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Die Tagespost
Samstag, 20. November 2010 Nr.138 /Nr. 46 ASZ
Medien
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Nach der Gründung des Staates Israel nimmt Hind Husseini (Hiam Abbas) aus altruisti-
schen Motiven einige palästinensische Waisenkinder in ihr eigenes Haus auf.
Foto: Prokino
Eine Insel der Menschlichkeit errichten
Im Kino: Julian Schnabels „Miral“ und „Still Walking“von dem japanischen Regisseur Hirokazu Kore-eda
VON JOS´
EGARC´
IA MIRAL
Mit „Schmetterling und Ta ucherglocke“
(DT vom27.03.2008) gewann Julian Schna-
bel nicht nurbedeutende Auszeichnungen.
In seiner dritten Regiearbeit gelang dem
Bildenden Künstler Schnabel eine seltene
Verknüpfung zwischen formvollendeter
formeller Schönheit und tiefgreifendem Su-
jet, das in einer regelrechten Hymne an das
Leben gipfelte.
Die Drehbuchvorlage für Schnabels
vierten Spielfilm
„Miral“
liefert die in Italien
lebende palästinensische Journalistin Rula
Jebreal, die ihren autobiographisch gefärb-
ten Roman selbst adaptiert. „Miral“spannt
einen Bogenvon 1947 bis 1994, und er-
zählt vonvier Palästinenserinnen, deren
Schicksale eng mit der Entwicklung im
Nahostkonflikt verknüpft sind. Im ersten
Teil steht Hind Husseini (Hiam Abbas) im
Mittelpunkt, die nach der Gründung des
Staates Israel aus altruistischen Beweggrün-
den einigeWaisenkinder in ihr eigenes
Haus aufnimmt. Daraus entwickelt sich mit
der Zeit ein Internatfür palästinensische
Waisenkinder,das Dar-Al-Tifl-Institut, in
dem mehr als 3000 Mädchen Platz finden.
Dort wird auch Miral aufgenommen, nach-
dem sich ihre Mutter Nadia (Yasmine Al
Masri) das Leben nahm. Deren Geschichte
ist wiederum vo neiner Krankenschwester
namens Fatima (Ruba Blal) beeinflusst, die
sich einer militanten Bewegung anschließt.
Zwanzig Jahre später ist aus Miral (Freida
Pinto) eine jungeFrau geworden, die sich
während der ersten Intifada in den politi-
schen Aktivisten Hani (Omar Metwally)
verliebt. Miral gerät in einen Konflikt mit
ihrem liebevollen Vater Ja mal (Alexander
Siddig) und vorallem mit den Idealen vo n
„Mama Hind“, die ihre palästinensischen
SchützlingezuMenschlichkeit und Gewalt-
freiheit erzieht.
Zwar leidet die Dramaturgie von„Mi-
ral“ darunter,dass der Film die Pe rspektive
und damit die Hauptfigur mehrfach wech-
selt. Julian Schnabel gleicht jedoch diese
Schwäche mit seiner poetischen Bilderspra-
che aus,indie auch Dokumentaraufnah-
men integriert werden. Vorallem aber setzt
„Miral“Hind Husseini ein berührendes fil-
misches Denkmal, einer Frau, die aus un-
eigennützigen Motiven aufopferungsvoll
ihr Leben dafür einsetzte,ineiner immer
radikaler werdenden Umgebung jungen
Menschen eine gute Erziehung und Ausbil-
dung zu ermöglichen und dadurch eine
Insel der Humanität errichtete.
Kaum die Handlung,eher die Stim-
mung steht im Vordergrund des Spielfilmes
„StillWalking“
,bei dem Hirokazu Kore-eda
Regie führt, der vorfünf Ja hren mit „No-
body Knows“ (DT vom05.04.2005) einen
emotionell sehr kraftvollen Film über vier
vo nihrer Mutter zurückgelassene,auf sich
allein gestellte Kinder vorlegte.
Im japanischen Sommer kommen die
erwachsenen Kinder der Yoko yamas (Hara-
da Yoshio,Kiki Kirin) mit ihren Fa milien
nach Hause.Der Anlass für das offensicht-
lich jährlich stattfindende Treffen: Vor
fünfzehn Jahren starb der älteste Sohn Jun-
pei, als er einen Jungen vordem Ertrinken
im Meer rettete.Die Tochter Chinami (You)
putzt mit der Mutter in der Küche Gemüse.
Die alltägliche Unterhaltung lässt vermu-
ten, dass zwischen Mutter und Tochter bes-
te Übereinstimmung herrscht. Im Laufe der
24 Stunden, über die der Film die Familie
begleitet, werden jedoch gravierende Diffe-
renzen zu Ta ge treten. Im Falle des jüngeren
Sohnes Ryota (Hiroshi Abe) sind diese frei-
lich vonAnfang an allzu deutlich: Sein
missgelaunter Vater fühlt sich vonihm ent-
täuscht, weil Ryota kein Interesse an einer
Übernahme der Arztpraxis hat. Die Mutter
zeigt unverblümt, wie sehr es ihr missfällt,
dass Ryota die verwitwete Yukari (Yui Nat-
sukawa) geheiratet hat, die mit ihrem zehn-
jährigen Sohn aus erster Ehe am Fa milien-
treffen teilnimmt.
Je der europäische Zuschauer hatwohl
etliche amerikanische Filme über Fa milien-
treffen gesehen. Keiner dieser Spielfilme
fühlt sich jedoch so wahrhaftig an wie „Still
Wa lking“. Wahrscheinlich liegt dies ein-
fach daran, dass es beim jüngsten Film von
Hirokazu Kore-eda gar nicht um die Ent-
hüllung irgendeines langegehüteten Ge-
heimnisses oder um sonst etwas „Folgen-
schweres“geht, sondern um die facetten-
reiche Zeichnung vonambivalenten, aus
dem Leben gegriffenen Menschen. Knappe,
authentisch wirkende Dialoge werden mit
den perfekt komponierten, in ihrer Unbe-
weglichkeit malerisch wirkenden Bildern
vo nYutaka Yamazaki verknüpft und mit
einer unaufdringlichen Musik unterlegt.
Bei der Entfaltung einer Handlung,inder
äußerlich kaum etwas passiert, beweist Re-
gisseur Hirokazu Kore-eda vorallem ein
perfektes Gespür für Erzählrhythmus.
Obwohl „Still Wa lking“ auf den ersten
Blick deprimierend wirkt, zeichnet der
japanische Filmemacher das sehr nuancier-
te Bild einer Familie.Dazu führt Kore-eda
selbst aus: er wollte „einen Moment des Le-
bens selbst einfangen. Und in diesem Mo-
ment alle zwiespältigen Gefühle packen,
die zu einer Fa milienerinnerung gehören,
wie wenn man ein altes Fa milienalbum an-
schaut.“Sozeigt „Still Wa lking“inseiner
Momentaufnahme,wie viele Ressenti-
ments sie bergen, aber wie wertvoll die
Fa milie sein kann.
Ein Blick auf die schön gestaltete Internetseite „www.vaticanhistory.de“.
Foto: vaticanhistory
Wissenswertes über die Purpurträger
Mit viel Engagement erklären zwei Internetseiten das Berater-und Wahlgremium des Papstes
VON ULRICH NERSINGER
Das Kardinalskollegium zieht in diesen Ta-
gendas Interesse auf sich. Am heutigen
Samstagkreiert Papst Benedikt XVI. vier-
undzwanzig Geistliche in einem Öffent-
lichen Konsistorium zu Kardinälen, mor-
genüberreicht er ihnen bei einem festli-
chen Pontifikalamt im Petersdom den Kar-
dinalsring.Inden nächsten Tagenund Wo-
chen werden die neuen Purpurträger von
ihren Titelkirchen und Diakonien feierlich
Besitz ergreifen. Wernicht über die entspre-
chende Fachliteratur verfügt und den „An-
nuario Pontificio“, das Päpstliche Jahrbuch,
auf seinem Schreibtisch liegen hatoder sich
nicht mit den Angaben auf der offiziellen
Homepage des Vatikans (www.vatican.va)
begnügen möchte,findet auf zwei Internet-
seiten fundierte und aufschlussreiche Infor-
mationen zu den Mitgliedern des Kardi-
nalskollegiums.
Salvador Miranda, geboren 1939 in
Havanna (Kuba), wirkte jahrzehntelang als
Bibliothekar an nordamerikanischen
Hochschulen, so an der University of Flo-
rida (Gainesville) und der Florida Interna-
tional University (Miami). Seine Magister-
arbeit in den Geschichtswissenschaften
schrieberzudem Thema „The Sacred Col-
legeofCardinals in the Twentieth Century
(1903–1973): Developments,Documents
and Biographies“. Mirandas Interesse an
dem Senatder Kirche hatte ihn noch vor
seiner Pensionierung im Jahre 2001 dazu
bewogen, eine Seite in das Internet zu stel-
len, die ihresgleichen sucht. Unter
„www2.fiu.edu/~mirandas/cardinals.htm“
wird dem Besucher der englischsprachigen
Homepage ein Fundus zur Geschichte des
Kardinalskollegiums dargeboten, der durch
seinen Umfang verblüfft und den strengs-
ten wissenschaftlichen Ansprüchen ge-
recht wird. Die Komplexität der Internet-
seite erschließt sich dem Benutzer erst
durch das Anklicken der verschiedenen
Rubriken. Salvador Miranda stellt eine Rei-
he vonsorgsam zusammengestellten Kata-
logenzur Verfügung: Unter anderem ein
Gesamtverzeichnis der Kardinäle mit de-
taillierten biographischen Anmerkungen
(492–2010), eine Liste der Personen, die auf
das Kardinalatverzichtet haben oder denen
es vonden Päpsten wieder genommen wur-
de (1449–1927), ein Verzeichnis der Pur-
purträger aus den Orden und religiösen Ge-
meinschaften (590–2010), Kataloge des ak-
tuellen Kollegiums,aufgelistet nach Alpha-
bet, Geburt, Herkunftsland, Kreierung,
Ordo und Präzedenz sowie der Berechti-
gung zur Wahl eines künftigen Papstes.
Ebenso sind Angaben zu den suburbikari-
schen Diözesen, Titelkirchen und Diako-
nien, den Papstwahlen und Konklavever-
sammlungen (1061–2005) und den wich-
tigsten Dokumenten (76–2009), die den
Klerus der Stadt und das Kardinalskolle-
gium betreffen, vorhanden. Ein ausführli-
ches Literaturverzeichnis lädt zu einem wei-
teren Studium der Materie ein.
Einer der zahlreichen Links,auf die
Miranda verweist, führt zu „www.vatican-
history.de“, einer deutschsprachigen Inter-
net-Präsenz. „Alles rund ums Thema Papst,
Konklave und Vatikan findet sich auf den
lesenswerten Seiten vonMartin Marker“,
lobte schon 2004 die ARD-Sendung „planet
wissen“die Internetseite,die im bayeri-
schen Weihenhammer beheimatet ist.
Kurze Lebensläufe mit
Photographien und Wappen
Der Betreiber der Homepage ist ke in
Theologe oder Historiker –„Ich betrachte
meine Arbeit einfach nurals Hobby“, er-
klärt der Berufssoldataus der Oberpfalz.
Doch „vaticanhistory“ist alles andere als
amateurhaft gemacht. Martin Marker gibt
solide und stets aktualisierte Informationen
zu den jetzigen Mitgliedern des Kardinals-
kollegiums,die er in verschiedenen Katego-
rien auflistet. Zu all diesen Kardinälen sind
kurze Viten mit Fotografien und Abbildun-
gender Wa ppen vorhanden. Aufgeführt
sind auch die Purpurträger,die seit 1996
verstorben sind. Ebenso kann der Besucher
der Homepage ein Verzeichnis der suburbi-
karischen Diözesen, Titelkirchen und Dia-
konien einsehen, das zudem Auskunft über
deren aktuelle und frühere Inhaber gibt.
Wersich schnell, kompakt und verständ-
lich in deutscher Sprache über das Kardi-
nalskollegium kundig machen möchte,
sollte „www.vaticanhistory.de“ (alternativ:
„www.vaticanhistory.eu“) anklicken.
KIRCHE IM HÖRFUNK
Domradio
So., 21.11., 10.00 Uhr
Gottesdienst. Kapitelsamt aus dem Köl-
ner Dom.
Radio Horeb
So., 21.11. –Do.,25.11., 14.00 Uhr
Spiritualität. (z. B. So: Christkönig –Mut
zum Bekenntnis.Pat er Prior Maximilian
Heim OCist; Mi: Leben mit den Heiligen:
Die vierzehn Nothelfer.Christoph Ohly).
Mo., 22.11. –Sa., 27.11., 10.00 Uhr
Lebenshilfe.(z. B. Mo: www.liebele-
ben.com –damit Ehe und Beziehung ge-
lingen. Lucia und Hans-Peter Hauser; Mi:
Gesund durch den Winter.Felicitas Kar-
linger,Ärztin für Allgemein- und Hilde-
gardmedizin).
Di., 23.11. –Fr.,26.11., 20.30 Uhr
Credo –Der Glaube der Kirche.(z. B. Di:
Evangelium des Lebens –die Enzyklika
Evangelium vitae vonJohannes Paul II.,
12. Te il. Manfred Balkenohl; Mi: Der
Bund mit Gott. High lights aus dem Al-
ten Te stament, 15. Teil. Pfarrer Ulrich Fil-
ler).
Bayerischer Rundfunk
B2, So., 21.11., 08.05 Uhr
Katholische Welt. Die Kinder vomMarkt.
Haus der Hoffnung der Don Bosco
Schwestern in Cotonou. VonKathrin
Seyfahrt.
Südwestfunk
SWR 2, So., 21.11., 07.55 Uhr
Wo rt zum Sonntag. Bischof Franz-Peter
Tebartz-von Elst, Limburg.
Norddeutscher Rundfunk
NDR kultur,So.,21.11., 08.40 Uhr
Glaubenssachen. Memento mori. Vom
Nutzen des Todes.Von Mathias Greffrath.
DT/KNA
Datenschützer Schaar:
Google muss nacharbeiten
Der Bundesdatenschutzbeauftragte Pe ter
Schaar hatGoogle dazu aufgerufen, die
Anonymisierung vo nPersonen in dem
neuen Panorama-Dienst Street View zu ver-
bessern. Beim Klicken durch die Straßen
vonBerlin habe er festgestellt, dass die Ge-
sichter vo nPassanten oftmals nicht ausrei-
chend unkenntlich gemacht worden seien,
sagte Schaar den „Dortmunder Ruhr Nach-
richten“(Freitag). Viele seien so verpixelt,
dass sie für Freunde,Kollegen und Ver-
wandte auf den ersten Blick erkennbar blie-
ben. Schaar forderte zudem, für Street View
und vergleichbare Dienste ein zentrales Wi-
derspruchsregister einzurichten, damit sich
Betroffene nicht bei jedem einzelnen
Dienst melden müssten. DT/dpa