aber aufgeben und haben sich konsequenterweise ganz aus dem Gremium zurückgezogen. Sie wollten nicht zu Komplizen werden bei einer Verfassung, die nicht das bringt, wovon die Ägypter träumen.“

Wie könnte aus seiner Sicht eine Lösung für Ägypten aussehen? Die Antwort überrascht etwas aus dem Munde eines katholischen Bischofs:

„Die einzige Lösung ist eine neue Revolution! Eine Revolution im Sinne des 25. Januars vor zwei Jahren. Darauf warten wir. Es muss sich etwas ändern. Schließlich hat sich mittlerweile herausgestellt, dass die Muslimbrüder nicht die Kompetenz haben, ein so großes Land zu führen. Im Moment herrscht ziemliche Verwirrung, die Dinge sind nicht sehr klar. Dabei bräuchte Ägypten jetzt vor allem eine kompetente Wirtschaftspolitik von erfahrenen Leuten.“

Die ägyptische Wirtschaft steht vor dem Zusammenbruch, eines von vielen Problemen, denen man sich im Jahr zwei der Revolution am Nil gegenübersieht. Der Bischof von Assiut hofft, dass 2013 zumindest der heikle innere Friede im Land gewahrt werden kann.

„Wir werden dieses Jahr zum zweiten Mal überhaupt einige Tage lang gemeinsame Gebete mit unseren muslimischen Brüdern und allen christlichen Konfessionen abhalten. Wir beten dabei, am Freitag hier in unserer Kathedrale, um den Frieden. Dabei greifen wir das Thema auf, das der Heilige Vater dem Welttag des Friedens gegeben hat: Selig, die Frieden stiften! Eingeladen sind Orthodoxe, Protestanten und Muslime – letztes Jahr waren diese Gebete wirklich sehr, sehr bewegend, und ich glaube, das wird dieses Jahr ähnlich sein.“ (rv)

Ägypten: 27 koptische Christen kommen ums Leben, und keiner ist schuld

Ein ägyptisches Sondergericht hat alle Verfahren zum sogenannten „Massaker von Maspero" aus „Mangel an Beweisen" eingestellt. Es sei nicht möglich gewesen, die Schuldigen zu identifizieren, so die vom Justizministerium benannten Richter. Auch die Verfahren gegen verhaftete Kopten und einen muslimischen Aktivisten wurden fallengelassen. Bei einer Demonstration von Kopten im Zentrum von Kairo hatten am 9. Oktober letzten Jahres Unbekannte das Feuer eröffnet. Handy-Aufnahmen, die danach im Internet kursierten, legen nahe, dass die Schuldigen zur Armee gehören. Die Staatsanwaltschaft hingegen gab koptischen Provokateuren die Schuld. Bei den nächtlichen Ereignissen starben nicht nur 27 Kopten, es wurden auch über 320 weitere verletzt.

Die ägyptischen Salafisten wollen bei den Präsidentschaftswahlen einen gemäßigten früheren Muslimbruder unterstützen. Die Salafisten-Partei „al-Nour", zu deutsch „Das Licht", verfügt über ca. 20 Prozent der Abgeordneten im Parlament von Kairo. Ihre Entscheidung, bei den Wahlen von Ende Mai Abdel Moneim Abul-Futuh zu unterstützen, dürfte den Konflikt mit den Muslimbrüdern – der stärksten islamistischen Partei – heraufbeschwören. Diese hat Abul-Futuh nämlich letztes Jahr ausgeschlossen, weil er ihrer konservativen Linie nicht folgen wollte. Die Ankündigung der Salafisten dämpft die Wahlaussichten des offiziellen Kandidaten der Muslimbrüder: Es ist ihr Parteivorsitzender Mohammed Morsi.

Bei einer Demonstration von Salafisten in Kairo sind am Samstag Abend mindestens 91 Personen verletzt worden. Die Demonstration richtete sich gegen den Ausschluss des salafistischen Kandidaten Hazem Abu Ismail von der Präsidentenwahl. (rv)

Bischof Hanke in Ägypten: „Christliche Mitgestaltung nicht erwünscht“

Ägypten wählt: Beginnend im November waren zuerst die Mitglieder des Unterhauses in drei Runden bestimmt worden, an diesem Dienstag und Mittwoch gehen nun die Wahlen zum Schura-Rat, zum Oberhaus des Parlamentes, zu Ende, in der kommenden Woche folgen noch eventuell nötige Stichwahlen. Ein komplizierter Vorgang, der die Mehrheitsverhältnisse und die zukünftige Verfassung bestimmen soll.
In der vergangenen Woche hat der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke das Land und die Christen dort besucht, gegenüber dem Bistumsradio K1 berichtet er von der angespannten Lage und seinen Gesprächen mit den Vertretern der koptischen Kirche. Auch wenn die Muslimbrüder keine Extremisten seien, könnten sie doch nicht alleine regieren:

„Man muss sagen, dass die Muslimbrüder zusammen mit den Salafisten die Mehrheit haben, und das ist in der Tat ein sehr gefährliches Gemisch, ein zur Radikalität neigendes Gemisch. Die Christen selbst spielen im Parlament keine Rolle. Es gibt, wenn ich recht informiert bin, fünf koptisch-orthodoxe Christen, die Parlamentsmitglieder sind: Hier bietet sich keine Plattform, von der aus die Christen sich mit all der Kraft, die sie ja in ihren Institutionen, den Schulen und Krankenhäusern und Sozialeinrichtungen haben, einbringen könnten und mit gestalten könnten. Man hat eher den Eindruck, dass das nicht erwünscht ist."

Viele Christen sind nicht optimistisch, was die Freiräume für sie in Ägypten angehe – diese Erfahrung hat Hanke bei vielen seiner Gesprächspartner auf der Reise durch das Land gemacht. Auch wenn vor einem Jahr bei der Revolution auf dem Tahrir-Platz Christen und Muslime zusammen demonstriert hätten, so verändere sich jetzt die Gesellschaft.

„Im koptisch-katholischen Patriarchat schätzt man die Lage nicht hoffnungsvoll ein. Dort wusste man auch von dieser heftiger werdenden Aggressivität des Islam und dieser Klimaveränderung in der Gesellschaft besonders bei den weniger gebildeten Schichten zu berichten. Gerade die weniger gebildeten Schichten nehmen diese Hasspredigten, die es teilweise in den Moscheen gibt, als Quasi-Offenbarung auf und verändern ihre Einstellung und Haltung gegenüber den Christen."

Die Veränderungen seien vor allem im Alltag zu bemerken, erzählt Bischof Hanke, immer wieder sei ihm von alltäglichen Diskriminierungen gegen Christen berichtet worden.

„Die Christen haben kaum eine Chance, etwa bei einem muslimischen Arbeitgeber Arbeit zu finden. Mir hat ein junger Student erzählt, dass er, sobald er zu einem Personalgespräch kommt und man dort seinen christlichen Vornamen identifiziert, er keine Chancen mehr hat. Das sind sehr feine und subtile Formen der Diskriminierung, die man noch irgendwie verdecken kann, aber sie sind da, und sie treffen die Christen sehr hart."

Christliche und deswegen in der Regel nicht verschleierte Frauen würden angepöbelt, in gewissen Stadtvierteln sei es sogar gefährlich für sie, öffentlich aufzutreten, berichtet Bischof Hanke. Das sei eine Herausforderung für die Gemeinschaft, aber ganz besonders auch für den Glauben dort.

„Die Christen sehen klaren Auges die Bedrängnis, in der sie sich befinden. Sie sehen auch die Gefährdung. Aber ich habe dort einen sehr starken Glauben erlebt. Mir hat man verschiedentlich gesagt, dass man Glied in einer Kette in einer vierzehnhundertjährigen Unterdrückung und Diskriminierung sei, das mache stark. Es gibt natürlich zwischen Christen und Muslimen Freundschaften, das haben mir die jungen Leute in Alexandria auch bestätigt, so etwas ist schon möglich. Aber die institutionelle Aggressivität von Seiten islamischer Einrichtungen gegenüber dem Christentum hat enorm zugenommen und hat auch zu einer Klimaveränderung in der Gesellschaft beigetragen." (rv)

Ägypten: Blutige Nacht in Kairo

Schwere Zusammenstöße in Ägyptens Hauptstadt Kairo: Mindestens 36 Menschen, die meisten christliche Kopten, wurden letzte Nacht am Rand einer Demonstration getötet. Mehr als 320 Menschen sollen verletzt worden sein. Es waren die schwersten Ausschreitungen in Ägypten seit dem Sturz des früheren Präsidenten Hosni Mubarak. Aber der Sprecher der (katholischen) griechisch-melkitischen Kirche Ägyptens, Rafic Greiche, präzisiert:

„Das ist nicht das erste Mal seit der Revolution überhaupt, dass so etwas passiert – es ist vielmehr schon das dritte Mal innerhalb von neun Monaten. Und es liegt daran, dass die Regierung nichts für die Sicherheit tut. Schon zu Zeiten des alten Regimes Mubarak kam es manchmal zu solchen Konflikten, Kirchen brannten undsoweiter: Aber die Regierung sorgte immer wieder schnell für Sicherheit. Das ist jetzt nicht mehr so. Um zwei Uhr nachts hat der Premierminister die Menschen einfach gebeten, sich zu beruhigen; er hat aber keinerlei Befehle erteilt oder klare Entscheidungen getroffen!"

Der hier kritisierte Premierminister Essam Sharaf meinte in einer ersten Reaktion, Ägypten sei „in Gefahr": Der Konflikt zwischen Muslimen und Christen bedeute das „schwerwiegendste Risiko für die Sicherheit des Landes". Offenbar, so erklärt er, gebe es Kräfte, die vor den Wahlen Chaos im Land hervorrufen wollten und denen daran gelegen sei, „einen Keil zwischen Militär und Bevölkerung zu treiben". Die ägyptische Militärführung verhängte eine Ausgangssperre für die Nachtstunden. An diesem Nachmittag will das Militärregime ein Krisentreffen abhalten. Die Generäle haben die Regierung zu einer gründlichen Untersuchung aufgefordert. Aber der Melkiten-Sprecher hält das für nicht hinreichend:

„Die tun überhaupt nichts, in allen Bereichen, nicht nur in der Krise zwischen Christen und Muslimen. Darum hält diese Spannung an. Ich bitte den Papst und die ganze christliche Welt, für uns zu beten, denn das ist wirklich ein schwieriger Moment, und wir haben keinerlei Hoffnung. Vielleicht beruhigt sich die Lage nach dem Krisentreffen von diesem Montag wieder ein bisschen, und in ein paar Monaten kommt dann alles wieder hoch…"

Zunächst friedlich hatten in Kairo mehrere tausend Christen gegen ein Attentat islamischer Fundamentalisten auf eine Kirche in der südlichen Region Assuan demonstriert. Als der Demonstrationszug das Gebäude des staatlichen Fernsehens erreicht hatte, kam es zu ersten Zusammenstößen. Demonstranten warfen Steine auf Polizisten und Soldaten, die das Gebäude bewachten, und setzten Autos in Brand. Die Sicherheitskräfte gaben Schüsse in die Luft ab und setzten Tränengas ein, um die Menge auseinanderzutreiben. In anderen Berichten heißt es, zwei Panzerwagen der Armee seien mitten in die Menge gefahren und hätten mehrere Demonstranten überrollt. Vierzig Personen sollen festgenommen worden sein. Der Bischof von Giza, Antonios Aziz Mina, betont im Interview mit uns:

„Ich muss sagen, dass auch einige Muslime bei der Demonstration an der Seite der Kopten mitgemacht haben: Auch sie forderten für die Christen das Recht, in Frieden zu leben, und dass ihre Kirchen Schutz erfahren, statt niedergebrannt und zerstört zu werden. Leider haben Übeltäter, die in den Tagen nach der Revolution eine Kirche zerstört haben, festgestellt, dass sie damit straflos davonkommen. Das Militär hat entschieden, die Kirche auf seine eigenen Kosten wiederaufzubauen – aber das ist keine Lösung!"

Viele Christen fordern weiterhin einen Rücktritt des Gouverneurs von Assuan, dem sie vorwerfen, nichts gegen die Kirchenzerstörung in seiner Provinz Ende September getan zu haben. Außerdem fordern sie Polizeischutz für Kirchen und ein Recht auf Kirchenbau. Eine islamisch-koptische Dialoggruppe in Kairo fordert in einem Statement an diesem Montag klare, durchsichtige Regeln für Kirchenbau in Ägypten. Bischof Mina:

„Wenn wir so weitermachen, dann gibt es im neuen Ägypten kein Recht und keine Gerechtigkeit. Dabei wäre das das erste Element eines stabilen Staates: das Recht!"

Der Großimam der islamischen Universität al-Azhar in Kairo, Ahmed al-Tayyeb, ruft zu „dringenden Gesprächen" zwischen muslimischen und christlichen Führern auf, „um die Krise einzudämmen. Das berichtet das ägyptische Fernsehen. Tayyeb habe bereits mit dem koptischen Patriarchen, Papst Shenuda III. von Alexandria, gesprochen. Aus Trauer um die Opfer wollen die koptischen Christen drei Tage lang fasten und beten. Die Kopten stellen in Ägypten ungefähr zehn Prozent der Bevölkerung, sie sind überwiegend orthodox, nur ein kleiner Teil gehört der katholischen Kirche an. (rv)

Kardinal Sandri: „Sinnlose Gewalt“

Drei Dutzend Tote in Kairo bei Ausschreitungen zwischen Kopten und Muslimen: Kardinal Leonardo Sandri leitet die Ostkirchen-Kongregation des Vatikans. Wir fragten ihn an diesem Montag, wie der Vatikan auf die Unruhen in Kairo reagiert.

„Wir haben für die Opfer dieser Zusammenstöße gebetet. Unsere koptisch-orthodoxen Brüder, die das Attentat auf eine ihrer Kirchen erleben mussten, wollten wie alle Bürger für ihren Wunsch nach Religionsfreiheit und nach Respekt ihrer Rechte demonstrieren. Stattdessen mussten sie den bitteren Kelch des Todes und des Opfers trinken. Wir vereinen uns im Gebet mit der koptisch-orthodoxen Kirche, mit den Opfern dieser sinnlosen Gewalt, und wir beten auch für unsere katholischen Kopten, auf dass der Schatten dieser Gewalt gegen Kopten nicht auch auf sie fallen möge. Es ist eine kleine Gemeinschaft, aber sehr engagiert für den Frieden. Und wir beten auch darum, dass dieser so genannte Arabische Frühling wirklich ein Vorschuss auf den Frieden sein möge, den alle sich wünschen. Wir beten für Demokratie, für den Respekt der Religionsfreiheit und der Minderheiten, dafür, dass alle sich Hoffnung machen können auf eine sichere Zukunft." (rv)

Ägypten: Hoffnung nach neuen Zusammenstößen

Nach den schweren Zusammenstößen zwischen Kopten und Muslimen in Kairo in der Nacht auf Sonntag hat das Oberhaupt der orthodoxen Kopten die Christen dazu aufgefordert, ihren Sitzstreik im Zentrum der Hauptstadt zu beenden. Papst Shenouda III. sagte, der Protest lade die ohnehin schon gespannte Situation zwischen Kopten und Muslimen noch weiter auf. Er warnte zudem davor, dass die ägyptische Interimsregierung unter Führung der Streitkräfte dabei sei, die Geduld mit den Demonstranten zu verlieren. Zuvor hatte eine wütende Menge in Kairo die christlichen Demonstranten mit Steinen und Brandsätzen angegriffen, zwei Menschen starben. Jetzt nicht weiter Öl ins Feuer zu gießen, ist auch das Anliegen der koptischen Katholiken. (rv)

Ägypten: Brennende Kirchen Zeichen für soziale Unruhen

„Fanatiker gefährden Ägyptens Zukunft" und „In Kairo brennen wieder die Kirchen". So lauten die Überschriften über Berichte in den internationalen Medien über die Vorkommnisse in Kairo am vergangenen Wochenende. Zehn Menschen seien bei gewaltsamen Angriffen auf Kopten und ihre Kirchen getötet worden, so heißt es.
Der Auslöser war ein Gerücht: Eine 26jährige Frau sei gezwungen worden, Christin zu werden, um einen Christen heiraten zu können. Hunderte von Muslimen der radikalen Bewegung der Salafisten versammelten sich vor der Kirche und forderten ihre Freilassung, die Kopten stellten sich schützend vor ihre Kirche. Das Ergebnis: Zehn Tote, fast 200 Verletzte, vier abgebrannte christliche Kirchen, Militäreinsatz, Eskalation. Radio Vatikan hat mit dem Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Kairo, Joachim Schrödel, gesprochen.
„Man muss natürlich den Hintergrund etwas genauer kennen. Der Stadtbezirk, in dem sich die Unruhen entfaltet haben ist der Bezirk Imbaba und wenn man etwas in die Geschichte hineingeht, dann weiß man, dass Imbaba schon in den 90er Jahren eine islamistische Ecke war. Darauf hatte dann der Staat reagiert um dieses absolut überbevölkerte Gebiet mit etwa einer Million Menschen etwas auf einen höheren Standard zu heben. Das ist der eigentliche Grund, dort ist eine so gespannte Situation und es kann jederzeit immer wieder etwas explodieren. Und die Ägypter sind alle entsetzt, die Situation ist ärgerlich – gerade für die, die mitarbeiten wollen an einem guten neuen Ägypten – desaströs."
Eine ganz ähnliche Situation hat es zu Beginn des Jahres gegeben, noch vor den politischen Unruhen und Umstürzen. Hat das eine mit dem anderen zu tun?
„Ich sehe das nicht so. Ich sehe auch keinen zugespitzten Kampf der Religionen oder so ähnlich, Die Muslime gegen Die Christen, wie man das gerne formuliert. Man muss ganz genau mit dem Vergrößerungsglas hinschauen, was sich da abspielt und in welcher Situation die Menschen leben. Immer wieder sind es die Krisenherde, oder, wie wir sagen würden, die sozialen Brennpunkte, an denen sich etwas entfacht, was sich leider oftmals zwischen Christen und Muslimen abspielt. Ich warne aber davor, auch von westlicher Seite aus zu sagen, dass jetzt die Muslime die Macht ergreifen wollten. Es handelt sich nach wie vor um singuläre Ereignisse."
Wohin geht es als Nächstes? Was sind mögliche Schritte in die Zukunft?
„Zunächst einmal muss, egal ob es Christen oder Muslime betrifft, die soziale Situation gehoben werden. Und zweitens dann die Bildungssituation. Die soziale Situation ist ja immer noch so, vielleicht sogar noch schlimmer als vor dem Sturz von Mubarak, dass die Menschen gar nicht das zum Leben Notwendigste haben. Und dann passieren eben Zusammenstöße zwischen den Religionen. Noch einmal: Ich glaube nicht, dass das ein Hauptgrund ist, sondern dass die Armut der Menschen von einigen sehr wenigen radikalen Elementen – und das sind nicht die Muslimbrüder, wie sich herausstellt, sondern das sind die Salafiten, also eine Gruppe, von denen der Großmufti gestern gesagt hat, dass sie keine Muslime seien, wie sie sich gebärdeten – Die Situation muss sich aber ändern. Es müssen Strukturen geschaffen werden, es müssen Arbeitsplätze geschaffen werden und das ist eine riesige Aufgabe und das bedeutet die Änderung der sozialen Situation und das Aufbauen eines Miteinanders. Ich formuliere manchmal: Wir brauchen keine Demokratie in Ägypten, wir brauchen eine ‚Demodoulie’, wenn man das Wort denn prägen kann, also dass das Volk dient, und zwar einander, und nicht gegeneinander arbeitet."
Ein Blick über Ägypten hinaus: Syrien. Viele Menschen, auch Bischöfe, sagen, dass das Regime dort Christen schütze. Andere, unter anderem auch Sie, sagen, dass sich Christen am Protest gegen Assad beteiligen. Die Rückmeldungen hier bei uns im Radio kommen ebenfalls von beiden Seiten. Wie ist denn das einzuschätzen? Unterstützen Christen Assad? Sind sie sich uneins? Regiert die Angst, dass dasselbe passieren könnte, was jetzt in Ägypten passiert?
„Wir hatten in Ägypten ja auch eine interessante Bewegung der lokalen Christenheit. Zunächst einmal hatte Papst Shenuda sehr eindringlich gewarnt und seine Christen aufgerufen, sich nicht an den Demonstrationen zu beteiligen. Ähnlich verhalten sich nun wohl auch die Christen in Syrien. Sie verhielten sich jedenfalls so, abwartend, denn es ging ihnen gut. Weil es kein explizit islamischer Staat ist, waren sie gut in die Bevölkerungsstruktur integriert. Ich glaube allerdings nicht, dass es jetzt eine stärkere Gruppierung innerhalb der christlichen Minderheiten gebe, die jetzt noch das Regime Assad explizit oder implizit unterstützen würden. Man merkt inzwischen schon, dass der große Druck nicht nur von einer bestimmten Seite kommt, der Druck auf das Regime kommt von allen Seiten. Das Dramatische ist natürlich, dass, ganz anders als in Ägypten, Syrien mit harter Gewalt reagiert." (rv)