Vatikandiplomatie: Lob des Multilateralismus

In einer immer komplexer werdenden Welt können nur gemeinsame Anstrengungen zu politischen Lösungen führen: Dieses Grundprinzip der Vatikandiplomatie betonte deren Chef, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, an diesem Freitag sehr deutlich. Gerade mit Blick auf aktuelle Krisen wie etwa um Nordkorea könne man diese Komplexität sehen: „Wir leben in einem multipolaren Kontext, in dem es ganz verschiedene Instanzen gibt. Aber genau deswegen, weil die Welt enorm komplex geworden ist, müssen wir die Wichtigkeit des Instruments des Multilateralismus betonen, um auf eine friedliche Weise die Schwierigkeiten lösen zu können.“ Das sagte Parolin am Rand einer Buchvorstellung in Rom.

Multilateralismus ist das Prinzip, möglichst viele Partner an der Lösung politischer Probleme zu beteiligen. „Ich möchte bei dieser Gelegenheit diese Wichtigkeit des Multilateralismus noch einmal betonen“, so der Kardinal gegenüber Radio Vatikan. „Und das besonders in einer Zeit, in der dieser Multilateralismus in vielerlei Hinsicht in einer Krise steckt.“ Die Atomwaffen Nordkoreas fallen einem da ein, aber auch das multilaterale Abkommen mit dem Iran, das US-Präsident Donald Trump einseitig – unilateral – aufzukündigen droht, was ihm Kritik etwa aus Europa einbringt.

Kardinal Parolin ist eindeutig: Multilateralismus sei dem Einzelgängertum auf der globalen Bühne vorzuziehen. Dieser Unilateralismus sei eine „Versuchung“, so Parolin, der selber lange Jahre als Vatikandiplomat im aktiven Dienst war. „Der Heilige Stuhl sieht im Multilateralismus das Instrument, um die komplexen Probleme der Welt von heute zu lösen,“ bekräftigt Parolin.

Dazu gehöre für den Vatikan aber auch, konkrete Vorschläge zu machen. „Es reicht nicht aus, die Prinzipien in Erinnerung zu rufen, sondern es ist auch wichtig, auf mögliche Wege hinzuweisen, die man gehen kann.“

Die Krise des Multilateralismus müsse ebenfalls ganz konkret angegangen werden. „Man kann da an die Institutionen denken, welche dieses Prinzip umsetzen und die vielleicht eine Modernisierung gebrauchen können. Wie lange schon reden wir etwa über eine Reform der UNO und so weiter?“ In den Händen der dort im Augenblick in Vollversammlung tagenden Staats- und Regierungschefs liege das Schicksal der Menschheit: „Der Papst appelliert an ihre Verantwortung“, so Kardinal Parolin.Diese Verantwortung könnten sie nur gemeinsam wahrnehmen, wenn es um Frieden und die Entwicklung der ganzen Welt gehe. (rv)

Vor Russlandbesuch: Vatikan betont „Optik des Dialogs“

Die Vatikandiplomatie dreht sich um das Wohl der Menschen und Völker und bedient sich des Dialogs. Das hat der vatikanische Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin wenige Stunden vor seinem Russlandbesuch nochmals bekräftigt. In dieser Optik werde er mit seinen Gesprächspartnern in Moskau zusammentreffen und bilaterale Fragen wie auch Krisenthemen behandeln, sagte Parolin im Interview mit der russischen Nachrichtenagentur Tass.

In dem Gespräch ging der Kardinal die Etappen der Visite in der kommenden Woche durch: Demnach trifft die „Nummer Zwei“ des Vatikan am Montag zunächst Vertreter der katholischen Kirche und feiert eine Messe in Moskau. Am Dienstag ist das Treffen mit Patriarch Kyrill I. sowie dem russischen Außenminister Sergei Lawrow und am Mittwoch die Begegnung mit Präsident Wladimir Putin angesetzt.

Mit Blick auf den geplanten Austausch mit dem orthodoxen Patriarchen Kyrill I. und dem Außenamtschef des russischen Patriarchates Hilarion sprach Parolin von eine „Öffnung“ im Verhältnis der beiden Kirchen „in den letzten Jahren“, die im historischen Treffen Kyrill I. mit Papst Franziskus auf Kuba im vergangenen Jahr einen Höhepunkt gefunden habe. Es gehe hier um einen „Weg der Einheit“, unterstrich Parolin. Dieser erfordere Geduld und Einsatz, habe aber bereits „Momente der Einheit“ aufgezeigt. Ein Beispiel dafür sei der „Ökumenismus der Heiligen“, so Parolin. Er verwies hierbei auf die Ausstellungen der Reliquien des Heiligen Nikolaus von Bari in Russland, die zahlreiche Gläubige angezogen hatten.

Nach dem Kampf Russlands gegen den islamistischen Terror und einen gemeinsamen Einsatz der Kirchen in diesem Feld befragt warnte Parolin vor „Kraftakten, die ihrerseits neue Gewaltspiralen hervorrufen oder unveräußerliche Menschenrechte wie etwa die Religionsfreiheit in den Hintergrund drängen“. Die Friedensarbeit der Kirche sei langfristig angesetzt, es gehe hierbei um Bildung und Gewissensbildung, interkulturellen und interreligiösen Dialog, erinnerte der Kardinal. (rv)

Parolin: Vatikan verfolgt Politik des Friedens

Die Vermittlung des Vatikans in der politischen Krise in Venezuela ist nicht gescheitert. Das betonte Staatsekretär Pietro Parolin am Donnerstag in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung Avvenire. Der Heilige Stuhl verfolge eine „proaktive, nicht reaktive Diplomatie“, sagte Parolin. Wichtig sei, nach Lösungen zu suchen, die das Wohl des Volkes in den Vordergrund stellen. Am Donnerstag verschob der venezolanische Präsident Nicolas Maduro die anberaumte Eröffnungssitzung der Nationalversammlung. Generalstaatsanwältin Luisa Ortega hatte zuvor eine Untersuchung der Betrugsvorwürfe im Zusammenhang mit der Wahl angeordnet, bei der zehn Menschen ums Leben kamen.

Auch in Kolumbien hofft der Vatikan trotz aller Schwierigkeiten auf einen positiven Verlauf des Friedensprozesses, so Parolin. Der Besuch von Papst Franziskus im September habe zum Hauptziel, die Versöhnung im Land zu fördern. In dem Interview forderte der Staatssekretär auch erneut eine Friedenslösung für Jerusalem als „offene Stadt“, in der die Rechte aller Gläubigen anerkannt sind. „Das Problem muss auf internationaler Ebene gelöst werden“, das zeigten die aktuellen Konflikte.

Im Gespräch mit der Zeitung Il Sole 24 Ore kündigte Parolin an, weiterhin am Dialog mit China festhalten zu wollen. Zugleich forderte er Religionsfreiheit. Bei den letzten Verhandlungen bis zum 28. Juni hatte China scharf auf die Aussage der Kirche reagiert, man sei „traurig“ über das Verschwinden von Bischof Peter Shao Zhumin. Solche „Einzelfälle“ dürften nicht als Anlass genommen werden, „sich in innere Angelegenheiten einzumischen“, warnte das chinesische Außenministerium. (rv)

Kardinal Parolin: Migration als Ressource

Migration kann die Wirtschaft ankurbeln und den sozialen Frieden fördern. Das hat der vatikanische Kardinalstaatssekretär an diesem Dienstag auf einer internationalen Migrationskonferenz in Rom unterstrichen. In einem langen Vortrag über „Migration und inklusive Wirtschaft“ sprach sich Pietro Parolin laut Redetext für eine wirtschaftliche Entwicklung im Einklang mit sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit aus. Auf Papst Franziskus wie auf die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen Bezug nehmend entwickelte er in diesem Kontext positive Perspektiven der Migration, die heute vorrangig als Problem dargestellt wird.

Migration stelle mit 244 Millionen Migranten im Jahr 2016 natürlich um eine „Herausforderung für die Menschheit“ dar, hielt der Kardinal fest. Es handele sich aber um „keinen vorübergehenden Notlage“, sondern um eine Realität, die alle Kontinente betreffe und die die Welt nur gemeinsam angehen könne. Ziel müsse hierbei sein, eine „sichere, geordnete und reguläre Migration“ zu erreichen, die zu einem „Entwicklungsfaktor eines inklusiven und nachhaltigen Wachstum“ werden könne.

Migranten trügen in vielen Ländern wesentlich zum Bruttoinlandsprodukt bei, zahlten Steuern und füllten mit ihrem Nachwuchs demografische Lücken auf, erinnerte der Vatikanmann. Zudem trügen sie zu kultureller Vielfalt und Dynamik bei und könnten das Zusammenleben positiv beeinflussen. Parolin deutete den Erfahrungskontext der Kriegsflüchtlinge hier positiv: „Migration ist auch Friedensfaktor, weil gerade Migranten glaubwürdigste Zeugen der Sinnlosigkeit von Krieg und Gewalt sind.“

Die globale Politik und Wirtschaft sei einer positiven Wertschöpfung im Kontext der Migration aktuell nicht förderlich: So ging der Kardinal in seinem Vortrag auch über lange Strecken auf Missstände und Probleme wie die Benachteiligung von Migranten, die immer weiter klaffende Schere zwischen Arm und Reich und den Menschenhandel ein. Kritik äußerte der Kardinal sowohl am globalen Wirtschafts- und Finanzsystem, das wesentlich auf Egoismus und Ausschluss beruhe, sowie an Tendenzen in der aktuellen Flüchtlingspolitik. Ohne einzelne Länder namentlich zu nennen, griff Parolin Tendenzen der gegenwärtigen Flüchtlings- und Immigrationspolitik auf. So warnte er etwa davor, beim Versuch, der illegalen Einwanderung Herr zu werden, Probleme einfach von sich weg und in andere Länder zu verschieben. Auch dürften sich Staaten trotz ihres Rechtes, die eigenen Grenzen und Bürger zu schützen, nicht abschotten und Schutzbedürftigen die Türen verschließen.

Parolin sprach laut Veranstaltungsprogramm am Dienstag im italienischen Abgeordnetenhaus bei der sechsten Ausgabe des Internationalen Forums zum Thema Migration und Frieden. Die Konferenz wurde vom vatikanischen Dikasterium für die Ganzheitliche Entwicklung des Menschen gemeinsam mit der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung und dem International Migration Network (SIMN) der Scalabrini-Missionare veranstaltet. (rv)

Kongo und Vatikan sprechen über Migration

Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin hat mit dem Präsidenten der Republik Kongo über das Phänomen der Migration gesprochen. Neben der Unterzeichnung eines Abkommens zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Land waren auch die wirtschaftliche Situation und die Destabilisierung des Landes durch Guerilla-Gruppen weitere Themen des Treffens mit Clément Mouamba in der Hauptstadt Brazzaville. Zuvor sprach der Kardinal auch mit dem Außenminister, Jean Claude Gakosso, der den Einsatz der Kirche in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Sozialem hervorhob.

Bereits am Dienstag sprach der Kardinal mit den neun Bischöfen des Landes über die Situation der einzelnen Diözesen und die pastoralen Probleme in dem afrikanischen Land. Parolin betonte die Wichtigkeit eines regelmäßigen Kontaktes zu den staatlichen Behörden, um den Dienst für das Gemeinwohl und die Armen voranzutreiben, sowie die Notwendigkeit der Ausbildung von Laien, um die Politik im Sinne der Soziallehre der Kirche mitzugestalten. Ein Gesprächsthema war auch die Gewalt in der Region von Pool.

Die Bischöfe sprachen mit Parolin auch über eine mögliche Seligsprechung von Kardinal Emile Biayenda, der vor vierzig Jahren im Rahmen einer Stammesstreitigkeit erst entführt und dann ermordet wurde. Der Kardinalstaatssekretär besuchte auch ein karitatives Zentrum in der Region, das Biayenda gewidmet ist und sich um physisch und psychisch destabilisierte Personen kümmert, sowie ein Zentrum für ausgesetzte Babys, Kinder und Jugendliche.

Die Republik Kongo ist die letzte Station auf der elftägigen Afrika-Reise Parolins. Zuvor besuchte der Kardinalstaatssekretär schon Madagaskar und Kenia. Anlass des Besuches ist die Unterzeichnung eines Abkommens zwischen dem Heiligen Stuhl und der Republik Kongo, sowie der vierzigste Jahrestag der Aufnahme der Beziehungen zwischen den beiden Staaten. (rv)

Kardinalstaatssekretär besucht drei Länder Afrikas

Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin ist zu einer elftägigen Afrikareise aufgebrochen. Anlass ist das 50-jährige Bestehen diplomatischer Beziehungen zwischen Madagaskar und dem Heiligen Stuhl. Neben dem Inselstaat wird Parolin auch den Kongo besuchen, wo er eine Vereinbarung zwischen Kirche und Staat unterzeichnen wird. Auch ein kurzer Abstecher nach Nairobi in Kenia ist eingeplant.

Es ist der zweite Besuch eines Vertreters des Heiligen Stuhls auf der Insel. Im Jahr 1989 hatte Papst Johannes Paul II. Madagaskar besucht. Im Juni 2014 wurde der Präsident von Madagaskar von Papst Franziskus in Rom in Audienz empfangen. (rv)

Parolin in Davos: Wirtschaftliche Gerechtigkeit für Frieden

Vom diesjährigen World Economic Forum – kurz WEF – in Davos erwartet Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin sich konkrete Maßnahmen für eine gerechtere Wirtschaft. Denn nur wenn Gerechtigkeit herrsche, dann könne es auch Frieden in der Welt geben. Das sagte er an diesem Donnerstag im öffentlichen Gespräch mit dem ehemaligen deutschen Wirtschaftsminister und FDP-Politiker Philipp Rösler, Geschäftsführer der Stiftung Weltwirtschaftsforum. Die Nummer Zwei im Vatikan ist einer der 3.000 Besucher beim Gesprächsforum, an dem Wirtschaftsleute, Politiker, Staatschefs und Kulturschaffende aus über 100 Ländern teilnehmen. Unter Berufung auf den Wahlspruch von Papst Pius XII. betont Parolin:

„Opus iustitiae pax – das Werk der Gerechtigkeit ist der Frieden. Wenn es keine Gerechtigkeit gibt, dann gibt es keinen Frieden. Das ist genau das, was dieses Forum zu erreichen versuchen sollte, nämlich Gerechtigkeit im wirtschaftlichen Bereich und beim Handel, andernfalls wird es keinen Frieden geben.“

Mit Blick auf das atomare Wettrüsten der vergangenen Jahre unterstreicht er die Position des Heiligen Stuhls, der seit jeher auf die atomare Abrüstung drängt: „Ein Frieden, der auf Angst aufbaut, ist kein Frieden. Und atomare Waffen sind nur eine Art, den anderen Angst einzuflößen, um sie vom Handeln abzuhalten.“

Die Päpste hätten sich über die Jahre immer wieder entschlossen für Frieden auf der Welt eingesetzt, erinnert er insbesondere an Benedikt XV. und Pius XII., die die beiden Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts erlebten. Der Dritte Weltkrieg, so betont Papst Franziskus es immer wieder, sei unterdessen just dieser Tage und unbemerkt von den meisten in vollem Gange.

Frieden sei hingegen auch für die Wirtschaft ein enorm wichtiger Faktor, erläutert Rösler in seiner Moderation: Im jüngsten Risk-Report für die Wirtschaft beispielsweise stand die Frage des Friedens unter allen genannten Risikofaktoren auf Platz 1.

Frieden sei auch der Grund, aus dem die vatikanische Diplomatie überhaupt bestehe, so der ranghöchste Vatikandiplomat, der in dem halbstündigen Gespräch auch auf die Rolle der Vatikandiplomatie, ihre Ziele und die Krise der Europäischen Union einging.

„Wir müssen anerkennen, dass die Europäische Union derzeit in einer Krise ist. Zunächst möchte ich hervorheben, dass die Europäische Union dem Europäischen Kontinent große Vorteile verschafft hat. Das dürfen wir nicht vergessen! Vielleicht ist es eines unserer heutigen Probleme, dass die junge Generation diese Vorteile nicht mehr erkennt. Denken wir beispielsweise an den Frieden: unser Kontinent hat 60 Jahre lang in Frieden gelebt, nach den zerstörerischen Erfahrungen des Ersten und Zweiten Weltkrieges.“

Auch die Freizügigkeit im Waren- und Personenverkehr nannte Kardinalsstaatssekretär Parolin in seinem Plädoyer für die Europäische Union. Gerade diese Freizügigkeit war jedoch mit ein entscheidender Grund für den Brexit, und wird auch von anderen Ländern als Gefahr für die eigene Identität gesehen:

„Da gibt es einen Konflikt, das müssen wir anerkennen. Beispielsweise die Tatsache, dass einige Länder entschieden haben, ihre Türen zu schließen, weil sie sich auf ihre spezifische Identität berufen. Sie haben Angst, dass diese Identität verloren gehen könnte durch die Einreise von Menschen anderer Kulturen und Religionen.“ Doch dazu gebe es zweierlei zu sagen, betont Parolin: Einerseits sei dies insgesamt kein neues Phänomen, sondern ziehe sich durch die Geschichte des Menschen, die eine Geschichte des fruchtbaren Austauschs von Kulturen sei. Neu sei höchstens die die Dimension dieses Phänomens insbesondere für Europa, auch wenn es dabei zu bedenken gebe, dass die meisten Migranten weltweit gar nicht erst dort einträfen.

„Und zweitens, und das ist genau das, was der Heilige Vater oft gesagt hat, ist das die Herausforderung, die vor uns liegt, nämlich wie man Verschiedenheiten nicht zu einer Ursache von Konflikt, Zusammenstößen und Trennungen werden lässt, sondern zu einer Quelle gegenseitiger Bereicherung und Fortschritt. Und heute, in unserer multipolaren Welt, in der es so viele Machtzentren und Interessensgruppen gibt, wird das immer wichtiger.“

Philipp Rösler ist seit 2014 Geschäftsführer der Stiftung, die das Weltwirtschaftsforum organisiert. Er ist bekennender Katholik und auch im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken vertreten. (rv)

Jubiläum der Nuntien: Papstbotschafter aus aller Welt in Rom

Kardinal ParolinEin vatikanisches Botschaftertreffen neuer Art: Papst Franziskus hat seine Nuntien aus aller Welt zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit nach Rom eingeladen, und fast alle sind gekommen. Von 108 Nuntien und Ständigen Beobachtern halten sich nicht weniger als 106 zum „Jubiläum der päpstlichen Repräsentanten“ dieser Tage im Vatikan auf, wie der Pressesaal des Heiligen Stuhles am Donnerstag informierte. Das Treffen dauert bis Samstag und enthält geistliche Impulse, Fortbildungsvorträge, zwei Empfänge sowie insgesamt vier Begegnungen mit Papst Franziskus. Am letzten Tag, zu dem auch die 40 emeritierten Nuntien eingeladen sind, durchschreiten die päpstlichen Diplomaten gemeinsam die Heilige Pforte des Petersdoms, danach ist eine Papstaudienz anberaumt.

Die Serie der Begegnungen eröffnete eine Messe im Petersdom, die Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin am Donnerstagmorgen zelebrierte. Danach hören die Nuntien in der Synodenaula über der Audienzhalle zwei Vorträge, einen davon über die „Kultur des Gender“ von dem Opus-Dei-Priester Robert Gahl, der Ethik an der Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz in Rom lehrt. Am Abend ist ein gemeinsames Essen mit Papst Franziskus in der Casina Pio IV. in den vatikanischen Gärten vorgesehen.

Der Freitag ist einer Arbeitsbegegnung mit den Spitzen des Staatssekretariats gewidmet, danach hält der Präsident des päpstlichen Dialogrates, Kardinal Jean-Loius Tauran, selbst ein früherer Spitzendiplomat des Heiligen Stuhles, einen Vortrag über die Beziehungen zum Islam. Abends folgt ein großer Empfang mit den Kurienchefs und den beim Heiligen Stuhl akkreditierten Botschaftern auf der Terrasse der Gemäldesammlung der Vatikanischen Museen.

Am Samstag feiern die Nuntien die Frühmesse mit dem Papst in der Kapelle von dessen Residenz Santa Marta. Am selben Ort hören die Diplomaten sodann einen Vortrag vom neuen Präsidenten des Päpstlichen Instituts Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie, Pierangelo Sequeri. Nach dem pilgernden Durchschreiten der Heiligen Pforte und der Papstaudienz in der Sala Clementina im Apostolischen Palast ist eine „brüderliche Agape“ mit Franziskus in seiner Residenz vorgesehen.

Die übrigen Mitarbeiter im diplomatischen Dienst sind zu einer gesonderten Begegnung mit Franziskus im Vatikan am 18. November eingeladen. Dann werden, wie der Pressesaal informierte, alle 163 festen Mitarbeiter der päpstlichen diplomatischen Vertretungen – Botschaftsräte, Sekretäre und Attaches – zur Feier eines Jubiläumstages nach Rom kommen.

Von den derzeit 108 Päpstlichen Repräsentanten sind 103 Apostolische Nuntien im Rang eines Erzbischofs, die fünf anderen sind Priester, die als Ständige Beobachter zu verschiedenen internationalen Organisationen entsandt sind.

Der Heilige Stuhl unterhält diplomatische Beziehungen mit 180 Staaten auf allen Kontinenten; nicht vertreten sind unter anderem Saudi-Arabien und China. Die katholische Kirche ist die einzige Religionsgemeinschaft, die ein eigenes, hochartikuliertes System diplomatischer Vertretungen unterhält. In ihren Gastländern nehmen die Botschafter – Nuntien – im Auftrag des Papstes sowohl diplomatische als auch kirchliche Aufgaben wahr. (rv)

Die Diplomatie des Heiligen Stuhles: ein Überblick

Kardinal ParolinWas ist ein Nuntius, was ist seine Aufgabe und was nicht, wo liegen die Stärken und die Grenzen seiner Mission? Die Diplomatie des Heiligen Stuhles ist eine sehr weit zurückreichende Form politischen Ausgleichs zwischen Rom und der Welt. Erst rzlich hat Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, der vatikanische Chefdiplomat, eine behutsame Akzentverschiebung in der Diplomatie angeregt: nicht mehr nur Streitparteien an einen Tisch bringen, sondern zugleich auch die Opfer eines Konflikts in den Blick nehmen. Die Nuntien, also die Botschafter des Papstes, könnten und sollten in einer solchen „Diplomatie der Barmherzigkeit“ (Parolin) vorangehen.

Über die Aufgaben und Funktionen der päpstlichen Diplomatie hat Gudrun Sailer mit dem jungen italienischen Jurist Matteo Cantori gesprochen, der eine vielbeachtete Diplomarbeit über kirchliche und kirchenrechtliche Aspekte der päpstlichen Diplomatie vorgelegt hat.

RV: Der Heilige Stuhl unterhält heute diplomatische Beziehungen mit nicht weniger als 180 Staaten. Die katholische Kirche hat eine Sendung der Verkündigung, der Evangelisierung. Wie verträgt es sich mit diesem Auftrag, gleichzeitig eine so artikulierte und ausgefaltete Diplomatie zu unterhalten?

Cantori: „Die erste Aufgabe der päpstlichen Diplomatie ist es, der Kirche in Einheit mit Petrus zu dienen. Der Nuntius muss sich in dem Land, in das er gesandt ist, zum Lautsprecher des Heiligen Vaters machen, muss wachen und informieren: Wachen über den Zustand der Kirchen und informieren über all das den Heiligen Stuhl. Zugleich ist die päpstliche Diplomatie eine Diplomatie „sui generis“, also eigener Art. Eine Diplomatie ohne Grenzen, keinen nationalen Wirkungsradius und Schluss, sie ist unbegrenzt. Sie zielt auf alle Menschen, nicht nur auf die Christgläubigen, sondern auf alle Männer und Frauen unserer Zeit, sie schaut auf die Entwicklung und das Wachstum und den Fortschritt aller, und sucht über ihre Missionarität und evangelisierendes Werk, alle Punkte des menschlichen Lebens zu berühren.“

RV: Der Nuntius ist der Botschafter des Papstes, doch was ihn auf den ersten Blick unterscheidet von einem Botschafter jedes anderen Staates, ist, dass er ein Priester ist, ein Erzbischof. Was heißt dieser Unterschied?

Cantori: „Der Nuntius steht auf derselben Ebene wie der Bischof von Rom, weil er Mitbruder im Bischofsamt ist. Juristisch gesagt ist er die Figur, über die der Heilige Stuhl die äußerliche Gesandtschaft und die innere Gesandtschaft ausübt. Das bedeutet, der Nuntius pflegt die Beziehungen einerseits mit dem Staat und andererseits mit seiner katholischen Bevölkerung. Zu seinen Aufgaben gehört es beispielsweise, neue Bischöfe vorzuschlagen. Er muss eine Unterstützung sein für den Klerus und die Ordensleute, für die örtlichen Bischofskonferenzen, wobei er sich ihr nicht überordnen darf. Er unterstützt, hilft und verbindet. Und er ist ein Vermittler, kein Bürokrat. Oft wird gesagt, der Nuntius macht eine bürokratische Arbeit. Nein: Der Nuntius ist in erster Linie Hirte.“

RV: Man hört oft, die päpstliche Diplomatie sei historisch betrachtet die erste gewesen. Stimmt das? Und wenn ja, welche Absichten hatten die Päpste zu Beginn der Kirchengeschichte?

Cantori: „Die päpstliche Diplomatie ist die erste. Sie kam zustande, um den Papst bei Konzilien und Synoden zu vertreten. Um aber Nuntiaturen zu sehen, die den heutigen ähneln, müssen wir in die frühe Neuzeit gehen, ins 15. Jahrhundert, wenn sich die großen Nationalstaaten herausbilden. Auch der Papst hat einen eigenen Staat, den Kirchenstaat, und auch er braucht Repräsentanten, etwa in Venedig oder in Polen, überall. So entstehen fixe Nuntiaturen, nicht fallweise Repräsentanten. Im Lauf der Jahrhunderte nimmt die Nuntiatur dann immer mehr eine evangelisierende Funktion an, sie erhält auch einen missionarischen Charakter.“

RV: Der Heilige Stuhl ist längst auch bei internationalen Organisationen mit seiner Diplomatie präsent und hat permanente Beobachter bei der UNO, bei der Atomenergiebehörde, dem Welternährungsprogramm und vielen anderen Organisationen. Aus welchem Grund?

Cantori: „Weil dem Heiligen Stuhl liegen die großen Fragen der Menschheit am Herzen. Auf internationaler Ebene hat die Kirche immer die Notwendigkeit verspürt, mit allen Staaten zusammenzuarbeiten, um sich den Herausforderungen der heutigen Welt zu stellen. Sicher, das Gewicht des Heiligen Stuhles ist moralisch, weniger politisch. Aber er ist ein anerkanntes Mitglied unter den Staaten, und er sieht ab von nationalen Interessen zugunsten universeller Werte: Recht auf Leben oder Verzicht auf Gewalt etwa. Die grundlegenden Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit.“

RV: Inwiefern verteidigen die Repräsentanten des Heiligen Stuhles auch die Rechte der anderen Religionen?

Cantori: „Der päpstliche Repräsentant ist nicht nur für die katholischen Gläubigen da. Es wird nicht gesagt: hier sind 1.000 Einwohner, 100 Getaufte, ich muss noch 100 dazugewinnen. Nein: Hier sind 1.000 Einwohner, mir liegen die 100 Getauften am Herzen, aber mir liegen auch die 900 Nichtgetauften am Herzen, die anderen Religionen oder gar keiner angehören. Ein weiteres Merkmal der päpstlichen Diplomatie ist ihre Unparteilichkeit. Sie lässt sich nicht leiten von Sympathien oder Antipathien. Der Heilige Stuhl begreift es als seine Pflicht, die Stimme der Vernunft zu Gehör zu bringen.“ (rv)

Parolin betet für Frieden in Venezuela

Kardinal ParolinDie Nummer Zwei im Vatikan, Kardinal Pietro Parolin, ruft zur Bewahrung des Friedens in Venezuela auf. Bei einer Messe in der italienischen Provinz Teramo bat der vatikanische Kardinalstaatssekretär an diesem Samstag seine Zuhörer darum, für Venezuela zu beten. Das Land, in dem Parolin vor seinem Wechsel in den Vatikan päpstlicher Nuntius war, macht seit Monaten eine schwere politische, soziale und wirtschaftliche Krise durch.

Der Kardinal sprach von „ausgesprochen großen Schwierigkeiten“ Venezuelas, „die in der Bevölkerung zu großem Leid führen“. Er bat um Gebet für die „Verantwortlichen des öffentlichen Lebens und die Komponenten der Gesellschaft, auf dass sie weise und mutig seien“. Es gelte, „friedliche Lösungen für die gegenwärtige Krise zu finden“. Dazu müsse bei allen der „Sinn für das Gemeinwohl“ an erster Stelle stehen. (rv)